Erhal­ten statt er­set­zen

Ingenieurwerke erhalten – eine Frage der Verantwortung

Warum fällt es immer wieder schwer, Ingenieurbauwerke zu erhalten? Eine Impulstagung an der Ostschweizer Fachhochschule OST in Rapperswil zeigte, dass die Hindernisse nicht nur technischer Natur sind. Ebenso hinderlich sind alte Gewohnheiten, starre Bewertungsmodelle, wirtschaftliche Fehlanreize und ein auf den Neubau ausgerichtetes Selbstverständnis. 

Date de publication
27-10-2026

Die Forderung ist nicht neu: Bestehende Bauwerke sollen möglichst lange genutzt, instand- gesetzt und bei Bedarf ertüchtigt werden. Das schont Ressourcen, reduziert Umweltbelastungen und bewahrt baukulturelle Werte. Dennoch bevorzugt die Praxis häufig den Ersatzneubau. Weshalb? Was müsste sich ändern, damit die Erhaltung zur selbstverständlichen, ersten Option wird? 

Diesen Fragen widmete sich am 2. Oktober 2026 eine Impulstagung, gemeinsam organisiert von den beiden Fachhochschulen OST und ZHAW sowie den Vereinen Association des Experts Indépendants (AEI), Fachverband für Erhaltung von Bauwerken (FEB) und Wissenschaftlich-Technische Arbeitsgemeinschaft für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege (WTA). Fachleute aus Forschung, Planung, Infrastrukturmanagement und Denkmalpflege beleuchteten die Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven und suchten in drei parallelen Workshops nach Lösungen. Dabei wurde deutlich: Die Ingenieurmethoden und Technologien sind vorhanden und normiert, nur werden sie nicht immer konsequent genutzt.

Vom Neubaudenken zum Weiterbauen

Werner Lorenz, Professor für Tragwerkserhaltung und Bautechnikgeschichte an der BTU Cottbus-Senftenberg, fragte in seinem Vortrag: Ist die heute geforderte Hinwendung zum Reparieren und Wiederverwenden tatsächlich ein Paradigmenwechsel? Oder vielmehr die Rückbesinnung auf eine jahrtausendealte Baupraxis? Das Weiterbauen war früher selbstverständlich. Bauwerke wurden aufgrund knapper Ressourcen über Generationen angepasst, verstärkt, umgenutzt. Erst mit dem Fortschrittsverständnis der Moderne geriet das Erhalten und Reparieren zunehmend in Misskredit. 

Fortschritt bedeutet bis heute oft, etwas Neues zu schaffen. Der Bestand erscheint als Einschränkung und Weiterbauen ist oft anspruchsvoller. Während beim Neubau aus einem Modell ein Tragwerk entsteht, gilt es beim Bauen im Bestand zunächst das tatsächliche Tragverhalten zu verstehen. Wie in der Medizin braucht es eine Anamnese, Diagnose und Prognose, bevor über Eingriffe entschieden werden kann. 

Nutzungsdauer entscheidet über den Erhalt

Wie stark verfestigte Denkmodelle Entscheidungen beeinflussen, zeigte Reto Bieli, Leiter der Fachstelle Denkmalpflege der SBB. Er hinterfragte das verbreitete Lebenszyklusdenken, das Bauwerken eine bestimmte Nutzungsdauer und daraus abgleitet Erneuerungs- und Ersatzzeitpunkte zuweist. Für die langfristige Finanzplanung grosser Infrastrukturnetze sind solche Modelle sinnvoll, problematisch jedoch, wenn sie den tatsächlichen Zustand einzelner Bauwerke überlagern. So werden Bauwerke ersetzt, weil sie gemäss Modell ihr vermeintliches «Lebensende» erreicht haben – nicht, weil Bauwerkszustand, Tragfähigkeit oder Gebrauchstauglichkeit dies erfordern. 

Bieli plädiertedeshalb für ein objektbezogenes Lebenszyklusmanagement und einen kritischen Umgang mit Wirtschaftlichkeitsrechnungen, deren Ergebnisse massgeblich von oft subjektiven Annahmen und der Qualität der ausgearbeiteten Varianten abhängen. Allerdings können auch Anforderungen an Hochwasserschutz, Betrieb oder Sicherheit eine Erhaltung erheblich erschweren. Umso wichtiger ist eine frühzeitige Prüfung der Randbedingungen und Nutzungsanforderungen.

Ingenieurkunst des Erhaltens

Dass moderne Untersuchungsmethoden neue Handlungsspielräume eröffnen, zeigte Mark Treacy vom Bundesamt für Strassen ASTRA. Messungen und Monitoring am Bauwerk sowie objektspezifische Nachweise ermöglichen es, das tatsächliche Tragverhalten zu erfassen und Verstärkungen auf ein Minimum zu beschränken oder sogar zu vermeiden. So lässt sich die Nutzungsdauer verlängern und das Bauwerk als Zeugnis technischer Entwicklung bewahren. Diesen Anspruch stärkt die ASTRA-Richtlinie zur Baukultur bei Kunstbauten der Nationalstrassen. 

Der Erhalt von Ingenieurbauwerken verlangt vertiefte Kenntnisse des Tragverhaltens sowie Erfahrung und den Umgang mit Unsicherheiten. Das verdeutlichte Pieder Hendry vom Ingenieurbüro Conzett Bronzini Partner AG, Chur anhand von Praxisbeispielen. Entscheidend ist, die Möglichkeiten des Bestands zu erkennen und unter Berücksichtigung seiner konstruktiven, geschichtlichen und gestalterischen Werte weiterzuentwickeln. Hier tragen Ingenieurinnen und Ingenieure eine grundlegende Verantwortung. 

Was verhindert den Erhalt?

Erhaltungsprojekte sind in frühen Planungsphasen mit Unsicherheiten verbunden. Zustandsuntersuchungen, vertiefte Überprüfungen und Variantenstudien erfordern Aufwand, bevor eine geeignete Lösung feststeht. Auch die Normen müssen interpretiert und differenziert angewendet werden. Ausserdem sollten Nachhaltigkeits- und Wirtschaftlichkeitsanalysen neben den Baukosten auch Ressourcenverbrauch, Treibhausgasemissionen, Verkehrsunterbrüche und langfristige Unterhaltskosten berücksichtigen.

Eine Schlüsselrolle kommt den Bauwerkseigentümerschaften zu. Sie bestimmen, welche Varianten geprüft und welche Untersuchungen durchgeführt werden. Während grosse Infrastrukturbetreiber über Fachstellen verfügen, fehlen kleineren Bauwerkseigentümerschaften oft die fachlichen Ressourcen. Hier braucht es Unterstützung und Anreize: sorgfältige Bestandsanalysen und echte Erhaltungsvarianten müssen als eigenständige Ingenieurleistungen anerkannt und angemessen finanziert werden. Andernfalls begünstigen wirtschaftliche Fehlanreize den Neubau gegenüber ressouren- und kostenschonenden Eingriffen – auch weil Mittel für den Ersatzneubau oft bereits bestehen. 

Wissen vermitteln, Kräfte bündeln – und handeln

Felix Wenk, Professor für Erhaltung im Bauwesen, und Susanne Mühlhaus, Dozentin für nachhaltige Bauwerkserhaltung, beide von der OST – Ostschweizer Fachhochschule, betonten die Bedeutung von Lehre und Forschung. Wer bestehende Bauwerke beurteilen will, muss historische Konstruktionsweisen ebenso verstehen wie moderne Untersuchungs- und Verstärkungstechniken. Forschungsarbeiten, Lehrmittel, Fachpublikationen und Weiterbildungsangebote gibt es bereits. 

Neben dem Aufbau eines Vorlesungsangebots zur Bauwerkserhaltung gilt es, dieses Wissen besser zugänglich zu machen. Entscheidend ist, dass dieses Wissen jene erreicht, die Bauwerke überprüfen, Erhaltungsmassnahmen projektieren und darüber entscheiden. Nicht zuletzt geht es aber auch um das berufliche Selbstverständnis der Ingenieurinnen und Ingenieure: Denn wie nachhaltig die Ingenieurbaukunst letztlich ist, zeigt sich auch daran, welchen Stellenwert sie dem bereits Gebauten einräumt.

Sur ce sujet