«Wir stre­ben ei­ne zü­gi­ge Re­vi­si­on an»

LHO im Gespräch

Welchen Ansprüchen müssen zukunftsfähige LHO gerecht werden? Eine Bauingenieurin und ein Bauherrenvertreter im Gespräch mit dem Präsidenten der Zentralkommission für Ordnungen (ZO).

Publikationsdatum
04-12-2019

TEC21: Die ordentliche Revision der LHO steht vor der Tür. Wo stehen die derzeitigen Arbeiten? Und wie läuft der bevorstehende Prozess genau ab?

Erich Offermann: Aktuell laufen die Vorbereitungsarbeiten zur Revision. Das eigentliche Revi­sionsprojekt wurde soeben an der letzten Sitzung der ZO gestartet. Der Ablauf des Revisionsprozesses lässt sich gut mit der Phasenabfolge eines Bauprojekts vergleichen. So startet auch die Revision mit einer Projektdefinition, die auf verschiedenen Ebenen abgestützt wird. Eine breite Akzeptanz mit Möglichkeiten zur Mitwirkung und der paritätische Ansatz sind uns wichtig.

TEC21: Welche Themen bestimmen die Revision? Welche Bedeutung und Dringlichkeit hat das Thema Digita­lisierung, das bei der letzten Revision 2014 zurück­gestellt wurde?

Erich Offermann: Das Thema Digita­lisierung hat einen hohen Stellenwert. Bei der letzten Revision wusste man einfach noch zu wenig über die Methoden, um sie ordnungsgemäss zu regeln. Nun hat die Digitalisierung ihren «Peak» erreicht und wird daher zum Thema. Auch wird uns der Honorarteil der LHO aufgrund der jüngsten Entwicklungen sicherlich stark beschäftigen. Daneben gibt es aber noch weitere Themenfelder wie beispielsweise das Phasenablaufmodell oder die Begriffsdefinition und -harmonisierung, die nicht zuletzt aufgrund der jüngsten Turbulenzen zum Zeitaufwandmodell deutlich an Bedeutung gewinnen werden.

TEC21: Welche Ansprüche stellt die Praxis an eine zukunftsfähige LHO?

Martina Fasani: Bei unserer Tätigkeit stellen wir fest, dass Auftraggeber bei der Formulierung der Pflichtenhefte zunehmend Leistungen aus unterschiedlichen Phasen mischen. Dies hat sich mit der fortschreitenden Digitalisierung noch zusätzlich akzentuiert. So ist teilweise unklar, welche Leistungen effektiv und wann geleistet werden müssen. Die Besteller sollten mit den Leistungskatalogen ein zeitgemässes Werkzeug zur Formulierung der Pflichtenhefte an die Hand bekommen. Das ist notwendig, damit ein kreativer Prozess stattfinden kann und nicht bloss Stunden bestellt werden.

Hanspeter Winkler: In der Rolle als Auftraggeber schätze ich die LHO als überaus gute Arbeitshilfe, um Leistungen zu formulieren und Honorare abzuschätzen. Das Phasenablaufmodell ist für mich – insbesondere auch im internationalen Vergleich – ein Erfolgsmodell, das eine effiziente Projektabwicklung fördert. Eine Verwässerung dieses Modells wäre ein Rückschritt. Daher erhoffe ich mir, dass der Leistungsbereich der LHO gestärkt wird.
Bewährtes sollte nicht zu sehr hinterfragt oder gar über den Haufen geworfen werden. Dazu gehört auch eine Methode zur Abschätzung des Honorars. Ich denke, die bekannte Berechnungsart zur Aufwandschätzung, auch wenn vertraglich unbedeutend, sollte weiterhin in irgendeiner Form als Orientierungshilfe oder als Benchmark angeboten werden. Dies, obwohl wir beim BBL zukünftig vermehrt Leistungsausschreibungen machen – also detaillierte Leistungen ausschreiben – und diese dann ungeachtet einer Formel durch die Anbieter offerieren lassen werden. Wir erhoffen uns dadurch eine Qualitätssteigerung bei der Leistungserbringung.

Martina Fasani: Die Honorarfrage als zentrales Element muss zumindest in irgendeiner konsensualen Form gemeinsam mit der Leistungsbeschreibung geklärt werden.

Erich Offermann: Diese Anliegen decken sich bestens mit den Ergebnissen eines kürzlich durchgeführten Workshops. An oberster Stelle der genannten Bedürfnisse steht die Verständlichkeit und Verlässlichkeit des Regelwerks. Dazu gehört natürlich auch die Beantwortung der Honorarfrage. Die LHO sind ja quasi ein vorverhandelter Vertragsbestandteil, den beide Vertragsparteien akzeptieren.
Die Mitglieder in den Sektionen erwarten auch künftig eine verlässliche Kalkulationshilfe (irgend­einer Art), was übrigens gemäss Kartellgesetz unter Abstützung auf eine reale, statistische Basis durchaus legal wäre. Trotzdem sind das Phasenablaufmodell und die Zeitaufwandformel bloss Instrumente, die bei der Abwicklung eines gewöhnlichen Projekts zur Verständigung beitragen. Leider hat man aber in der Vergangenheit kaum je die Möglichkeiten zur projektspezifischen Anpassung dieses Modells genutzt. Unternehmerische Freiheiten muss man sich selbst nehmen, sie können nicht institutionalisiert werden.

TEC21: Heutzutage werden Projekte vermehrt in General­planungsmandaten abgewickelt. Welche Bedeutung hat das für die LHO – sind strukturelle Anpassungen erforderlich?

Erich Offermann: Solche Mandate sind eigentlich bloss juristische Konstrukte mit einer Verschiebung des administrativen und koordinativen Aufwands zu den Planenden und veränderten Haftungsfragen. Die Planungsaufgabe an sich bleibt dieselbe.

Martina Fasani: In den LHO wird noch zu wenig klar zwischen den einzelnen Aufgaben unterschieden. Die Fach- und Generalplanung umfassen ganz unterschiedliche Leistungsspektren. Ein modularer Aufbau der Leistungskataloge hätte durchaus seine Reize.

Hanspeter Winkler: Das stimmt. Es wäre durchaus vor­stellbar, dass die Leistungen der Gesamtleitung oder des Generalplaners in einer übergeordneten Ordnung geregelt werden und das Disziplinenkon­strukt der LHO stärker auf die Fachplanungsaufgaben fokussiert. Ich finde, die Disziplinenstruktur der LHO ist ein wichtiger Teil des Erfolgsmodells. Der bewährte Phasenablauf ist dabei das verbindende Element.

Erich Offermann: Die bestehende Struktur ist sicherlich richtig. Dies schliesst allerdings eine Hinterfragung nicht aus. Vielmehr dürfte aber auch hinterfragt werden, ob die Funktionalität eines Bauwerks eine exaktere Abbildung in den Leistungskatalogen verdient.

Hanspeter Winkler: Mit den Werkzeugen der Digitali­sierung wäre das neben einer Strukturierung der Leistungen auf verschiedenen Ebenen ja durchaus vorstellbar.

TEC21: Wie meinen Sie das?

Hanspeter Winkler: Bislang kennen wir die LHO auf Papier oder als PDF. Es wäre ja sicherlich möglich, an übergeordneter Stelle einen Leistungskatalog mit Grund- und Gesamtleitungsaufgaben zu formulieren und dann Bausätze für fachspezifische und besonders zu vereinbarende Leistungen in den einzelnen Disziplinen zu schaffen.

Martina Fasani: Das würde dem geforderten modularen Aufbau gleichkommen und helfen, Schnittstellen zu klären und bestehende Redundanzen zu bereinigen.

Erich Offermann: Natürlich könnte die Digitalisierung respektive eine LHO in digitaler Form mit entsprechenden Verknüpfungsmöglichkeiten dabei helfen. Wie gesagt sind wir aktuell noch am Beginn des Revisionsprozesses, und das alles sind Grund­fragen, die wir nun im Vorfeld der eigentlichen Revision in den zuständigen Gremien klären müssen.

TEC21: Wie zukunftsfähig ist das bekannte Phasenablauf­modell?

Hanspeter Winkler: Wie bereits erwähnt, hat sich das Modell absolut bewährt und sollte grundsätzlich nicht verwässert werden. Die zugehörigen Rollen sollten allerdings mutiger beschrieben werden – beispielsweise diejenigen des Gesamt- oder Bauleiters. Ausserdem sollte die Bewirtschaftungsphase stärker mit den Planungstätigkeiten verknüpft werden. In der Planung wird ja enormes Know-how bezüglich des Bauwerks generiert. Zu oft wird mit dem Projektabschluss und der Übergabe des Bauwerks dieses Wissen aber vernichtet. Hier sehe ich Verbesserungsbedarf.

Martina Fasani: Die anstehende Revision wäre eine Chance für eine branchenübergreifende Harmonisierung, damit Phasenbezeichnungen, Begrifflichkeiten und Inhalte allgemeingültig formuliert würden.

Erich Offermann: Vermutlich kommt gerade in diesem Punkt zum Ausdruck, dass die bevorstehende Revision ein Grossprojekt für den SIA ist. Mir ist es wichtig, genau zu solchen Punkten den gesamten Verein mit den paritätischen Vertretungen anzuhören. Leider haben wir gerade im Ordnungsbereich Schwierigkeiten, Branchenvertreterinnen und -­vertreter für die Kommissionen zu rekrutieren. Dies, obwohl die Kommissionen allen geeigneten Berufsleuten offen stehen. Ich möchte aber auch an dieser Stelle darauf hinweisen, dass wir noch am Anfang den Revisionsprozesses stehen und auch die Partizipationsformen noch abschliessend zu definieren sind.

TEC21: Inwiefern wird die kommende LHO 101 (Ordnung für Leistungen der Bauherren) in den Revisionsprozess einbezogen?

Hanspeter Winkler: Grundsätzlich sehe ich keine Notwendigkeit – die Norm war ja gerade eben in der Vernehmlassung.

Erich Offermann: Die LHO 101 kann für die anstehende Revision sehr wichtige Impulse geben. Die dort erfolgte Prüfung durch die Brille des Bauherrn hat sehr viel wertvolle Inputs für das Ordnungswerk generell geliefert.

TEC21: Welche Bedeutung haben weitere, aktuelle Branchenthemen für die Revision?

Hanspeter Winkler: Das Thema Baukultur wäre übergeordnet aufzugreifen. Nach Verabschiedung der Charta von Davos im vergangenen Jahr wäre das sicher angezeigt. Baukultur hat ja verschiedene Facetten. Letztlich gehören auch faire Auftragsverhältnisse dazu, die ein Honorardumping bei der Erbringung intellektueller Leistungen unterbinden. Daneben muss das Bauen im Bestand mehr Gewicht bekommen: Die LHO sind meines Erachtens zu stark auf Neubauten ausgerichtet.

Martina Fasani: Vermutlich braucht es nicht zwingend eine explizite Behandlung von Begleitthemen in den LHO. Vielmehr führen eindeutige Leistungsbeschriebe automatisch zu klaren Auftragsverhältnissen und nachhaltigen Bauwerken.

Erich Offermann: Punkto Lebenszyklus von Bauten besteht sicherlich Bedarf. Angesichts der stark bebauten Umwelt wird das Thema Rückbau zu wenig bedacht. Bezogen auf den Planungsprozess und Vergütungsmodelle wäre zudem eine Regelung von Bonus-Malus-Systemen zeitgemäss.

TEC21: Wie sieht der weitere Fahrplan der Revision aus?

Erich Offermann: Über die Dauer des Revi­sionsprozesses lässt sich derzeit noch keine Aussage machen. Wir streben eine zügige, aber nicht über­hastete Revision an. Wenn wir das Beispiel der unlängst in Vernehmlassung gegebenen LHO 101 als Beispiel nehmen, hat der Entstehungsprozess zwei bis drei Jahre in Anspruch genommen. Dabei handelte es sich jedoch nicht um eine Revision, sondern um eine neue Ordnung.

TEC21: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Expertengruppe? Wie wird deren Tätigkeit nach­malig in den Revisionsprozess integriert?

Erich Offermann: Die Expertengruppe ist eine Notstandsmassnahme, entstanden aus den Turbulenzen des vergangenen Jahres. Sie ist ein Thinktank, der sich ausserhalb der Kommissionen mit möglichen Alternativlösungen zum wegfallenden Zeitaufwandmodell auseinandersetzt. Mit Beginn der Revision werden die Erkenntnisse der Expertengruppe in die Kommissionstätigkeiten integriert und die Expertengruppe selbst aufgelöst.

TEC21: Vielen Dank für das Gespräch!

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