«Grosser Ruhm fusst oft auf Leistungen weiterer massgeblich Beteiligter»

Zu den Artikeln zum Gedenken an Bauingenieur Giovanni Lombardi in TEC21 26–27/2018 erreichte die Redaktion eine Leserzuschrift. Der Autor erinnert uns daran, dass es für herausragende Leistungen oft viele Köpfe braucht.

 

«Ich habe mit grossem Interesse und Wohlgefallen die beiden Beiträge zum Gedenken an den grossen Tessiner Bauingenieur Giovanni Lombardi (1926–2017) gelesen. Er war zweifelsohne, wie der Text von Peter Seitz darlegt, eine herausragende Persönlichkeit und einer der bedeutendsten Bauingenieure unserer Zeit. Die Anekdote über die Fundation der Contra-Bogenstaumauer im Verzascatal lässt durchblicken, wie sehr die Arbeit der Baufachleute sich seither geändert hat.

Das Interview von Gabriele Neri mit Andrea Mondada, der als junger Ingenieur zur Firma Lombardi kam, der er ein Arbeitsleben lang treu blieb, zeigt eindrücklich, dass die Karriere der «Grossen» sich oft massgeblich auf die Präsenz der richtigen Mitarbeiter stützt. Insbesondere gefiel mir aber die Geschichte über die von selbst läutenden Kirchenglocken von Vogorno beim Bau der Contra-Staumauer bzw. über das Aufstauen des Lago di Vogorno und die intelligente Interpretation des Phänomens durch den Geologen Professor Ezio Dal Vesco (Temperatur-Schock-Fracking). Sie ist auch der Anlass für diese Zeilen.

Professor Dal Vesco (1921–1980) wurde 1971 nach zwölf Jahren als Assistenzprofessor zum ersten Ordinarius für Bau- oder Ingenieurgeologie an der ETH und der Universität von Zürich berufen. Ich lernte ihn als junger Student und als sein Doktorand kennen. Jedes Mal, wenn ich durch den Gotthard-Strassentunnel fahre und anschliessend weiter, wohin auch immer im Tessin, muss ich mit Bewunderung an ihn zurückdenken.

Beinahe an allen Infrastrukturbauwerken (Brücken, Tunnel, Staudämme usw.), die in seiner praktischen Hauptschaffenszeit in den 1960er- und 1970er-Jahren erstellt wurden, war er massgeblich als Geologe-Geotechnik-Experte beteiligt. Wie ihm dies möglich war, quasi als Einmannbüro und neben seiner Tätigkeit als Professor, ist mir heute noch ein Rätsel. Vielleicht liegt der Schlüssel darin, dass er viele dieser Arbeiten mit und für Gio­vanni Lombardi verrichtete und sich auf dessen Ingenieurbüro stützen konnte.

Lombardi und der auf den Tag genau fünf Jahre ältere Dal Vesco bildeten eine Ingenieur-Geologe-Seilschaft, wie sie früher häufig und durch nichts ausser den Tod zu trennen war. Mehrmals hat mir Dal Vesco erzählt, Lombardi habe den Auftrag für den Gotthard Strassen­tunnel nur unter der Bedingung angenommen, Dal Vesco verspreche ihm, weiterhin zur Seite zu stehen und ihn fachlich zu beraten.

Beim Lesen des Anlass gebenden Artikels und Interviews komme ich nicht um den Gedanken herum, dass etwa die innovative gekrümmte Linienführung des Gotthard- Strassentunnels oder die pragmatische und heimliche Versetzung der Contra-Staumauer, als beim Freilegen der Fundation schlechter Fels zum Vorschein kam, auch die Handschrift Dal Vescos trage.

Jeder, der lange im Tief- und Tunnelbau tätig gewesen ist, kennt die Situa­tion, wenn das alles entscheidende Urteil vom Geologen erwartet wird. Ich schreibe dies keinesfalls, um die heraus­ragenden Leistungen Gio­vanni Lombardis zu schmälern, sondern le­diglich, um darauf hin­zuweisen, dass der grosse Ruhm oft auf die Leistung weiterer mass­geblich Beteiligter fusst, die sich nicht in den Vordergrund stellen.

Dr. Hannes Wanner hat in «Schweizer Ingenieur und Architekt» eine lesenswerte Nekrologie zu Ezio Dal Vesco geschrieben, die auch ein längeres Zitat1 von Gio­vanni Lom­bardi über seinen Freund und Berater enthält.»

Dr. Björn Oddsson, ehemals Chefgeologe Dr. Streiff AG und Leiter der Weiterbildung in Angewandten Erdwissenschaften an der ETH Zürich

Anmerkung
1 «Chi ha avuto il piacere e la fortuna di lavorare con lui e di co­­­noscerlo da vicino conserverà il ricordo di un uomo estremamente competente ed altrettanto modesto, sempre disposto a dare una mano, anche andando ben al di là dei suoi obblighi: di un uomo che sapeva affrontare anche le situazioni diffi­cili con calma, conservando il suo buon umore e che non si lasciava abattere dalle inevitabili avversità della vita né dai problemi che la sua salute spesso gli poneva.» Aus: Schweizer Ingenieur und Architekt 15/1980.

Nachruf Ezio Dal Vesco auf www.e-periodica.ch/cntmng?pid=sbz-003:1980:98::246

 

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