Dichtestress? Eine Recherche in Hongkong
Mitte Juni kommt die sogenannte Nachhaltigkeitsinitiative an die Urne. Im Abstimmungskampf schürt die SVP den Dichtestress mit dem Schreckgespenst Hongkong. Doch das Problem müsste Überdehnungsstress heissen.
Mitten im Wahlkampf für ihre Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» mischt sich die SVP plötzlich in die Raumplanung ein und bewirtschaftet das Gefühl des Dichtestresses, unter dem angeblich viele Schweizerinnen und Schweizer leiden. Dabei drohen sie mit dem Schreckgespenst einer asiatischen Millionenstadt: «Wir wollen kein zweites Hongkong werden!» Wirklich? Kann man die Schweiz mit einer Metropole vergleichen, in der sich 7.5 Mio. Bewohnerinnen und Bewohner auf einem Gebiet konzentrieren, das kleiner ist als der Kanton Freiburg?
Den Dichtestress muss man durchaus ernst nehmen. Wenn Menschen dieses Gefühl der Beklemmung empfinden, dann existiert es auch. Doch woran liegt es wirklich? Um der Sache nachzugehen, bin ich nach Hongkong gereist. Dort fielen mir drei Dinge auf. Erstens: In Hongkong ist nur ein Fünftel des Stadtgebiets bebaut. Zweitens: Mit der hohen Dichte, die in diesem bebauten Fünftel herrscht, geht die Stadt äusserst geschickt um: Der Verkehr ist unglaublich effizient, Fussgängerin und Fussgänger sind Könige, die kostbaren öffentlichen Räume werden gehegt und gepflegt, und sämtliche Ufer von Gewässern sind öffentlich, sodass alle Menschen freien Zugang zu den Stränden und Promenaden haben. Und drittens landet man, sobald man die Stadt verlässt, mitten im Grünen, in einer gepflegten und geschützten Landschaft.
Nach zehn Tagen unter realen Bedingungen kann ich versichern: Was Gedränge betrifft, haben wir in der Schweiz noch Luft nach oben. In Hongkong, zwischen 20- bis 30-stöckigen Gebäuden beidseits der Strassen, spürt man den Dichtestress deutlich. Doch mit Sursee (LU) oder Martigny (VS) hat das nichts zu tun. Der Vergleich mit solchen Schweizer Gemeinden ist grotesk – und ärgerlich, wenn man bedenkt, dass die asiatische Metropole sich unter einer Kolonialherrschaft entwickelt hat. Und doch gibt es dieses Gefühl der Beklemmung auch bei uns, auf einem Gebiet, das nicht zwei- oder dreimal, sondern dreissigmal (!) weniger dicht besiedelt ist und wo es bis auf wenige Ausnahmen kaum Hochhäuser gibt. Wie lässt sich das erklären?
Zurück in der Schweiz wird mir bewusst, dass es rund um den Begriff «Dichtestress» eine geschickt orchestrierte Verwirrung gibt. Im Zug, der mich vom Flughafen Cointrin nach Lausanne bringt, sehe ich die privatisierten Ufer des Genfersees und die von lautem Verkehr verstopften Strassen; ich sehe Städte und Dörfer, die von breiten Speckgürteln von Einfamilienhausquartieren umgeben sind, die man durchqueren muss, um endlich Ruhe in der Landschaft zu finden. Hohe Dichte oder hohe Bauten dagegen sehe ich praktisch nirgendwo. Und ich frage mich: Wenn die Ursache des Unbehagens nicht Bebauungsdichte oder Vertikalisierung ist, was dann? Ist es vielleicht genau das Gegenteil – die Allgegenwart einer undichten, niedrigen Bebauung, die sich überall ausbreitet, die flächendeckende Zersiedlung der Landschaft durch Private und der daraus folgende flächendeckende Ausbau von Strassen und Infrastrukturen auf Kosten der Öffentlichkeit? Das würde die überfüllten Bahnhöfe und Züge, über die sich die Initianten beschweren, besser erklären. Das vielbeklagte Unbehagen ist die Folge eines akuten Raumplanungsproblems, das «Überdehnungsstress» oder «Zersiedlungsstress» heissen müsste.
Anstatt zu befürchten, wir könnten zu einem zweiten Hongkong werden, sollten wir von Hongkong lernen und uns von dessen Erfolgsrezepten inspirieren: massiv in den öffentlichen Verkehr investieren, Landschaften schützen, das Bauen ausserhalb der Bauzonen einschränken, den Individualverkehr und den Motorlärm reduzieren, öffentliche Räume ausbauen – und vor allem die Neigung der Privilegierten bremsen, sich unaufhaltsam auszubreiten.
Diese raumplanerischen Massnahmen sind nicht neu. Die SVP bekämpft sie seit Jahrzehnten systematisch. Stattdessen präsentiert sie ein Narrativ, das darauf hinausläuft, die Verantwortung für unsere Raumplanung auf andere abzuwälzen, genauer: auf die Anderen, die Ausländer. Die angebliche «Nachhaltigkeitsinitiative» hat nichts mit Raumplanung und schon gar nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Ihr wahrer Ursprung ist Fremdenfeindlichkeit – die hier ihren Namen verschweigt.
Marc Frochaux ist Architekt und Architekturhistoriker. Er ist Chefredaktor von espazium revue, der französischsprachigen Schwesterzeitschrift von espazium magazin. Der französische Originaltext ist erschienen in espazium revue 5/2026, Übersetzung: Judit Solt, Chefredaktorin espazium magazin.