To­po­gra­fische Krö­nung der Ru­dolf-Stei­ner-Schule

Die Rudolf-Steiner-Schule in Confignon GE hat das Büro Localarchitecture beauftragt, ihr Ende der 1980er-Jahre errichtetes Gebäude zu er­weitern. Die Aufstockung mit Schulräumen bezieht sich erfolgreich auf die Philosophie Rudolf Steiners.

Date de publication
20-11-2020

Mit seinem Bau aus dem Jahr 1988 mass der Architekt Jean-Jacques Tschumi dem Leben und dem Unterricht in der Rudolf-Steiner-Schule im Genfer Vorort Confignon eine hohe Bedeutung zu. Das Büro Localarchitecture machte sich damit intensiv vertraut und konnte so dem ­Auftrag zur Erweiterung mit einer fein abgestimmten Analyse gerecht werden.

Bereits bei seinem ursprüng­lichen Projekt hatte Tschumi ein zusätzliches Stockwerk ins Auge gefasst und Hin­weise darauf hinterlassen, zum Beispiel eine Stufe am Ende des letzten Treppenabsatzes im zent­ralen Treppenhaus. Dass für die Grundstruktur bereits eine Aufstockung vorgesehen war, bildet den Hintergrund des Projekts – angesichts des be­engten räumlichen Kontexts eine wichtige Voraussetzung. Somit konnten die Architekten ihre Entscheide für die bauliche Erweiterung gleichzeitig mit der differenzierten Neugestaltung angehen.

Das Programm umfasst die räum­liche Weiterentwicklung der Schulaktivitäten und die Erschliessungswege für die 350 Schüler und Fachleute dieser einzigartigen Institution. Konstruktiv fiel die Wahl auf eine leichte Holz-Beton-­Struktur mit möglichst vielen vorgefertigten Elementen. Mit Ausnahme des in den Sommerferien gegossenen Betonkorridors wurden die Bauarbeiten während der Schulzeit ausgeführt.

Anpassung an anthroposophische Prinzipien

Architektonisch sind die konstruktiven Elemente der Aufstockung eine zeitgenössische Interpretation der anthroposophischen Prinzipien der Geometrie des menschlichen Körpers. Das Projekt passt sich den unregelmässigen, sich aber ­dennoch wiederholenden Abschnitten des bestehenden Baus an. In den Fensteraufteilungen bis zum ganzen Fassadenbild drückt sich der Wunsch aus, die fliessenden und harmonischen Bewegungen des menschlichen Körpers im Raum abzubilden.

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Um den Holzaufbau stringent zu gestalten, erfolgten die Arbeiten an den komplexen Bauteilen in enger Zusammenarbeit mit Tischler- und Schreinerhandwerkern. Die 3-D-Modellierung der digitalen Abschnitte ermöglichte es, die Pläne direkt mit dem Bauherrn zu besprechen.

Das Holz der Aufstockung hebt sich von der bestehenden Fassade ab. Die Betonstützen aus dem unteren Geschoss wurden durch Doppelbalken aus Fichte ergänzt. Bei anderen Flächen wie z. B. dem Treppengeländer kam Lärche zum Einsatz. Das Material ist funktional und macht es möglich, eine eigenständige Architektursprache zu entwickeln.

Beziehung zwischen aussen und innen

Die Grundidee der Aufstockung erfasst man am besten vom zentralen Innenhof aus. Das Konzept der neuen Etage auf dem alten Dach nimmt die Linien des betonierten Laubengangs des ehemaligen, jetzt darunter liegenden Dachgeschosses auf. Die neue Laube wird von der Traufe, der verlängerten Konsole der Dachkon­struktion der neuen Klassenräume, überdeckt.

Das Dachprofil verstärkt zusätzlich die formale Einheit. Die klaren Linien der Klassenzimmerfassaden, des Laubengangs mit seinem Geländer sowie der Traufe prägen den Rhythmus der Aufstockung. Diese drei Elemente betonen die Erschliessungsfunktion und verbinden die Architektur und die Landschaft mit dem atemberaubenden Blick auf das Relief des Salève.

Öffnung zum Kosmos

Die Kontinuität zwischen innen und ­aussen ist ein Schlüssel zur Lesart der Architektur. Seitliche und zenitale Öffnungen, durch die viel natürliches Licht fällt, betonen diesen Bezug in den acht pädagogischen Räumen. Die Fenster ­verstärken das Gefühl der Höhe der Aufstockung, die die Architekten als «topo­grafische Krönung» gestaltet haben.

Die Innenverkleidung aus hellen Fichtenholzplatten trägt dazu bei, die Räume einladend und lernfördernd zu gestalten. Die neun Wandabschnitte zwischen den Klassenzimmern markieren die anthroposophische Architektur – jeder folgt mit einer 15-Grad-Drehung der Sonnenverschiebung eines Tages.

Das Projekt zeigt, wie wichtig den ­Architekten der «Geist des Orts» war. Holz als wichtigstes Baumaterial er­innert auch an die erste Version des Goethe­anums südlich von Basel. Das Vorgängergebäude des heutigen Betonbaus wurde als Sitz der von Rudolf ­Steiner gegründeten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in den 1920er-Jahren eingeweiht. Es erhob sich zu einer 34 m hohen hölzernen Doppelkuppel. Ein Jahrhundert nach seiner Entstehung findet es nun seine Entsprechung im pädagogischen Projekt in Genf.

Am Bau Beteiligte
 

Bauherrschaft:
Association en faveur de l’école Rudolf Steiner, Genf


Architektur:
Localarchitecture, Lausanne


Statik:
Ingeni, Carouge


Gebäudetechnik:
SIG, Genf


HLK und Sicherheit:
srg.eng, Genf


Dachkonstruktion:
Ateliers Casaï, Genf


 

Gebäude


Grundfläche (SIA 416): 650 m2
Volumen (SIA 416): 3368 m3


 

Holz und Konstruktion


Dach Klassenzimmer:
Dreischichtplatten Fichte, 80 mm


Fassade, hofseitig:
Dreischichtplatten Lärche 27 mm, und Fichte 120 mm; Akustikplatten Fichte 27 mm


Vordach, hofseitig:
Dreischichtplatten Lärche 42 mm, Rahmen BLC Fichte Fassade, strassenseitig: Dreischichtplatten Fichte 42 mm, Akustikplatten Fichte, verkleidet mit Lärche roh gesägt, Dreischichtplatten Fichte 27 mm


Vordach, strassenseitig:
verkleidet mit Lärche gehobelt, Dreischichtplatten Fichte 19 mm


 

Daten


Projekt: 2014–2017
Bau: 2017–2018


 

Kosten


Total: 3.9 Mio CHF

Dieser Artikel ist erschienen im Sonderheft «Stadt aus Holz – Höher bauen, aufstocken, Erdbebensicherheit». Weitere Artikel zum Thema Holz finden Sie in unserem digitalen Dossier.

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