Der zweite Blick

Umbau von privat zu öffentlich

Für den neuen Standort der Galerie Berinson in einer Berliner Wohnung, die charmant, aber als öffentlicher Raum zunächst denkbar ungeeignet erscheint, präsentieren Gonzales Haase AAS ein starkes Konzept.

Hella Schindel Architektur, Redaktorin TEC21

Bauherrschaft
Galerie Berinson, Berlin
Innenarchitektur / Lichtplanung
Gonzales Haase AAS
Innenausbau / Installationen
Tectone, Berlin
Möbelbau
FS Möbelgestaltung, Berlin

Es ist die vornehme Pflicht einer Galerie, den in ihr ausgestellten Bildern den visuellen Vortritt zu lassen und durch die Abwesenheit einer eigenen, fordernden Präsenz deren Wirkung zu unterstreichen. Die Berliner Galerie Be­rinson­ zeigt Künstler aus den Avantgardebewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, häufig auch fotografische Werke, deren zeitgenössische Relevanz durch eine entsprechende Gestaltung der Räume betont werden soll. Zur Umsetzung dieses Wunschs hat der architektonisch bewanderte Galerist den Planern Carte blanche gegeben, mit dem Wissen, auf diese Weise am ehesten zu einem rundum schlüssigen Entwurf zu gelangen.

Schwäche als Stärke nutzen

Die umzubauende Wohnung im Hochparterre hinter einem Laden diente ursprünglich als Rückzugsbereich. Über einen unscheinbaren Hauseingang zwischen zwei Geschäften führt ein langer Korridor zum Zugang der Räume. Es gibt ­keine grosse Schaufensterfront, sondern nur gewöhnliche Fenster zur Seitenstrasse, die eine Abfolge von drei Räumen belichten.
Im Innern teilt eine dicke Wand das Volumen von rund 150 m2 der Länge nach in zwei Hälften (vgl. Grundriss). Im hofseitigen Teil ist die Aussenhaut der Wohnung sehr bewegt, da sie sich sowohl einem innenliegenden Hof als auch einem Garten zuwendet. Es erfordert schon einige Chuzpe, dieses versteckte und so typisch berlinerisch eingewachsenen Territorium in der Publikumswahrnehmung verankern zu wollen. Dabei spielt den Planern der Hype, der gerade in der Kunstszene einen nicht für jedermann sichtbaren Ort umgibt, in die Hände.  

Intensiv und zurückhaltend

Um eine anziehende Location zu schaffen, haben Gonzales Haase zwei verschiedene Ästhetiken verfolgt: Der ganze hofseitige Bereich wurde grosszügig entkernt und kann im Prinzip jede Nutzung aufnehmen. Die strassenseitigen Wohnräume wurden hingegen in ihrer Grundstruktur erhalten und dienen nun als Ausstellungskabinette. Für die Ausführung haben sich die Innenarchitekten auf wenige starke Mittel konzentriert, deren Qualität in der äusserst präzisen Formulierung der Details und Oberflächen zum Tragen kommt – bei einem Altbau, in dessen Struktur massiv eingegriffen wird, sicherlich ein hohes Ziel.
Während die weiss verputzten Wände superglatt und roh erscheinen, wurde der alte Holzboden einfach grossflächig schwarz glänzend überlackiert. Verschiedene Verlegemuster des Bestands, die durch das Versetzen von Öffnungen und Wänden nun aneinanderstossen, werden so egalisiert, bleiben aber ablesbar. Der starke Kontrast zu den hellen Flächen verleiht dem Boden eine starke Präsenz.
Dem Lieblingsthema aller Innenarchitekten, der Fuge zwischen Wand und Boden, haben sich die Planer mit besonderer Sorgfalt zugewandt: Sie ist weg. Ein kleiner Rücksprung, gefüllt mit Schatten, trennt die Vertikale von der Horizontalen.

Schroffe Gegenwelt

Im entkernten Teil lassen nur noch die Unterzüge Rückschlüsse auf die ursprüngliche Aufteilung zu. Die Achse des Eingangsflurs wird durch einen Tresen betont, der den Raum mittig in einen Empfangsbereich und in ein Büro teilt. Hinter dem Tresen sind raumhohe Bilderlager eingebaut.
Indem sie parallel zum Tresen aufgestellt sind, negieren sie die Versprünge der rückwärtigen Fassade und schaffen dahinter einen abgekoppelten Rückzugsbereich mit kleinem Büro und WC. Die raumbildenden Regale und die Innen­seite des Arbeitstresens entblössen an ihren offenen Kanten die Spanplatte, aus der sie gebaut sind – das Eichen­furnier und die feine Lackierung sind als Applikation ausgestellt. Diese absichtlich grobe und provisorisch wirkende Ausführung der Möbel betont den Werkstattcharakter der nichtöffentlichen Räume.

Bilaterales Raumkonzept

Die gegenüberliegende Wand stellt die Grenze und Verbindung zu den ehemaligen Wohnräumen dar, die durchaus noch als solche zu erkennen sind, aber ihren privaten Charakter durch subtile Eingriffe der Architekten abgelegt haben. Drei türlose Durchbrüche zwischen dem offenen Bereich und den Ausstellungsräumen bieten verschiedene Sichtverbindungen. Die mittigen Flügeltüren der Wohnraumenfilade wurden zugunsten durchgehender Wandflächen geschlossen. Stattdessen sind die Räume gleich hinter der Wand durch schmale Schlitze zu­einander geöffnet, was verschiedene Rundgänge ermöglicht. Um den Ausblick mitsamt den altbau­typi­schen Fensterpaaren selbst als ein Bild erscheinen zu lassen, das sich zwischen die tatsächlich ausgestellten gerahmten Werke fügt, haben die Innenarchitekten in den bodentiefen Laibungen jeweils ei­nen schmalen Sockel aufgemau­ert und so die Fenster rahmenartig umschlossen.

Kompromisslose Leuchten

Das technisch helle Licht, das alle Räume durchflutet, verstärkt die sachliche Atmosphäre noch einmal. Auf fünf parallelen Achsen ziehen sich Metallvierkante mit einem grosszügigen Abstand unter der Decke entlang und nutzen diese als Reflektor. Es ist eine Wohltat, Kunst betrachten zu können, ohne dabei von Strahlern geblendet zu werden. Die Befestigung der Leuchtkörper ist nicht zu sehen – sie scheinen durch die Wände zu stossen und verbinden damit den gesamten Grundriss zu einem Kontinuum.

Raum als Rahmen

Indem die Räume von allen wohn­lichen Attributen befreit und als eigenwilliges Volumen präsentiert werden, verhelfen sie der ausge­stellten Kunst zu einem starken Hin­tergrund. Ein übersichtlicher Rundgang zwischen den Ausstellungskabinetten und dem nur durch Einbauten gegliederten Empfangsraum zu beiden Seiten der zentralen Mauer ermöglicht dem Besucher, sich gut zu orientieren und seine Aufmerksamkeit ganz auf die Kunst zu lenken.
Gegen alle Theorie lohnt der Besuch der Galerie also nicht nur wegen der ausgestellten Arbeiten, sondern auch wegen der sorgsamen Innenarchitektur. Ihre Raffinesse gibt  sich erst auf den zweiten Blick zu erkennen, um dann all diejenigen unter den Kunstinteressierten für sich einzunehmen, die ein Auge für gelungene Details haben.

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