Kla­re Li­nie vor Ge­ri­cht

Ersatzneubau Bezirksgericht Hinwil; Projektwettbewerb im offenen Verfahren

Nachhaltig, additiv und jung: So lässt sich das Siegerprojekt für den Neubau des Bezirksgerichts Hinwil zusammenfassen. Die ARGE Brütsch Riggio Ugolini, die sich im offenen Wettbewerb durchsetzten, nutzten die Prämierung des Entwurfs zur Bürogründung nach dem Studium.

Data di pubblicazione
18-11-2021

«Klima als Entwurfsfaktor», so nennt es das Team der ARGE Brütsch Riggio Ugolini aus Bern, das sich im offenen Wettbewerb für den Ersatzneubau des Bezirksgerichts Hinwil im Zürcher Oberland durchgesetzt hat.

Dafür planten die Architekturschaffenden eine Kombination verschiedener Elemente, die den energetischen Haushalt des Gebäudes beeinflussen, aber auch seinen Ausseneindruck prägen. Brise-­Soleil-Lamellen, Stoffstoren, Vordächer und PV-Anlagen an der Fassade beeinflussen die Aussenwahrnehmung des Entwurfs stark. Insbesondere die der Südfassade vorgesetzte «Wandelhalle» – die im Winter als Winter­garten für solare Einträge ins Gebäude fungiert und im Sommer als verschattete Loggia genutzt werden kann – prägt den Entwurf. Ein einfacher Holzelementbau mit präzise gesetzten Stützen und Querträgern sorgt für eine rhythmische Fassadengestaltung, die auch eine flexible Grundrissgestaltung zulässt.

Getrennte Wege

Die als Holztragwerk konzipierte Architektur ermöglicht eine räumliche Trennung der Büros und Gerichtssäle, die die Planenden im Wechsel übereinanderstapelten. Durch die geplante Doppelhelixtreppe ist es möglich, die Nutzungen aneinander vorbei zu schleusen. In den halböffentlichen Geschossen bewegen sich die Besuchenden linear entlang der Südfassade, wohingegen Gerichtsangehörige an der Nordfassade angesiedelt sind. Dazwischen liegen die von beiden Seiten zugänglichen Gerichtssäle, der Lift und die Doppelhelixtreppe.

Auf dieser Trennung lag ein besonderes Augenmerk der Aus­lobenden, denn der Zugang für ­Mitarbeitende und Juristinnen und Juristen darf sich nicht mit dem der Angeklagten und deren Rechts­beiständen überschneiden.

Zukunftstüchtig

Wichtig war dem Kanton auch ein Planungshorizont von 20 Jahren. Darin sollen mögliche zukünftige Erweiterungen des Gerichts vorgesehen sein, was die Planenden einkalkulierten, sobald das alte Ge­bäude im Osten abgerissen ist. Dank der Holzkonstruktion als additives ­Prinzip ist die östliche Erweiterung in allen Bereichen – Tragwerk, Fassade, Haustechnik, Erschliessung und Entfluchtung – unkompliziert möglich.

Auch der Fussabdruck des Gebäudes sollte von den Planenden möglichst klein gehalten werden, damit die Restfläche der Grund­stücke abparzelliert, umgezont und später durch das Immobilienamt des Kantons entwickelt werden kann. Dafür mussten die Planenden im Wettbewerb eine nachweislich städtebaulich und ­programmatisch adäquate Wohnnutzung im Situa­tionsplan darstellen.

Das Siegerteam platzierte den Neubau des Bezirksgerichts Hinwil als langes, schmales Gebäude an die südwestliche Hügelkante des Wettbewerbsperimeters. Um den Zugang zum Gebäude prominent zu markieren, sahen die Planenden im Norden der Parzelle einen grosszügigen Vorplatz vor; im Süden hingegen entschieden sie sich für eine Obstwiese, die das Areal von den bestehenden Wohnbauten trennt. Durch diese Organisation entsteht ausreichend Raum im Osten des Perimeters, um hier zu einem späteren Zeitpunkt mit neuen Wohnbauten nachzuverdichten.

Die Jury erwartet in der Weiterbearbeitung des Projekts eine Stärkung der Ankunftszone und des Vorplatzkonzepts.

Additives Tragwerk

Das Tragwerkskonzept entwickelten die Architekturschaffenden als Holz­elementbau mit Betonkernen, die für die nötige Aussteifung sorgen. In dem als Skelettkonstruk­tion ­konzipierten Bau werden die Ver­tikallasten über querverleimte Brettschichtdecken abgetragen. Die Planenden wählten für die Holzbau­elemente eine Vorfertigung im Werk. Das erlaubt eine zeitsparende Montage und eine einfache Koordination mit den zu erstellenden Betonkernen. Auch für den Innenausbau ist ein hoher Vorfertigungsgrad vorgesehen. Kurze Bauzeiten und unkomplizierte Erweiterungen des Gebäudes sind somit vorprogrammiert.

Die Jury hält die Implantate in Beton strukturell und organisatorisch in ihrer Lage für nachvollziehbar. Sie empfindet die formale Qualität im Zusammenspiel mit dem Holzbau jedoch als fremd.

Auch die Fassade plante das Architektenteam nach dem Prinzip der Sys­temtrennung, der Addition und der Vorfertigung. Den vorfabrizierten Wandelementen stellte es eine unabhängige, hinterlüftete Fassadenkonstruktion vor. Die Wahl fiel auf vertikale Kanthölzer als Grundgerüst, in dem alle weiteren Elemente wie Fassadenverkleidung, Brise-Soleil, Sonnenschutz und Photovoltaikanlagen jederzeit ausgetauscht, ergänzt und nachgerüstet werden können. Sogar das Dämmmaterial kann in diesem System noch nachträglich geändert werden. Diese konsequente Bauteiltrennung in Primär-, Sekundär und Tertiärsysteme ist wirtschaftlich und nachhaltig, lässt sich das Gebäude doch an zukünftige Anforderungen einfach anpassen.

Die Jury ist der Ansicht, dass die ARGE Brütsch Riggio Ugolini das Gebäude konsequent ressourcen- und klimaschonend projektiert hat.

Bürogründung für die Realisierung

Eine eher unübliche Anekdote zum Wettbewerb ist, dass das Siegerteam sich während der Bearbeitung des Wettbewerbs für den Ersatzneubau des Bezirksgerichts Hinwil noch im Studium befand. Auch der Jury­präsident bestätigt dem Tagesanzeiger, das sei ihm in seiner Karriere als Jurypräsident, stellvertretender Kantonsbaumeister und Geschäftsleitungsmitglied des Hochbauamts noch nicht untergekommen.
Dies zeigt einmal mehr, dass eine offene Wettbewerbskultur in der Schweiz zu einer vielfältigen Architekturlandschaft beiträgt. Denn wohl kaum eine Bauherrschaft würde ernsthaft darüber nachdenken, unbekannte Architekturstudierende, die noch nicht einmal ein Büro besitzen, zu einem Planungswett­bewerb im selektiven Verfahren einzuladen. Geschweige denn, dass sie sich in der Präqualifikation durchsetzen könnten, da ihnen die verlangte Erfahrung fehlt.

Das Fachplanerteam um die Nachwuchs­kräfte ist gross. Trotzdem hat sich der Kanton unter Kantonsbaumeister David Vogt erst einmal von der Kompetenz der Planenden überzeugen wollen, wie es der Tagesanzeiger schreibt. Für die Realisierung des Projekts mussten sie eine GmbH gründen, die heute unter dem Namen Koya Architektur firmiert.

Jurybericht und Pläne auf competitions.espazium.ch

 

Auszeichnungen

1. Rang / 1. Preis: «Salesch»
ARGE Brütsch Riggio Ugolini, Bern; Tschudin + Urech, Brugg; ZPF Ingenieure, Basel; Carolin Riede Landschaftsarchitektin, Dietikon; Waldhauser + Hermann Ingenieurbüro, Münchenstein; Locher Sanitärplanung, Basel; Selmoni Ingenieur, Münchenstein
2. Rang / 2. Preis: «Zauberberg»
Raumfindung Architekten, Rapperswil; wlw Bauinge­nieure, Mels; Zwischenraum Landschaftsarchitektur, Altendorf; Kälin Haustechnik, Einsiedeln; Faisst + Partner, Eschenbach; Michael Josef Heusi, Zürich
3. Rang / 3. Preis: «Tschanz»
Menzi Bürgler Kuithan Architekten, Zürich; Ingenieurbüro Gudenrath, Ziegelbrücke; BSP-Energie, Zürich; Schäfer Partner, Lenzburg
4. Rang / 4. Preis: «Tilia»
Architekturbüro Bernhard Maurer, Zürich; Stabilis, Zürich; F + G Ingenieure, Vaduz; Neuland Architekturlandschaft, Zürich; Luginbühl & Partner, Zürich; Büchler & Partner, Uster; Gartenmann Engineering, Zürich; Kolb, Romanshorn; Sundesign Photovoltaic Engineering, Stallikon
5. Rang / 5. Preis: «Achilles»
ATP Architekten Ingenieure Zürich, Zürich

FachJury

David Vogt (Vorsitz), Kantonsbaumeister Zürich a. i., Hochbauamt; Elli Mosayebi, Architektin, Zürich; Anne Uhlmann, Architektin, Zürich; Marie-Noëlle Adolph, Landschafts­architektin, Meilen; Christopher Berger (Ersatz), Architekt, Bern

SachJury

Susanne Bachmann, Gerichtspräsidentin Bezirksgericht; Lukas Huber, Generalsekretär Obergericht; Oliver Wick, Eigentümervertreter Immobilienamt

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