Vor­hang auf!

Nachverdichtung in Basel: Itten + Brechbühl Architekten fügten ein neues Wohnhaus in den Hinterhof eines Blockrands. Die fein detaillierte Vorhangfassade aus grünem, gewelltem Faserzement wirkt freundlich und stofflich elegant.

Publikationsdatum
15-07-2022

Beschienen von der Abendsonne lugt im Basler Iselinquartier ein geometrisch sonderbares grünes «Tierchen» aus einer Blockrandbebauung hervor. In der ehemaligen Arbeitersiedlung mit ihren sonst geschlossenen Hofrandbebauungen bleibt der fünfeckige Block gegen Westen hin offen. In diesem Zwischenraum liegt der Zugang zum neuen Wohnhaus im Hof. Dessen Hülle aus grün lasiertem, gewelltem Faserzement erinnert an einen festen Vorhang mit weicher Haptik und strahlt eine zurückhaltende Eleganz aus, die man gleich bei der Ankunft spürt: Um zum zentral angeordneten Eingangsbereich des Neubaus zu gelangen, benutzt man einen Fussweg entlang der Fassade und erfährt deren Stofflichkeit aus nächster Nähe.

Früher diente der Hinterhof zur Lagerung von Kutschen, später Motorfahrzeugen, und zuletzt einem Baustoffhandel. In seiner Mitte ergab sich aus den gesetzlich einzuhaltenden Mindestabständen eine bebaubare Restfläche. Das schmale fünfgeschossige Volumen des Neubaus ist ihr räumliches Abbild. Es fasst verblüffende 21 Parteien in 2,5- bis 5,5-Zimmer-Wohnungen zwischen 56 m2 und 130 m2. Wegen seiner Lage im dicht bebauten Hof mangelt es dem Baukörper an räumlicher Fernwirkung. Daher entwarfen die Architekten ein haptisch ansprechendes Objekt, das wie in den Hof eingegossen scheint.

Industrielle Baustoffe, fein veredeltx

Es sollte ein einfaches, an die ehemalige Werkhofarchitektur gemahnendes Haus entstehen, in dem die Erinnerung an den Ort fortwährt. Form und Materialisierung orientieren sich denn auch am Charakter der Nutzbauten in den Höfen des Quartiers und nicht an der Blockrandbebauung. Dem industriellen Charakter entsprechend kamen vorwiegend unprätentiöse Materialien wie Sichtbeton, feuerverzinkter Stahl und lasiertes Welleternit zum Einsatz. Der leitende Architekt Daniel Blum von Itten+Brechbühl betont die gestalterische Absicht, die Materialien über ihre Behandlung zu nobilitieren; in einem einjährigen Entwicklungsprozess unternahm man Versuche zur Oberflächenbeschaffenheit des Eternits.

Die Wahl fiel auf Paneele in unbehandeltem Zustand und eine nachträgliche Lasur, was die pelzigstoffliche Faserzementstruktur hervorhebt. Für den GU war es indes unüblich, unverarbeitete Produkte einzusetzen, da er die Garantien übernehmen muss und potenziell Haftungsfragen entstehen. Diese Schwierigkeit räumten die Beteiligten aus, indem der Hersteller (Eternit Schweiz) und die für die Oberflächenbehandlung zuständige Firma (Durrer Systems) die Gesamtverantwortung für den Grundwerkstoff bzw. für das Beschichtungsprodukt unter sich aufteilten.

Das rückversetzte Attikageschoss ist mit glatten, grauen Paneelen verkleidet, im Unterschied zu den vier darunter liegenden Geschossen mit grüner, gewellter Fassade. Die umlaufenden Fassadenbänder und auskragenden Geschossplatten betonen die Horizontalität des Volumens und binden die privaten Aussenräume darin ein. Mal schmiegen sich die Balkone eng an den Baukörper, mal kragen sie aus; meist verbinden sie zwei Zimmer, wodurch die Wohnungen grosszügiger wirken. Als Referenz dienten die funktionalen Rückseiten der beliebten Basler «Baumgartnerwohnungen» aus den 1930er-Jahren. Die Staketengeländer aus feuerverzinktem Stahl sind ein Standardprodukt, das dank der zueinander verschränkten Punktverschweissung einen besonderen Charakter erhält. Offenliegende Metallrollladen sind ebenfalls dem Prinzip industrieller Eleganz verpflichtet. Tragwerk und Fassade sind getrennt.

Welle in der Laibung

Die nicht tragende Holzelementfassade ist standardgemäss als gedämmte und dampfdicht abgeschlossene Ständerkonstruktion ausgeführt. Die 8 mm starken Eternitpaneele sind direkt mit der vertikalen Lattung verschraubt, die als Hinterlüftungsschicht dient; bei Bedarf lassen sich einzelne Paneele austauschen. Mehr Koordination erforderten die Laibungsanschlüsse der rückversetzten Holz-Alu-minium-Fenster, wo die Paneele mit einer konvexen Welle enden; die Montage vor das Metallblech der Fensterlaibung unterstützt die Illusion eines Vorhangs zusätzlich.

Auch im Innern herrschen einfache, aber veredelte Materialien vor. Das längliche Treppenhaus ermöglicht einen effizienten Fünfspänner. Es ist in Terrazzo-Kunststein mit sägerauen Holzoberflächen und dunkelgrün pulverbeschichteten Metallarbeiten ausgeführt. Das prägende Balkongeländer ist hier ebenfalls präsent. Raumhohe Holztüren erzeugen Grosszügigkeit in den teilweise kompakten Wohnungen. Laut einem Mieter hat jedes Geschoss «seine eigenen Mitbewohner» in Gestalt der lastabtragenden Stützen mit ovalen, runden oder rechteckigen Querschnitten. Den Wohnungsgrundrissen fehlt zuweilen die Virtuosität der Gebäudekubatur; die mehrseitige Orientierung entschädigt jedoch mit spannenden Durchsichten und Ausblicken.

Dieser Artikel ist erschienen in «Fassaden | Façades | FacciateZeitgenössische Bauten in der Schweiz».

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Wohnhaus Hegenheimerstrasse 39, Basel
Auftraggeber
Musfeld, Basel

 

Generalplanung und Architektur
Itten + Brechbühl, Basel

 

Tragkonstruktion
Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel

 

Landschaftsarchitektur
Bryum, Basel

 

Gebäudetechnik
RaimanPartner, Trimbach

 

Elektroplanung
Bhend Elektroplan, Basel

 

Facts & Figures
Planung
2017

 

Baubeginn
2019

 

Inbetriebnahme
November 2020

 

Geschossfläche
2150 m2

 

Wohnungen
21

 

PV-Anlage auf dem Dach:
Fläche
: 111 m2; Anlagenleistung: 23.5 kWp

 

Auszeichnung
Swiss-Architects, «10 Beste Gebäude 2021»

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