Die Wohn­raum­fra­ge ge­mein­schaf­tlich lö­sen

Die Ausstellung «Wohnen fürs Wohnen - Schweizer Wohnbau­ge­nossenschaften als Labor des Zusammenlebens» im Schweizerischen Architekturmuseum S AM in Basel beleuchtet Bedeutung und Praxis von Wohnbaugenossenschaften damals wie heute.

Data di pubblicazione
27-01-2026

Die kompakte Schau über den genossenschaftlichen Wohnungsbau vereint den Rückblick mit Fokus auf Basel und Umland mit der Gegenwart ausgewählter Projekte in Basel und Zürich und schliesst mit einem Blick in die Zukunft ab. Das barg viel Stoff für die Kuratoren Anaïs Auprêtre de Lagenest und Andreas Ruby.

Ausgangspunkt war der Mangel an freien, bezahlbaren Wohnungen. Gleichzeitig erklärte die UNO das Jahr 2025 zum «Jahr der Genossenschaften». Zudem feierte der Verband Wohnbaugenossenschaften Nordwestschweiz das 100-Jahr-Jubiläum.  

Kollektiver Nutzen

Der Rundgang beginnt an einer Infotheke. Hier beantworten Ansprechpartner konkrete Fragen, zum Beispiel, wie man ein gemeinwohlorientiertes Domizil erhält. Das unterstreicht die Intention, die Teilhabe an Genossenschaften und an kollektivem Nutzen zu fördern. Derzeit beträgt in Basel der Anteil des genossenschaftlichen Wohnbestands rund 11 %.

Die Abhängigkeit der Wohnungsuchenden vom kommerziellen Mietmarkt im Mieterland Schweiz mit knappem Angebot an günstigem Wohnraum ist beträchtlich. Doch die mühselige Wohnraumsuche zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Verstädterung im Industriezeitalter und schuf den Grund für nichtspekulativen, gemeinnützigen Wohnbau. Freilich waren damals die Ansprüche und der Platzbedarf der Mietenden im Vergleich zu heute sehr niedrig. 

Dies belegt der erste Leuchtturmbau, den die Ausstellung präsentiert: die Eisenbahnerhäuser am Basler Tellplatz, die 1892 von den Architekten Vischer und Fuerter für SBB-Angestellte erbaut wurden. 1985 übernahm die Baugenossenschaft Nord-West die Bähnlerhäuser und modernisierte die einfache Ausstattung der Wohnungen. 

Der grosse Sprung von spartanisch ausgestatteten Arbeiterhäusern hin zu gemeinschaftlichem, selbstverwaltetem Wohnen als sozialer Lebensform gelang dem Freidorf Muttenz.

Freidorf Muttenz

Nach den Plänen von Hannes Meyer entstand die Mustersiedlung einer Vollgenossenschaft in den Jahren 1919 und 1924 mit 150 Reiheneinfamilienhäusern, einer Schule und einem Verkaufsladen. Zwei Filme dokumentieren das Leben der Freidörfler. Mit anzupacken und buchstäblich das Feld zu beackern, schweisste die Gemeinschaft zusammen.

Hans Bernoulli und August Künzel entwarfen im Jahr 1926 die Reihenhäuser der Gartenstadt «Im Vogelsang». Hier wurde erstmals genossenschaftlich auf der Basis des Erbbaurechts gebaut.

Ein umstrittenes Novum bildeten die 1951 errichteten Hochhäuser der Basler Wohngenossenschaft Entenweid. Die drei Türme öffneten damals neue Dimensionen kollektiven Eigennutzes, wie es sich heute in Transformationsprojekten grosser Areale in Basel wie Erlenmatte, Westfeld und Lysbüchel fortsetzt.

Hallenwohnen im Zollhaus

Die chronologisch gereihten Leuchtturmprojekte lesen sich als erfolgreiche genossenschaftliche Sozial- und Baugeschichte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Derzeit rücken neben Neubauten verstärkt Sanierung, Umbau und Erweiterung von Bestand in den Vordergrund sowie experimentelle Wohnformen.
Das Hallenwohnen im Zollhaus Zürich zeigt eine neue Typologie von radikal alternativem genossenschaftlichem Wohnen in mobilen Einheiten.

Zurück nach vorn 

Die ausliegende Publikation «Open Call. Ideenwettbewerb Zukunft» beschliesst die Schau. 71 Architekturbüros beteiligten sich 2025 am Aufruf der Wohnbaugenossenschaften Nordwestschweiz. Die Entwürfe sollten die Bedeutung und die Innovationskraft gemeinnützigen Denkens stärken. Auch die gehaltvolle Ausstellung im S AM leistet für dieses Ziel einen wegweisenden Beitrag.

Die Ausstellung «Wohnen fürs Wohnen» im Schweizerischen Architekturmuseum S AM in Basel ist noch bis zum 19. April 2026 zu sehen. 

Katalog: Christoph Merian Verlag, Basel, 248 Seiten, CHF 39.–  

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