«Bau­tech­nisch ist vieles lös­bar – die Pro­bleme lie­gen auf der Pro­zes­se­bene»

Im Interview erzählt Peter Kaufmann von den Learnings der verschiedenen Re-Use-Projekte auf dem Basler Lysbüchel-Areal. Für den Bauherrn Kanton Basel-Stadt haben die Erfahrungen das Bekenntnis zu Re-Use und Kreislaufwirtschaft gestärkt: Neue Projekte in grösserem Massstab sind bereits in Planung.

Date de publication
06-12-2025

Salome Bessenich: Was ist die Rolle des Kantons Basel-Stadt bei der Arealentwicklung Volta Nord?

Peter Kaufmann, IBS: Der Kanton ist Grund­eigentümer, legt die Arealstrategie fest und stellt die nötige öffentliche Infrastruktur auf dem Areal zur Verfügung. Und andererseits ist der Kanton Planungsbehörde und koordiniert die planerische und bauliche Gesamtentwicklung.

Wann kam das Thema Re-Use für die IBS und den Kanton Basel-Stadt erstmals auf?

Am Anfang der ganzen Arealentwicklung stand die Frage, welches Weiternutzungspotenzial der Bestand aufweist. Das macht schon nur aus immobilienökonomischer Perspektive Sinn. Auch Geschwindigkeit war wichtig: Das Schulhaus und das Kultur- und Gewerbehaus Elys sollten zur Verfügung stehen, wenn die ersten Menschen einziehen.

Weitere spannende Projekte auf dem Areal Lysbüchel finden Sie im E-Dossier «Volta Nord» 

Was war die Ursprungsidee des Elys?

Das Elys sollte ein genügsames Projekt sein, damit auch die Mietpreise tief sind. Das heisst ins Bauliche übersetzt: viel wiederverwendete Struktur und geringer Ausbaustandard. Wir suchten ein Planungsteam mit Affinität zu diesen Fragen und landeten bei baubüro in situ, worauf sich das Projekt weiterentwickelte: Statt nur die Gebäudestruktur weiterzunutzen, sollten auch Bauteile wiederverwendet werden. Das Thema Re-Use lag zwar in der Luft, war aber 2015 noch nicht so breit diskutiert und in dieser Grössenordnung noch Neuland.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse aus diesem ersten Re-Use-Projekt für IBS?

Da waren zum einen praktische Fragen, wie zum Beispiel das Thema Garantie und Gewährleistung, die anders funktionieren. Etwa ob Garantieleistungen in der herkömmlichen Form noch sinnvoll sind oder ob Rückstellungen gebildet werden müssen. Und dann kommt dazu, dass die bisherigen Systeme von Honorarordnung und Bauphasen nach SIA solche Projekte nicht abbilden. Das fordert alle Beteiligten, da braucht es viel Offenheit und Flexibilität.

Ist Re-Use auch ein Risiko?

Ja, das geht gerne vergessen: Das Risiko bei dieser Art von Projekten liegt heute ganz bei der Eigentümerin. Wenn Reuse auf breiterer Basis eine Zukunft haben soll, braucht es neue Modelle, wie die Verantwortung gemeinsam getragen werden kann.

Interessant ist auch der Vergleich zwischen dem Elys und dem Weinlager direkt nebenan – wie nehmen Sie die beiden Projekte wahr?

Beides sind Re-Use-Projekte, aber in unterschiedlicher Ausformulierung. Ich finde das Elys roher und direkter, während das Weinlager bereits eine ästhetisierte Variante von Re-Use zeigt, die auch gut und breit angenommen wird. Aktuell scheint sich innert kürzester Zeit ein neuer Re-Use-Designkanon zu etablieren.

Mit dem Rückbau des Parkhauses Lysbüchel, das als Bauteilmine dient, geht IBS noch einen Schritt weiter. Wie intensiv war die Begleitung dieses Projekts? Ist das vergleichbar mit einem «normalen» Rückbau?

Also normal war das nicht [lacht], fast nichts an dem Projekt war normal. Aber wir sehen es als grosse Chance. Im Vergleich dauert so ein Rückbau länger, weil es im Vorfeld viele technische Untersuchungen braucht und weil die Demontage sehr präzise erfolgen muss.

Was war dabei die grösste Herausforderung? 

Das Geber- und das Nehmerprojekt zusammenzubringen. Auch wenn in diesem Fall beides im gleichen Portfolio bleibt, mussten wir eine wirklich starke technische Prozesskoordination einsetzen, um die beiden Projekte miteinander zu verbinden. Da kamen dann vor allem die Ingenieurinnen und Ingenieure zum Zug.

Wie passen Geber- und Nehmerprojekt zeitlich zusammen?

Die Nehmerprojekte mussten ihre Anforderungen zu einem Zeitpunkt konkretisieren, als sie gerade erst den Wettbewerb gewonnen hatten. Das ist das, was ich meinte: Bei dieser Art von Re-Use-Projekt werden die Planungs- und Bauphasen durcheinandergewirbelt. Das Nehmerprojekt musste also viele Fragen sehr früh entscheiden: Wie soll das Bauteil erscheinen, was muss es bautechnisch erfüllen und wie nehmen wir die Bauteile entgegen, damit wir letztlich die planerische Verantwortung für das Projekt übernehmen können?

Mehr zum Projekt «Walkeweg», Volta Nord wo rund 150 Wohnungen mit wiederverwendeten Bauteilen vom Lysbüchel entstehen.

Und, lief das gut?

Besser als erwartet, aber wir sind erst beim Rückbau. Der Einbau folgt in zwei bis drei Jahren. Es bleibt also anspruchsvoll. Aber alle Beteiligten sind sich des Pioniercharakters bewusst und arbeiten hochmotiviert mit.

Ist es von Vorteil, wenn man im eigenen Portfolio wiederverwendet?

Das hat sicher Vorteile. Aber Re-Use braucht generell Spielräume, etwa Lagerflächen oder auch Vorinvestitionen. Bei einer solchen Verknüpfung von Projekten gibt es kein Just-in-Time.

Was braucht es, damit Re-Use sich im grossen Stil durchsetzen kann?

Es braucht Normen, Richtlinien, normierte Beschriebe und gemeinsame Plattformen. Auch die Baugesetze und Verfahren hinken hinterher: Offene, einstufige, anonyme Wettbewerbe mit Re-Use kommen an ihre Grenzen. Wenn man nicht schon sehr detailliert über die wichtigen technischen Abhängigkeiten Bescheid weiss, ist das Risiko gross, dass ein Wettbewerbsprojekt nicht wie geplant umsetzbar ist.

Was hat sich innerhalb der IBS in den zehn Jahren zwischen der Planung des Elys und dem Rückbau jetzt verändert?

Das Wichtigste ist das Koordinationsgremium, das zwischen Geber- und Nehmerprojekt eingesetzt wurde. Bautechnisch ist heute vieles lösbar, das ist kein Hexenwerk – die Probleme liegen auf der Prozessebene, da liegt der Hase im Pfeffer.

Was ist diesbezüglich wichtig für die gute Zusammenarbeit von Planenden und Bauherrschaft?

Entscheide früh treffen und dennoch flexibel bleiben. Für den Wettbewerb auf Baufeld 5 haben wir darum das Eco-Tool entwickelt, das dabei hilft, schon in dieser Phase die Konstruk­tionsweise zu beurteilen. Solche Tools sind wichtige Hilfestellungen für alle Beteiligten.

Schauen wir noch nach vorne: Was wünschen Sie sich für die Zukunft des kreislauffähigen Bauens?

Es braucht weitere Pilotprojekte, die gut ankommen. Es braucht sicherlich auch eine Anpassung der Normen, Honorarordnungen und Gesetzgebung und eben Spielräume. Ich wünsche mir auch Wertschätzung, nicht nur für die Planenden, sondern auch für die Eigentümer, die diese Risiken auf sich nehmen. Und dass heute so geplant und gebaut wird, dass in Zukunft mit möglichst wenig Aufwand umgenutzt und wiederverwendet werden kann.

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