Das Anti-Mo­nu­ment

Der Ueberlandpark ist Park und Haus in einem. Das Grün verhüllt das Haus – das Haus verhüllt die Autobahn. Trotz dieses doppelten Versteckspiels zeigt sich: In Schwamendingen ist unfreiwillig ein Monument für den Autoverkehr und das Verdrängen entstanden.

Date de publication
05-03-2026

Meine erste Begegnung mit dem Ueberlandpark beginnt mit einer langen Betonwand, die links und rechts hinter Häuserzeilen verschwindet. Die plötzliche Leere dieser Fläche mitten im Wohnquartier wirkt surreal. Ich denke an Superstudios Collagen der kontinuierlichen Monumente. 

Unendliche abstrakte Volumen, die rücksichtslos ganze Städte und Landschaften zerschneiden. Mit diesen Collagen fiktiver Monumente kritisierte Superstudio vor rund 50 Jahren die Gleichförmigkeit der modernen Architektur und damit auch eine Gesellschaft, die sie zulässt. Heute stehe ich in Schwamendingen und sehe die Verwirklichung dieser Dystopie.

Der Ueberlandpark – ein Monument?

Schweizer Monumente stehen selten in Städten. Sie liegen versteckt in den Bergen, wie zum Beispiel der Gotthardtunnel, die Grande-Dixence-Staumauer oder das Landwasserviadukt. Es sind Infrastrukturen, die durch ihre beeindruckende Grösse, ihre Ingenieurskunst oder ihre Eleganz zu Monumenten wurden, die für die Beherrschung der Alpen und die Schweizer Identität stehen.

Das kilometerlange Autobahnhaus in Schwamendingen passt nicht in diese Reihe. Doch seine imposante Grösse zwingt dazu, es als Monument ernst zu nehmen. Im Gegensatz zu obigen Beispielen sucht man aber vergebens nach Ingenieursbaukunst oder gestalterischem Anknüpfen vor Ort. Eine Betonbox mit flachem Deckel folgt dem Verlauf der Autobahn. Die heranwachsende Begrünung soll das Haus allseitig einhüllen und ersetzt die architektonische Gestaltung. Diese Grünschicht lese ich als nachträgliche Dekoration, vor allem aber als Tarnung. Doch was versteckt sie? Die Einhausung ist immerhin die lang ersehnte Beruhigung im Schwamendinger Wohnquartier.

E-Dossier Einhausung Schwamendingen: Damaris Baumann berichtete im Sommer 2025 detailliert über die Einhausung und den Ueberlandpark in Schwamendingen. 
Weitere Architekturkritiken der Studierenden sowie Berichte über das Projekt seit 2015 sind ebenfalls hier gesammelt.

Das doppelte Versteckspiel

Die Begrünung möchte darüber hinwegtäuschen, dass die Einhausung aus unzähligen Tonnen Beton besteht und wir weniger grün bauen, als wir sollten. Oder sollen die Pflanzen und Bienen kaschieren, dass unter dem Deckel weiterhin fossiler Treibstoff verbrannt wird? Das Versteckspiel wird auch in der Sprache fortgeführt. Man spricht von Ueberland und Park und blendet so die Autobahn und die Einhausung elegant aus.

Im Quartier scheint die Autobahn verschwunden zu sein. Die Fehler aus einer Zeit, die geprägt war von Automobil-Euphorie, scheinen ausgebügelt und vergessen. Oder doch nicht? Indirekt ist die Autobahn präsenter denn je. Ihre frühere Form als Schneise hat sich nun zum haushohen Raumkörper materialisiert. Die Einhausung wird zum monumentalen Mahnmal im Stadtraum, in dessen Bauch der Autoverkehr weiterrollt. Was für das Quartier eine Aufwertung bedeutet, erweist sich als lokale Betäubung eines grösseren Problems. Die Einhausung beruhigt das Quartier und mit ihm die Gemüter der Anwohnerschaft. Aber das Autofahren einzuschränken, dazu hätte sich nicht einmal die direkte Nachbarschaft der Autobahn bereit erklärt. 

Mit dem Ueberlandpark hat sich unsere Gesellschaft ein weiteres Monument für das Auto gebaut. Diesmal ist es kostümiert als ein Stück öffentlicher Freiraum und Natur. Für mich wirkt es als Anti-Monument, weil es sich selbst verleugnet. Es soll nicht erinnern, sondern vergessen lassen: seine Grösse, seinen Existenzzweck und seine Materialität. Wie bei Superstudio muss dieses Anti-Monument gesellschaftskritisch hinterfragt werden. Es ist ein warnendes Bild dafür, wie wir die wichtigen Zukunftsfragen verdrängen.

Yannick Charpié ist Architekt und Mitinhaber von Jäger Charpié Architektur in Luzern. Im Rahmen des MAS gta ETH untersucht er die historische Entwicklung des Laubengangs.

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