Iko­nen sind nicht ephe­mer

CircularTower, TecLab Burgdorf; Ideenwettbewerb im offenen Verfahren

Zirkuläre Architektur und damit auch ihre öffentliche Erscheinung  sind unter Planungsfachleuten ein zunehmend wichtiges Thema. Die Beiträge für den Wettbewerb des «CircularTower» der Berner ­Fachhochschule ­geben Anlass, über mögliche Entwicklungspotenziale und das ­öffentlichkeitswirksame Image nachzudenken.

Date de publication
05-01-2023

Das TecLab am Standort Burg­dorf der Berner Fachhochschule zielt mit Workshops und Kursen für Schülerinnen und Schüler sowie Familien darauf ab, die Faszination naturwissenschaftlicher und technischer Berufe zu vermitteln. Ausserdem bietet die Bildungseinrichtung Raum und Infrastruktur für Unternehmen, um Forschung und Innovation zu fördern.

Zukünftig soll an diesem Standort der «CircularTower» kreislauffähiges Bauen erlebbar machen. Der Turm wird von Unternehmen, Bildungs- und Forschungsinstitutio­nen sowie Verbänden gemeinsam mit dem TecLab genutzt werden und soll als Reallabor und Inspirationsquelle dienen. Das Gebäude, dessen Nutzungsdauer auf 30 Jahre ausgelegt ist, wird Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu innovativen, kreislauffähigen Materialien, Methoden und Produkten aufnehmen. Hierfür ist eine flexible Struktur vorgesehen, um sich ändernden Forschungs- und Nutzungsthemen anpassen zu können. Teile des Turms, etwa eine Aussichtsplattform, werden öffentlich zugänglich sein.

Der Typus, ein Standard

Der Entscheid, für den Bau einen Wettbewerb auszuschreiben, deutet darauf hin, dass die Fachhochschule nicht nur einen Forschungsbau umsetzen will, sondern das Ganze als ein architektonisch gestaltetes Objekt auffasst, das eine ikonische Signalwirkung aussenden soll.

Die beiden erstrangierten Projekte «Setzkasten» und «Cyclo» lassen vermuten, dass die Aufgabe mit dem NEST der Empa in Dübendorf bereits einen Typus gefunden hat: Ein Turm mit tragendem, vorzugsweise hölzernem Skelett; die Räume zwischen den Stützen bieten Platz für auswechselbare Module. Die Fassade ist je nach Forschungsprojekt mit Gebäudeinfrastruktur aller Art bestückt, die den Turm nach aussen hin gestalterisch kennzeichnet.

Die elf Wettbewerbsbeiträge verdeutlichen aber, dass ihre Erscheinung nicht nur aus Schichten bunt assortierter, vorgehängter Kombinationen von wiederverwendeten Baumaterialien bestehen kann, sondern auch durchaus andere Erscheinungsbilder möglich sind: zurückhaltend, mural, monomateriell und minimalistisch, eindrücklich und kraftvoll. Die Ergebnisse bieten Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie ein solcher Bau über das erste Bild hinaus Zirkularität verkörpern und zeittypisch zum Ausdruck bringen kann.

Es geht schliesslich darum, einen «Stil», eine Ästhetik zu finden, der Öffentlichkeit die ökologische Notwendigkeit kreislaufwirtschaftlich fundierter Bauten zu vermitteln.

Das Programm

Der maximal 30 m hohe, experimentelle Turm soll durch seine Ausstrahlung – unter anderem durch eine Aussichtsplattform ­– Besucher für eine zirkuläre Zukunft des Bauens begeistern. Eingesetzt werden möglichst lokale Materialien, gebrauchte Teile und natürliche Ressourcen, die später wiederverwendet, rezykliert oder als biogene Stoffe in den Naturkreislauf zurückfliessen können – und zwar bei allen Planungs-, Bau- und Erhaltungsprozessen.

Die mindestens 3 m hohen Stockwerke müssen nutzungsflexibel umgesetzt werden, zwei liegen als beheizbare Veranstaltungs­räume übereinander. Je drei Stan­dard-­High-Cube-Container bieten auf drei Geschossen Platz für aus­wechsel­bare Forschungsmodule.

Beurteilt wurden das Konzept des zirkulären Bauens und der nachhaltigen Materialisierung. Weitere Punkte waren die Gebäudetechnik, Funktionalität, Nutzungsfle­xibilität, Wirtschaftlichkeit und Umsetzbarkeit. Die letzten Kriterien, Architektur und Signalwirkung, sind besonders interessant.

Ästhetik mit Signalwirkung

Im Jurybericht ist mehrmals von ikonischer Signalwirkung oder der Ikonenhaftigkeit des CircularTowers die Rede. Doch vorausgesetzt, zirkuläre Türme können einen solchen ikonografischen Effekt für unsere Epoche haben, dann liegt ihnen gebrauchtes Material zugrunde, das wiederverwendbar oder rezyklierbar ist. Einem zirkulären Forschungsbau ist die Veränderbarkeit und die Vergänglichkeit zusätzlich durch sein Programm eingeschrieben. Eine Ikone – etwa der Eiffelturm für den Stahlbau – ist hingegen eine epochale, emblematische und dauerhafte Erscheinung, die für sich steht.

Die ambitionierte Suche nach einer Ikone oder einem Projekt mit ikonenhafter Ausstrahlung wirkt, als müsste der Aufgabe mehr eingeschrieben werden als sie umfasst. Das ist unnötig, denn der Bau schöpft seine Bedeutung und sein Aussehen aus seinem Zweck.

Dass der Turm neben der Funktion auch Werbeträger seiner durchaus wichtigen Botschaft sein soll – und das nicht zu «leise» – ist nachvollziehbar. Dafür reicht jedoch die im Wettbewerbsprogramm verwendete Eigenschaft «Signalwirkung». Auf das Ikonenhafte kann getrost verzichtet werden.

Konsens für Eins und Zwei

Das Gewinnerprojekt «Setzkasten» von Inhelder Osterwalder Architekten und das zweitrangierte «Cyclo» von Penzel Valier bestehen beide aus einem turmhohen Holz-Skelettbau, in den Module oder Container eingefügt werden.

«Setzkasten» besticht mit seinem differenzierten architektonischen Ausdruck zirkulären Bauens, dem Einbezug der Öffentlichkeit, seiner Wandelbarkeit und dem Thema des einfachen Bauens. Der siebengeschossige Turm ist mit einem leicht versetzten filigranen, begrünten Treppenhausturm ergänzt. Die ersten zwei beheizbaren Obergeschosse dienen Veranstaltungen, die drei darüberliegenden unbeheizten sind flexible Forschungs- und Wohnmodule. Das Tragwerk ist rückbaubar und wiederverwendbar. Gebrauchte Alu- oder Trapezbleche bilden die Fassade. Der Bau verfügt über eine gebäudeintegrierte Energietechnik und teils veränderbare Fassaden: Die PV-Module, die thermischen Kollektoren auf dem Dach, die Schwerkraft-Stromspeicheranlage und ein Windrad thematisieren die Nutzung und sind Zeichen der Nachhaltigkeit für das Publikum.

Auch Penzel Valier stellt mit «Cyclo» einen Holz-Skelettbau mit Brettstapeldecken vor einen Erschliessungsturm mit PV-Anlage. Zwar nutzt der Turm das Terrain maximal aus, er könnte aber um weitere zwei Geschosse erhöht werden. Dies führe zu einer Verstärkung der Signalwirkung in der ­Umgebung, so die Jury. Die Architektursprache des Forschungsbaus und die feingliedrige Fassade seien stimmig. Eher fragwürdig seien die in den Forschungsgeschossen angeordneten alten Indus­triefenster, die mit Planen und Membranen als Witterungs- und Sonnenschutz ausgestattet sind. Die ansprechende Architektur, die gut funkt­ionierende Forschungs­nutzung und die Aussagen zur Kreislaufwirtschaft zeichnen das Projekt aus.

Burlesk oder leise

Einen anderen Ausdruck vermittelt das drittrangierte Projekt «Mitra» von Justinas Zuklys. «Es ist unauffällig und leise und schafft es nicht, die gewünschte Ausstrahlung als Forschungsturm zu erlangen», so die Jury, und weiter: «Der formale Bezug zu einem Industriebau scheint als Referenz ungeeignet, da die ikonische Ausstrahlung vermisst wird». Diese kritische Sicht mag damit zusammenhängen, dass seit der Winterthurer Halle 118 von Baubüro in situ kreislaufwirtschaftliche Bauten insbesondere mit Re-use-Komponenten mit einer bestimmten Gestaltung verbunden werden: Ein wenig burlesken Gebäudefassaden, die durch eine gekonnt collagenhafte Gestaltung in Schichten ins Auge springen wie «L’oeuf ou la Poule» von holaa, Biel oder «Birchermüsli» von
Ulrich Baierlipp, Bremgarten.

Doch zeige das Projekt «Mitra» den Gedanken der Suffizienz vorbildlich auf, gibt die Jury zu: Die Konstruktion ist einfach, das Ge­bäude kompakt, die Ausbauten sind auf ein Minimum begrenzt und die Strukturen mit wiederverwendeten Materialien ausgefacht.

Natürlich kann ein kreislaufwirtschaftliches Gebäude seine Botschaft mit auffälliger Signalwirkung kundtun. Es stellt sich aber auch die Frage nach dem Umkehrschluss: Eine der wichtigsten Eigenschaften der zirkulären Architektur ist die Suffizienz, die sich durch das minimal Wesentliche auszeichnet. Was spräche daher dagegen, wenn ein «leises», zurückhaltendes Projekt die hochkomplexe Botschaft der Kreislaufwirtschaft den Gebäudebesuchern nahebringt? Vielleicht werden die Besuchenden unterschätzt, wenn man ihnen nicht zutraut, die Botschaft über feine Nuancen zu verstehen.

Ernsthafter «Torre»

Das Projekt «Torre Transloco» von Piertzovanis Toews, ein Ankauf, weist in eine ganz andere Richtung. Der Ausdruck sei kraftvoll und roh, was der Funktion als Forschungstower und einer möglichen Ästhetik der zirkulären Architektur entsprechen könne, im vorliegenden Fall aber als zu polarisierend und abweisend empfunden werde, so die Jury.

Die Renderings machen gerade durch ihre surreale Wirkung neugierig auf einen tieferen Blick. Muss das ernsthafte und zukunftsweisende Thema der Kreislaufwirtschaft als eine Lösung für den übermässigen Ressourcenverschleiss unserer Gesellschaft der Besucherin in vergnüglicher Freizeitparkmanier präsentiert werden?

Könnte sich darum nicht auch ein solch roher, eindrücklicher Bau eignen, die Dringlichkeit des Themas öffentlichkeitswirksam und tiefgründig zu transportieren? Der zweite Blick bestätigt dies. «Torre Transloco» setzt im Gegensatz zu anderen Vorschlägen einen materiellen Fokus: Ein wesentliches Problem der Materialverschwendung beim Bauen sind die Mengen an Stahlbeton unter den Abbruchmaterialien. Das Projekt besticht durch den Ansatz, Beton vor dem Recycling weiterzuverwenden. Das Gebäude ist ein Versuchslabor, um das Verhalten der Betonscheiben und Bewehrung im exponierten Aussenraum zu beobachten. Aus Abbruchbauten sollen Betonplatten in entsprechender Grösse zugeschnitten und zu vier Erschliessungs­türmen gestapelt werden. Eine neuartige Konstruktionsmethode garantiert die Statik.

«Torre Transloco» hat auf den ersten Blick nicht die materielle Vielfältigkeit der anderen Projekte. Das bedeutet aber nicht, dass die Idee nicht umsetzbar wäre. Vielmehr bietet der Beitrag in seinen Leerstellen Entwicklungsspielraum für Forschungsthemen im Rahmen des nach wie vor wichtigsten Players der Baustoffindustrie, dem Beton.

Unterschiedliche Ausformulierungen kreislaufwirtschaftlicher Bauten, wie sie in diesem Wettbewerb ausgearbeitet wurden, tragen zur Entwicklung des Themas bei. Eine Ikone, also ein fertiges Bild zu suchen, kann nicht das Ziel sein. Bestenfalls wird ein Bau durch Geschichte und Zeit dazu.

Dieser Artikel ist erschienen in TEC21 1–2/2023 «Die Farbskala der Nachhaltigkeit».

-> Weitere Pläne und Bilder auf competitions.espazium.ch.

Auszeichnungen

1. Rang, «Setzkasten»: Inhelder Osterwalder Architekten, Biel; Timbatec Holzbauingenieure Schweiz, Bern
2. Rang, «Cyclo»: Architektur und Statik Penzel Valier, Zürich; Kreislaufwirtschaft pom+Consulting, Zürich
3. Rang, «Mitra»: Architektur Justinas Zuklys, Zürich; Haustechnik Waldhauser + Hermann, Münchenstein; Statik ZPF Ingenieur, Basel
Ankauf, «Torre Transloco»: Architektur Piertzovanis Toews, Basel

Fachjury

Jost Kutter, (Präsidium), Architekt, ETH; Kerstin Müller, Architektin; Stephan Wüthrich, Bauingenieur; Peter Schürch, Architekt; Sonja Huber, Architektin; Carine Hoyoz, Architektin (Ersatz)

Sachjury

Walter Gerber, Vorstand Verein Netzwerk TecLab; Roland Rohner, Geschäftsführer Verein Netzwerk TecLab; Rudolf Holzer, Baudirektion Stadt Burg­dorf; Claudia Dähler, Immobilienmanagement Berner Fachhochschule (BFH); Veronika Nieder­hauser, Amt für Grundstücke und Gebäude, Kanton Bern (Ersatz);
Ernst Kühni, ­Vorstand Verein Netzwerk TecLab (Ersatz)

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