Über ein ge­fähr­de­tes Bi­jou

Die Villa Gelpke-Engelhorn der Architektin Beate Schnitter in Küsnacht wurde aus dem Inventar der schutzwürdigen Bauten entlassen. Einmal mehr wird klar: Das architektonische Werk von Schweizer Frauen ist ungenügend erforscht und wird kaum gewürdigt.

Publication
08-04-2019
Francine Speiser
Master of Arts in Kunstgeschichte und Bildtheorie, Assistentin Baumanagement

Architektur von Frauen ist nach wie vor zu wenig erforscht. Die Folge davon ist, dass Bauten namhafter Schweizer Architektinnen nicht genügend geschätzt werden und verschwinden. Unmittelbar davon betroffen ist das in den Jahren 1971 bis 1973 von ­Beate Schnitter erstellte Wohnhaus Gelpke-Engelhorn.

Die von der Pionierin der zweiten Generation Schweizer Architektinnen entworfene Villa an der Zumikerstrasse 20a in Küsnacht-­Itschnach ist vom Abriss bedroht. Am 2. Mai 2018 wurde sie aus dem Inventar der schutzwürdigen Gebäude der Gemeinde Küsnacht entlassen. Ihr droht das gleiche Schicksal wie vielen Bauten der Nachkriegsmoderne, deren Qualitä­ten sich nicht immer auf den ­ersten Blick erschliessen. Der Zürcher Heimatschutz setzt sich in diesem Fall erstmals für den Erhalt eines Schutz­objekts aus jener Zeit ein. Der Kampf um den Erhalt der schweiz­weit wohl einmaligen Villa geht vor dem Verwaltungs­gericht weiter, weil ihr architektonischer und bauhistorischer Wert auf erster In­stanz­ebene nicht anerkannt wurde.

Wie Bernhard Furrer (Denkmalpfleger, Bern) am Freitagskolloquium des Departements Denkmalpflege und Bauforschung der Stadt Zürich am 1. Februar 2019 feststellte, werden Nachkriegsbauten wenig bis gar nicht geschätzt, was er anhand mehrerer Beispiele belegte: Villa Luder (1960), Solothurn, und das Altersheim Grossfeld (1968), ­Kriens. Sie würden als hässlich gelten, seien schlecht gebaut und überdies hinaus Energieschleudern. Auf die Villa an der Zumikerstrasse 20a trifft dies alles jedoch nicht zu.

Viel Licht und Farbe im Innern

Das verborgene Haus mit Seesicht liegt an sonniger Hanglage im Nord­osten der Gemeinde Küsnacht, oberhalb der unbebauten Grünfläche des Tägermooses mit dem Schübel­weiher. Das Haus wird durch die Hauptstrasse, die Zumikerstrasse, von oben erschlossen. Der benachbarte Lux-Guyer-Bau an der Zumi­ker­stras­se 20 – das «Rebhaus» – und dessen üppiger Garten schützen es vor Lärmemissionen und störenden Einblicken. Das Wohnhaus wurde für die Bauherrin Christa Gelpke-Engelhorn, Nachkommin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn, und ihre drei Kinder gebaut.

Beate Schnitter strebte bei der Planung des Gelpke-Engelhorn-­Hauses eine gewisse Zurückhaltung und Bescheidenheit an, um das «Rebhaus» ihrer Tante Lux Guyer und den angrenzenden Garten möglichst wenig zu beeinträchtigen.

Darin ablesbar ist eine Geste der Ehrerbietung gegenüber dem architektonischen Gedankengut ihrer Tante. Sie fügte den Wohnkomplex geschickt in die topografische Umgebung ein und richtete den Bau konsequent nach dem Sonnenstand aus. An der Nordseite der Villa platzierte sie ein Wendeltreppenhaus, das als Scharnier für die sich links und rechts davon befindenden Gebäudeflügel fungiert. Sie sind wie ein aufgeschlagener Fächer konzipiert, um zu jeder Tageszeit die ­Sonne einzufangen.

Bei der Planung der Acht-Zimmer-Villa war es der Bauherrin Christa Gelpke-Engelhorn ein grosses Anliegen, dass jedes der drei Kinder ein eigenes Zimmer erhalten sollte. Es durften aber auf keinen Fall «Schlauchzimmer» sein. Der fächerartige Grundriss ermöglichte es Beate Schnitter, die Wohnräume gross und die Korridore und Vorräume klein zu halten.

Auffallend ist der grobe altrosa Verputz der Aussenwände, der ebenfalls auf einen Wunsch der Bauherrin zurückgeht, sowie das begehbare Flachdach, auf das die Wendeltreppe hinaufführt. Aus Rücksicht auf das benachbarte «Rebhaus» wählte Beate Schnitter ein Flachdach – ein Spitzdach hätte die Sicht auf den See versperrt. Die Südfassade weist im Erdgeschoss und im ersten Obergeschoss viele Eckfenster auf, ein architektonisches Detail, das Schnitter von Lux Guyer übernommen und adaptiert hat. Das absolute Highlight im Garten bildet jedoch die Arena vor der Ostfassade. Sie wurde für eine theaterbegeisterte Tochter von Gelpke-­Engelhorn angelegt, die sich ­einen privaten Aufführungsort wünschte.

Im Innern des Hauses erkennt man sofort die Funktion der Eckfenster, die sehr viel Licht einlassen und einen eindrucksvollen Blick auf den Garten und den Zürichsee gewähren. Das bunte Farbkonzept von Christa Gelpke-Engelhorn für die Gestaltung der Innenräume ist aufgrund der Intensität der verschiedenen Farben einzigartig. Während in einem Badezimmer grasgrüne und andern­orts blaue Keramikplatten verlegt wurden, herrschen in der Küche Zinnoberrot und in den Kinderzimmern leuchtendes Sonnengelb, Orange und Lachsrosa vor.

Die eingebauten Schränke und Regale erinnern an Lux Guyers Innenräume, und abgerundete Ecken und Kanten veranschau­lichen, wie sehr Beate Schnitter mit einem Auge fürs feine Detail operierte. Die Wendel­treppe mit Oberlicht sollte als Beate Schnitters stilvollste Meisterleistung überhaupt gewürdigt werden. Am auffälligsten sind jedoch die bunt glasierten Keramikplatten des bekannten ­italienischen Bildhauers Fausto ­Melotti (1901–1986) im Wohnzimmer und in der Küche. Während die  Bodenplatten im Wohnzimmer ­tief-blau mit schwarzen Bereichen und kleinen verschiedenfarbigen Einschlüssen sind, sind jene in der ­Küche und im Vorraum weiss mit hell­blauen Einschlüssen.

Einmaliger Ballungsraum

Einzigartig ist nicht nur das Haus mit seiner Fächerform und dem ­bun­ten Innenleben selbst. Die An­sam­­mlung von drei Lux-Guyer-Bauten – dem «Rebhaus» an der Zumi­ker­strasse 20 (1929/30), dem Haus «Sun­­nebüel» am Itschnacherstich 1 (1929/30) und dem Mendel-Haus am Itschnacherstich 3 (1931) – sowie zweier Beate-Schnitter-Bauten an der Zumikerstrasse 20a (1973) und am Itschnacherstich 1a (2008), die alle in einem Abstand von etwa 100 m voneinander in Sichtkontakt stehen, machen diesen Teil von Küsnacht-­Itschnach zu einem einmaligen Freilichtmuseum. Sie bilden auch deshalb ein einzigartiges Ensemble, weil die Bauten Bezug aufeinander nehmen: zwei Lux-Guyer-Häuser mit grossem Garten und in dessen Ecke ein sich durch Zurückhaltung auszeichnender Bau von Beate Schnitter.

Durchdachtes Layout

Fächerartige Grundrisse kommen in der Schweiz eher selten vor, als mögliche Quervergleiche können das Hochhaus Schönbühl (1968) von Alvar Aalto oder das sich offensichtlich daran anlehnende Alterswohnhaus an der Scheuchzerstrasse 85 (1970/72) in Zürich von Max Ziegler genannt werden. Es ist zu hoffen, dass die nächsthöhere Gerichtsin­stanz den Wert der Villa erkennt und sie als hervorragendes Beispiel Schweizer Architektur aus den frühen 1970er-Jahren, überdies von einer der bedeutendsten Schweizer Architektinnen, erhalten bleibt. 

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