Update, upgrade
Neue Fassaden verwandeln ein unfreundliches Bürohaus in ein elegantes Stadthaus, in dem wechselnde Ämter der Kantonalen Verwaltung einen würdigen Ort finden werden. Davon profitiert nicht zuletzt die Stadt.
Lange Zeit hatten Fussgänger auf dem Weg vom Hauptbahnhof Zürich in den Kreis 5 zunächst eine Durststrecke zu überwinden. Auf der einen Seite hinter Parkplätzen und Stellflächen die Gleise, auf der anderen ein langes, sehr langes Gebäude mit einem toten Erdgeschoss, dessen einzige öffentliche Nutzung – ein asiatisches Restaurant – sich hinter Betontrögen versteckte.
Der Bau, entworfen von Werner Biedermann, ersetzte 1984 eine ganze Gruppe kleinteiliger Gewerbehäuser. Weil damals auch die alte Eilgutspedition an den Gleisen abgebrochen wurde, bildete er an der Zollstrasse die Stadtfront, bevor er in den 2010er-Jahren in die zweite Reihe verbannt wurde. Mit einer eher grobschlächtigen Fassade aus Betonelementen und einem klobigen Vordach atmete er noch den Geist der späten 1960er-Jahre.
2012 erwarb der Kanton Zürich den östlichen Teil des Gebäudes, den früher die Bank Leu belegt hatte. Künftig sollen hier jeweils jene Ämter unterkommen, deren Stammhäuser saniert werden. Um den Bestand dafür zu ertüchtigen, wurde das Haus zunächst auf den Rohbau zurückgeführt. Dies ermöglichte eine vollständige Erneuerung der Technik, eine energetische Optimierung der Gebäudehülle und maximal flexible Grundrisse, die als Rochadeflächen unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen können.
Wo früher vier Fensterachsen das Mass des kleinstmöglichen Büros angezeigt hatten, sind es nun drei. Einzelbüros, obwohl möglich, wird es allerdings nicht mehr geben. Vorgesehen sind offene, reich gegliederte Räume mit Desksharing. Die Sitzungszimmer und die entsprechende Öffentlichkeit werden im Attikageschoss konzentriert, im Erdgeschoss gibt es einen Empfang und externe öffentliche Nutzungen.
Fassade und Rückseite
Während die Hofseite mit einer Faserzementbekleidung zwar achtsam, aber betont einfach gestaltet wurde, erhielt das Haus zur Zollstrasse eine repräsentative, der neuen Nutzung und dem sich gewandelten Stadtquartier angemessene Fassade. Aus den einstigen Pflanztrögen mit kümmerlichem Bewuchs wurde ein elegantes Vordach, der Erker und das Piano nobile des Bestands wurden eliminiert, die Zäsur bei der sekundären Vertikalerschliessung abgeschwächt. Wo ursprünglich ein körperhaftes Element mit stehenden Öffnungen eine architektonische Aufgliederung und Durchdringung inszenierte, spielt nun eine Variation der Regelfassade den Einschnitt herunter.
Dieser Artikel ist erschienen in «Fassaden: Umbaukultur aus öffentlicher Hand».
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Dies alles führt zu einer Stärkung der Ganzheit und damit zu einer Beruhigung der Fassade, die im Detail aber durch eine feinteilige, reiche und sorgfältig proportionierte Gliederung belebt wird. Ein Kleid aus Palissandro Nero, einem schwarzen Dolomitmarmor aus einem Steinbruch nördlich von Domodossola, zeichnet mit horizontalen Bändern die Brüstungen und damit die Geschosse nach, während vertikale Elemente die Achsen der Tragstruktur anzeigen.
Mit dem eleganten Schwarz kontrastieren silbrig schimmernde Schwerter aus Aluminium, die den Ausstellmarkisen als Führung dienen. Diese Grundordnung der Gestaltung wird durch ein feines Relief und durch präzis ausgestaltete Verschränkungen belebt und verfeinert. Besonders schön ist, wie Streifen aus vertikal gerillten Steinplatten den Sonnenschutz und die Deckenstirnen abdecken. Die Fenster werden dadurch optisch vergrössert und das Textil symbolisch und visuell mit dem Stein verknüpft.
Mit ihrer fein abgestuften Massstäblichkeit, dem austarierten Zusammenspiel von Horizontalen und Vertikalen sowie ihrem Detailreichtum schliesst die Fassade an die besten Beispiele der Neuen Baukunst des 20. Jahrhunderts an. Allerdings bringt sie ihr Wesen als Kleid zum Ausdruck, nutzt kostbare, mit aktueller Technologie bearbeitete Materialien und findet damit zu einer kühlen Eleganz.
Und der Klimawandel?
Angesichts des dunklen, reich strukturierten Marmors mag die Frage auftauchen, warum nicht der Schritt zu einer Solarfassade gemacht wurde, zumal mit polykristallinen Zellen eine vergleichbare Textur, wenn auch nicht ein ähnlich reiches Relief, hätte erreicht werden können. Der Ertrag einer solchen Anlage wäre allerdings angesichts der Verschattung in der innerstädtischen Strasse mit hoffentlich rasch wachsenden Bäumen gering. Vor allem aber: Sollte ein öffentliches Gebäude nicht eine Beständigkeit verkörpern, die über jene einer Technologie mit einer Lebensdauer von 25 oder bestenfalls 50 Jahren hinausgeht?
Die klassische Anmutung des Baus ist in diesem Sinn zu verstehen. Vor acht Jahren, als der Architekturwettbewerb stattfand, war das Bedürfnis nach symbolischen Gesten zugunsten des Klimaschutzes überdies noch nicht so ausgeprägt wie heute. Beim Verwaltungsgebäude an der Zolltrasse wird dieses nun durch die Kunst am Bau aufgegriffen. Auf das Dach des niedrigen Gebäudetrakts liessen Christina Hemauer und Roman Keller einen blaugrünen Container mit drei Pinien und einem rot-weiss gestreiften Mast stellen: Pino di Roma ist eine monumentalisierte Klima-Messstation, die an die römische Hitze erinnert, auf die wir zusteuern.
PV Fassaden – mehr als ein Symbol
Gemäss Solarstromrechner des BFE eignet sich die Fassade des Geschäftshauses an der Zollstrasse 36 nicht für Photovoltaik; auf dem Dach sind jedoch Solarpanels installiert.
Dach- und Fassadenflächen mit PV zu aktivieren ist entscheidend für das Gelingen der Schweizer Energiewende. Jährlich könnten sie bis zu 67 TWh Solarstrom erzeugen, schätzt das Bundesamt für Energie. Die Schweiz plant, bis 2050 45 TWh ihres Strombedarfs mit neuen erneuerbaren Energiequellen zu decken und damit die Kernkraftwerke zu ersetzen.
In Bezug auf die Photovoltaik stellt sich also nicht die Frage, ob man damit baut, sondern wie (vgl. S. 29). Die Rolle der öffentlichen Hand ist dabei essenziell. Als Vorbild und als Auftraggeberin mit einem grossen Portfolio kann sie zeigen, wie die Energiewende umgesetzt werden kann. (ib)
Gesamtinstandsetzung Geschäftshaus, Zollstrasse Zürich
Bauherrschaft:
Kanton Zürich
Architektur:
MeierHug Architekten
Generalunternehmer:
ARGE MeierHug Takt, Zürich
Tragkonstruktion:
Schnetzer Puskas Ingenieure, Basel
Landschaftsarchitektur:
Müller Illien Landschaftsarchitekten, Zürich
Fassadenplanung:
Lüchinger Meyer, Zürich
HLKS-Planung:
MB Engineering, Zürich
Bauphysik:
Durable Planung Beratung, Zürich
Elektro-Planung:
Hefti. Hess. Martignoni., Zürich
Fenster:
Surber Metallbau, Dietikon
Facts & Figures
Fertigstellung:2025
Geschossfläche:16 440 m2
Volumen:
55 749 m3