Nach der In­du­strie

Neubau Bredella-Areal, Pratteln

Wie gestaltet man ein neues Quartier ausgewogen, vielfältig und klimagerecht? Die Gemeinde Pratteln hat unter Einbezug der Bevölkerung über mehrere Jahre ein räumliches Entwicklungskonzept (REK) erarbeitet, das Grundlage für künftige Planungen sein wird.
 

Data di pubblicazione
03-12-2025

Neubau Bredella-Areal, Pratteln  
Projektwettbewerbe im selektiven Verfahren

Pratteln durchlief ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine rasante wirtschaftliche Entwicklung von einem landschaftlich geprägten Dorf zu einem bedeutenden Industriestandort. Ab 1973 führte eine wirtschaftliche Rezession aber zu einem Bevölkerungsrückgang und dem Verlust wichtiger Arbeitgebender – ein tiefgreifender Strukturwandel begann. Mit der Schliessung des Bombardier-Werks 2005 gingen Hunderte Arbeitsplätze verloren und die Bevölkerung nahm erneut stark ab.

Doch Pratteln veränderte sich weiter: Ein neuer Besitzer brachte zahlreiche Klein­unternehmen auf das ehemalige Buss-Areal. Grossunternehmen wie Schindler Aufzüge, Henkel und Planzer kamen in die Stadt und auch das Möbelhaus IKEA verlegte seine europäische Logistik nach Pratteln.

Trotz dieser grossen Unternehmen bemüht sich das knapp 16 000 Einwohnende zählende Pratteln darum, als Wohngemeinde mit hoher Lebensqualität wahrgenommen zu werden und sich in diese Richtung weiterzuentwickeln. In den letzten zehn Jahren wuchs die Zahl der Beschäftigten um etwa 2500 und die Einwohnerzahl um etwa 1500. Damit einher geht der Bedarf nach mehr Wohnraum, einer besseren Anbindung und Infrastruktur.

Seit der Eröffnung des Adlertunnels, der Muttenz und Liestal direkt verbindet, wird Pratteln vom Schwerverkehr umfahren. Dadurch kann neues Leben in den Ort einkehren: Frühere Industrieareale werden umgestaltet und Pratteln wird zu einem modernen Wohn- und Arbeitsort entwickelt. 

Prattelns neue Mitte 

Eine wichtige Rolle bei dieser Entwicklung spielt das ehemalige Buss-Areal nördlich des Bahnhofs, das heute unter dem Namen Bredella-Areal gewerblich-industriell genutzt wird. Innerhalb der Vorgaben des räumlichen Entwicklungskonzepts (REK) ist es ein zentrales Grossprojekt. Auf dem ehemaligen Industrieareal soll ein durchmischtes Stadtquartier mit etwa 70 % Wohnungen, 30 % Büro- und Gewerbeflächen sowie öffentlichen Räumen entstehen. Insgesamt werden dort über die kommenden Jahre mehr als 80 000 m² Grundstücksfläche transformiert werden. Die Planungen beschränken sich aktuell auf den westlichen Teil des Areals; dem neuen Quartierplan hat die Bevölkerung zugestimmt. Der östliche Teil des Geländes bleibt vorerst ein Gewerbegebiet.

Die Stadt strebt Ortsteile mit Mischnutzung an, die Wohnraum und kommerzielle Nutzungen mit Ortsgeschichte verbinden und historische Elemente wie alte Industriehallen erhalten. Dass der Entwicklung von öffentlich nutzbaren Grün- und Freiräumen bei Investitionsprojekten wie dem Bredella-Areal Bedeutung beigemessen wird, ist ein Gewinn für den Ort und eine sinnvolle Ausrichtung auf ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Stadtleben.

Dem Zeitgeist entsprechend erhalten diese Räume auch verschattete Plätze und Wasserelemente, um der Überhitzung entgegenzuwirken. Gleichzeitig geht es bei der Quartiersentwicklung jedoch auch um eine innere Verdichtung des Siedlungsraums. Mit diesen Vorgaben und auf Grundlage des REK entwickelte Implenia im Auftrag von Ina Invest (mittlerweile zusammengeführt mit Cham Swiss Properties) den gesamten Stadtteil.

Die Architekturwettbewerbe für zwei der fünf Baufelder wurden kürzlich entschieden: Das bahnhofsnahe Baufeld C1 inklusive der sogenannten Mobilitätsdrehscheibe, die die Flächen nördlich der Gleise mit dem südlichen Stadtraum verbindet, wird nach dem Entwurf der ARGE Bräunlin Kolb Architekten aus Basel und den Wiener Büros Franz und Sue sowie YEWO Landscapes bebaut. Bei Baufeld A2 konnten sich die Basler Wulf Architekten mit Chaves Biedermann Landschaftsarchitekten aus Frauenfeld durchsetzen. Damit die Vernetzung von Innen und Aussen gelingt, war ein Team aus Architektur und Landschaftsarchitektur gefragt.

Mit Sorgfalt zu Aufenthaltsqualität

Ein erster Schritt zur Öffnung ist die geplante Mobilitätsdrehscheibe. Neben einem neuen Busbahnhof mit Vorplatz und besseren Zugängen zu den Gleisen sollen das P+Rail-Angebot erweitert sowie eine neue Velounterführung gebaut werden. Die genaue Gestaltung wurde nach dem Wettbewerbsverfahren in einem Werkstattprozess weiterentwickelt. Laut Jury könne so ein nachhaltig konzipierter und effizient strukturierter urbaner Hotspot entstehen, der grosses Entwicklungspotenzial hat. 

Die Bebauung von C1 sieht ein markantes Hochhaus vor, das in seinen 24 Geschossen neben Gewerbeflächen auch ein Hotel und rund 80 Wohnungen unterbringt. Terrassen bieten Zugang zu öffentlichen und privaten Aussenräumen, das geräumige Atrium dient der inneren Vernetzung und schafft gleichzeitig eine Verbindung zum Busbahnhof. Wichtig war den Projektverfassenden, einen einladenden Ort zu gestalten, der der hektischen Ankunftssituation räumliche Qualitäten und ansprechende Grünräume entgegensetzt. Neben der architektonischen Ausformulierung überzeugten die Jury die unterdurchschnittlichen Erstellungskosten sowie der hervorragende Effizienzgrad zwischen Nutz- und Geschossfläche.

Vielfalt in Bauweise und Nutzung

Den nordwestlichen Abschluss des Areals bildet das Baufeld A2, auf dem der Lärmschutz gegenüber der stark befahrenen Hohenrainstrasse eine Herausforderung darstellte. Es ist das zweite Mal, dass hier geplant wird – ein früheres Projekt wurde verworfen.

Die Jury entschied sich für ein Projekt mit dem Titel «Vielfalt verbindet», das dieses Versprechen auch einlöst. Statt eines monotonen Blockrands entwickelten Wulf Architekten eine offene Bebauung, die das Areal vor der Umgebung schützt und gleichzeitig zu einer klaren städtebaulichen Aufwertung beiträgt. Vier einzelne Bausteine, die voneinander abgerückt stehen, umschliessen einen grünen Innenhof und sind mit Stadthäusern bekrönt.

Die vier Häuser unterscheiden sich in Bauweise, Höhe und Materialisierung und sollen verschiedene Zielgruppen ansprechen. Während im westlichen Bau Lofts geplant sind, bietet der nördliche Baukörper Raum für Familienwohnungen. Ateliers und Arbeitsräume, aber auch Wohnungen mit zuschaltbaren Grundrissen, finden im östlichen Gebäude Platz. Im Süden kommen Eigentumswohnungen unter.

Chance auf Wandel, Verdichtung und Klima­anpassung

Umgestaltungen von Industriearealen sind keine Neuheit mehr, denn selbstverständlich sind grosse, zusammenhängende Grundstücke, die gut erschlossen sind, Filetstücke in jedem Entwickler-Portfolio. Viele schreiben sich auf die Fahne, die Geschichte des Orts integrieren zu wollen: So war es mit der Giessereihalle im Herzen von Zürich-West und auch mit dem hohen Kamin sowie dem Papierlager in Sihlcity. Eines der jüngeren Beispiele aus Zürich ist die umgebaute Spinnerei Manegg in der Mitte der Greencity, die mit privaten Loftwohnungen kein offener Ort mehr für alle ist. Wie gut die Vorsätze also wirklich gelingen, hängt stark von den Details ab.

Die historischen Industriehallen in Pratteln werden hingegen erst in ein paar Jahren umgenutzt. Es ist wünschenswert, dass darin zusammenführende soziale Angebote stattfinden. Aktuell wird die Planung für die Hallen flexibel gehalten, um auf künftige Anforderungen, die wirtschaftliche Entwicklung und auch die Bedürfnisse der neuen Bewohnenden reagieren zu können. Bredella wird von den Projektinitianten als Chance verstanden, den Wandel vom geschlossenen Industriepark zu einem vollwertigen Quartier schrittweise zu gestalten. Wenn die Transformation wie gewünscht gelingt, kann der neue Orts­teil dereinst das Zentrum um den Bahnhof stärken, die Areale nördlich der Gleise vereinen und die Mitte von Pratteln als städtisches Zentrum formen.

 

Baufeld C1


Rangierte Projekte


1. Rang / 1. Preis: «Esnfen»
ARGE Bräunlin Kolb Architekten, Basel + Franz und Sue ZT, Wien (A); YEWO Landscape, Wien (A); ZPF Structure, Basel; Viaplan, Sursee


2. Rang / 2. Preis: «Bella»
Morger Partner Architekten, Basel; Bryum, Basel; Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel; Rapp, Münchenstein


3. Rang / 3. Preis: «Joule»
Armon Semadeni Architekten, Zürich; META Landschaftsarchitektur, Basel; wh-p Ingenieure, Basel; F. Preisig, St. Gallen


Fachjury
 

Barbara Holzer, Architektin, Zürich; Ute Schneider, Architektin, Zürich/Rotterdam; Ursula Hürzeler,  Architektin, Basel; Harry Gugger, Architekt, Basel; Alice Hollenstein, Urban Psychologist, Zürich; Massimo Fontana, Landschaftsarchitekt, Basel; Charlotte Truwant, Architektin, Basel (Ersatz)


Sachjury
 

Marc Pointet, Ina Invest; Marc Lyon, Implenia Schweiz; Katja Lässer, Implenia Schweiz; Lorenz Textor, Implenia Schweiz; Stephan Burgunder, Gemeindepräsident Pratteln; Dirk Lohaus, Gemeinde Pratteln, Abteilung Bau, Verkehr und Umwelt; Philipp Schoch, Gemeinderat Pratteln, Ressort Hochbau (Ersatz); Jonas Häne, Gemeinde Pratteln, Abteilung Bau, Verkehr und Umwelt (Ersatz); Jan Tanner, Implenia Schweiz/Bredella (Ersatz)
 

Baufeld A2
 

Siegerprojekt: «Vielfalt verbindet»
Wulf Architekten, Basel; Chaves Biedermann Landschaftsarchitekten, Basel


Fachjury
 

Jonas Häne, Gemeinde Pratteln, Abteilung Bau, Verkehr und Umwelt; Maya Scheibler, Architektin, Basel; Anne-Marie Wagner, Architektin, Basel; Johannes Heine, Landschaftsarchitekt, Zürich; Dirk Lohaus, Gemeinde Pratteln, Abteilung Bau, Verkehr und Umwelt (Ersatz)


Sachjury
 

Marc Pointet, Ina Invest; Marc Lyon, Implenia Schweiz; Hana Tippelt-Rieth, Implenia Schweiz; Philipp Schoch, Gemeinderat Pratteln, Ressort Hochbau; Lorenz Textor, Implenia Schweiz (Ersatz)


Veranstalterin

Implenia Schweiz


Verfahrensbegleitung

Kontur Projektmanagement, Bern

Weitere Informationen, Pläne und Bilder zur Baufeld A2 finden Sie auf competitions.espazium.ch.

Zum Baufeld C1 finden Sie hier mehr Unterlagen.

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