Kom­pass für kli­ma­ge­re­ch­tes Bauen

Buchrezension

Das Handbuch widmet sich anschaulich den Zusammenhängen zwischen Bauweise, Materialien und Energiebilanz eines Gebäudes.

Data di pubblicazione
19-07-2026

Die Debatte über klimagerechtes Bauen wird zunehmend von Zahlen bestimmt: Energiekennwerte, CO₂-Bilanzen, Lebenszyklen, Emissionsfaktoren. Doch was bedeuten diese Werte eigentlich konkret? Genau hier setzt das Handbuch von Annette Gigon, Mike Guyer und Arend Kölsch an. Es will Orientierung schaffen in einem Themenfeld, das selbst für Planende schnell unübersichtlich wird. Im Mittelpunkt steht die Ökobilanzierung von Gebäuden. Betrachtet wird also nicht nur der Energieverbrauch eines Hauses im Betrieb, sondern dessen gesamter materieller und energetischer Aufwand – von der Herstellung der Baustoffe bis zum Rückbau.

Wer angesichts der namhaften Autorin und Autoren einen Reigen von Best-Practice-Beispielen aus dem Werk der Zürcher Architekten erwartet hatte, dürfte erstaunt sein. Projekte von Gigon Guyer werden nicht gezeigt; das Buch besteht weitgehend aus Tabellen und Zahltafeln sowie erläuternden Texten. 

Zunächst will die Autorenschaft Orientierung geben: Was ist viel? Was ist wenig? Wo liegen die entscheidenden Hebel? Dafür bereiten sie das komplexe Themenfeld der Ökobilanzierung in kompakter und bemerkenswert verständlicher Form auf. 

Die wesentliche Stärke des Buchs ist seine praxisbezogene Einführung in die Lebenszyklusbetrachtung: Die Autorenschaft vermittelt Grundlagenwissen, ohne sich in fachlichen Details zu verlieren. Bereits das erste Kapitel bietet eine verständliche Einführung in die wichtigsten Begriffe und Zusammenhänge; Fachwissen wird kaum vorausgesetzt. Hinzu kommt eine übersichtliche Navigation durchs Buch. 

Dabei überzeugt insbesondere die Arbeit mit konkreten Gebäudetypen: Reihenhaus, mehrstöckiges Wohnhaus oder Bürogebäude – typische Bauaufgaben im Neubau und der Sanierung werden systematisch betrachtet. Leserinnen und Leser lernen, welchen Anteil Gebäude an den Treibhausgasemissionen und am Energieverbrauch haben und welche Faktoren diese Werte beeinflussen. Zwar liegt der Schwerpunkt klar auf dem Schweizer Kontext, doch die grundlegenden Zusammenhänge lassen sich ohne Weiteres auf andere Länder übertragen. Deshalb dürfte das Buch auch ausserhalb der Schweiz auf Interesse stossen.

Die Autorenschaft weist ausdrücklich darauf hin, dass sämtliche Ergebnisse nur Momentaufnahmen sein können. Datengrundlagen, Produktionsverfahren und Energiesysteme verändern sich fortlaufend. Entscheidend sei deshalb weniger absolute Präzision als vielmehr das Verständnis der Grössenordnungen und Zusammenhänge. Dieser pragmatische Ansatz bewahrt das Buch vor technischer Überfrachtung. Wer tiefer einsteigen möchte, findet zahlreiche Hinweise auf Fachliteratur, Datenbanken und Berechnungstools.

Im zweiten Kapitel steht die Nutzungsphase des Gebäudes im Mittelpunkt. Behandelt werden Betriebsenergie und deren Umweltauswirkungen. Besonders hilfreich sind die vielen Kennzahlen und Vergleichswerte: Energiebedarf unterschiedlicher Nutzungen, Effizienz haustechnischer Anlagen für Wärme und Kälte, Erträge erneuerbarer Energiesysteme wie Photovoltaik oder Solarthermie sowie passive Energiegewinne über Fensterflächen. 

Das dritte Kapitel widmet sich dem eigentlichen Bauen – und dürfte für viele Planende besonders nützlich sein. Materialwahl, Bauteilaufbau, Konstruktionsweisen und Gebäudetechnik werden anhand übersichtlicher Tabellen vergleichbar gemacht. Damit wird das Buch tatsächlich zu einer praktischen Entscheidungshilfe, denn Varianten lassen sich schnell gegeneinander abwägen. Die Kennwerte orientieren sich an den Schweizer KBOB-Ökobilanzdaten im Baubereich. Hilfreich ist vor allem, dass die Materialien in realistischen, im Baualltag üblichen Dimensionen betrachtet werden.

Im vierten Kapitel führen die Autoren die Themen Herstellung und Betrieb zusammen und zeigen, wie sich Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus bilanzieren lassen. Beispielrechnungen verdeutlichen das Vorgehen. Interessant ist der Hinweis, dass die Erfassung aller relevanten Nutzungsvariablen ungefähr dem Aufwand einer Mengen- und Kostenermittlung entspricht. Vorgestellt werden zudem der SIA-Klimapfad sowie das Online-Tool EcoTool zur Lebenszyklusbetrachtung (LCA) von Gebäuden. Abschliessend lenkt das Buch den Blick noch einmal auf angrenzende Aspekte der Lebenszyklusphasen, wie Materialtransporte, Mobilität und Lebenszykluskosten. Lediglich die Kostenfrage wird nur am Rand behandelt – aus planerischer Sicht wäre hier an manchen Stellen eine stärkere Verknüpfung von Ökologie und Wirtschaftlichkeit interessant gewesen.

Die Publikation ist ein Instrument, mit dem sich Planungsentscheidungen iterativ überprüfen und verbessern lassen. Damit erfüllt sie den Anspruch der Autorenschaft als «Planungswerkzeug und Kompass» äusserst überzeugend.

Haus, Energie und CO2. Ein Handbuch
Annette Gigon, Mike Guyer, Arend Kölsch
216 Seiten mit zahlreichen Tabellen und Diagrammen
gta Verlag, Zürich, 2026
ISBN 978-3-85676-463-0
CHF 30,60 bzw. 34,00 €

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