Da sind sie: Frauen im De­si­gn

Here we are!, rufen die vielen Gestalterinnen, die in den Geschichtsbüchern des Designs viel seltener vorkommen als ihre männlichen Kollegen. Als Antwort nahm das Vitra Design Museum sein Archiv unter die Lupe und stellt rund 80 Persönlichkeiten aus 120 Jahre Designerinnen-Geschichte vor.

Data di pubblicazione
04-10-2021

Ob als Möbel- oder Industriedesignerin, als Innenarchitektin oder Unternehmerin, Frauen haben zur Entwicklung des modernen Designs entscheidend beigetragen. Doch wer heute ein Buch über die Geschichte des Designs aufschlägt, findet häufig nur männliche Protagonisten. Deshalb zeigt die Ausstellung «HERE WE ARE! FRAUEN IM DESIGN 1900–HEUTE» nun Exponate von 80 Protagonistinnen aus dem Bereich Design, Architektur, Mode und Wirtschaft. Diese stammen aus dem Archiv von Vitra, aber auch vieler Stiftungen, Museen und Unternehmen – etwa dem Schmuckhaus Cartier, das die Ausstellung durch Leihgaben und als Sponsor unterstützt.

«Es gibt grosse Lücken in der Geschichte des Designs, die aufgearbeitet werden müssen», sagt Nina Steinmüller, eine der Kuratorinnen neben Viviane Stappmanns und Susanne Graner. Die Recherche beginnt um 1900 in Europa und USA, wo das Berufsbild des modernen Designs entstand. In dieser Zeit gab es starke Vorurteile über geschlechtsspezifische Neigungen und Begabungen. Deshalb wird im ersten Abschnitt der chronologisch aufgebauten Ausstellung anhand von Plakaten, Filmen und Flugblättern, der öffentliche Kampf der Frauen für mehr politische Mitbestimmung dargestellt.

Daneben begannen Frauen Kunst-Handwerk in den Wiener Werkstätten oder den Deutschen Werkstätten Hellerau in Dresden zu lernen und zu lehren. Auch im Staatlichen Bauhaus in Weimar wurden Frauen gleichberechtigt zum Studium zugelassen. Allerdings fanden sich viele der zahlreichen Bewerberinnen zu ihrer Enttäuschung schon bald in der sogenannten Frauenklassen wieder. Nicht so in der deutschen Schule Loheland, die zur gleichen Zeit wie das Bauhaus gegründet wurde: Hier arbeiteten ausschliesslich Frauen. Design und Emanzipation vermischen sich auch in den Arbeiten der weniger bekannten Sozialreformerinnen Jane Addams und Louise Brigham unter dem Begriff «Social Design».

Im zweiten Teil der Ausstellung, der den Fokus auf die Zeit von 1920–50 legt, werden die bekanntesten Pionierinnen im Design versammelt. Obwohl sich in diesem Zeitraum die Bildungschancen für Frauen im Design und der Architektur verbesserten, blieben die Leistungen oft verborgen. So hatte Lilly Reich für die Gummibespannung des Daybeds das Patent angemeldet, trotzdem wird es Mies van der Rohe zugeschrieben.

Auch die erste diplomierte Architektin der Schweiz – Flora Steiger-Crawford – musste ihren Entwurf für den stapelbaren Freischwinger aus gebogenem Flachstahl von ihrem Mann patentieren lassen. Ähnlich erging es Aino Marsio-Aalto. Viele Zeichnungen der Chefdesignerin von Artek werden ihrem Mann Alvar Aalto zugeordnet.

Die meisten der hier vorgestellten Designerinnen und Unternehmerinnen haben in der Geschichtsschreibung bereits einen Platz eingenommen, ob als Einzelkämpferinnen oder in Partnerschaft - wie Florence Knoll, Ray Eames, Eileen Gray, Charlotte Perriand oder Jeanne Toussaint. Bei anderen steht eine umfassende Aufarbeitung ihres Werkes noch aus – so von Herta-Maria Witzemann, die für viele, wichtige öffentliche Bauten der Nachkriegszeit in Deutschland die Innenarchitektur und Möbel entwarf und an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart lehrte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich eine Rückwärtsbewegung ab. Obwohl der technische Fortschritt auf eine neue Gesellschaft hoffen liess, wurde der Frau im Produktionskreislauf von Waren und Gütern prinzipiell die Rolle der Konsumentin zugewiesen, und weniger der Produzentin oder gar Erfinderin. Dies zeigt auch die im dritten Raum der Ausstellung präsentierte Arbeit der Schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA).

Während die erste SAFFA 1928 ihren Ursprung in der Wahlrechtsbestrebungen der Schweizer Frauen hatte, vermittelte die SAFFA 1958 ein klischeehaftes Bild der Frau. Ein Team von Architektinnen und Künstlerinnen gestaltete ein Ensemble von Gebäuden und Aussenflächen mit Präsentationen von Berufen wie Lehrerin oder Pflegerin. In einem Wohnturm und Musterhäusern wurde Tradition und Moderne miteinander verbunden und das Heim als Reich der Frau dargestellt. So ist es nicht verwunderlich, dass ab dem 1960er-Jahren wieder der Ruf nach mehr Gleichberechtigung lauter wurde. Die Resultate dieser turbulenten Ära sind das Marimekko-Design oder postmoderne Objekte italienischer Designerinnen wie Nanda Vigo, Gae Aulenti oder Cini Boeri.

Der vierte Raum zeigt zeitgenössische Positionen und wagt einen Blick in die Zukunft des Designs, etwa mit Julia Lohmann und Christien Meindertsma, die mit Materialien forschen und die Produktionsprozesse im Design kritisieren. Das internationale Kollektiv Matri-Archi(tecture) bringt farbige Frauen zusammen, um die Entwicklung afrikanischer Städte und deren Ausbildung zu fördern.

Die Karrieren der etablierten europäischen Designerinnen wie Matali Crasset oder Patricia Urquiola unterscheiden sich kaum zu derer ihrer männlichen Kollegen. Doch es gibt eine lange Liste an Designerinnen, deren Werke Historiker und Historikerinnen noch einige Jahrzehnte beschäftigen wird. Der Anfang ist gemacht. Die Ausstellung im Vitra Design Museum hat dafür ein Stück Geschichte neu geschrieben. Damit können der jungen Generation, Vorbilder aufgezeigt werden, die eine wichtige Rolle bei der Berufswahl und auch beim eigenen Berufsverständnis spielen.

Weitere Informationen

Die Ausstellung läuft noch bis zum 6. März 2022, begleitet von Workshops, Talks und Events. Ein Katalog ist geplant.


Infos zu Anfahrt, Begleitprogramm und Öffnungszeiten: design-museum.de

 

 

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