Oh­ne Be­ton gehts nicht

Zement dominiert den CO2-Fussabdruck von Beton. Seine Produktion soll und kann grüner werden. Simultan nimmt die Betonnachfrage weiter zu. Wie können wir das Netto-Null-Ziel trotzdem erreichen? Holcim lud Anfang September zu einer Diskussionsrunde ein.

Publikationsdatum
09-10-2023

Der weltweite Betonverbrauch ist für 8 % der anthropogenen CO2-Emissionen verantwortlich. In der Schweiz ist das Netto-Null-Ziel 2050 gesetzlich verankert, seitdem die Stimmbevölkerung am 18. Juni 2023 dem «Klima- und Innovationsgesetz» mit 59.1 % Ja-Stimmenanteil zugestimmt hat. Bis 2050 muss damit ein Gleichgewicht erreicht werden zwischen der Menge an Emissionen, die an die Atmosphäre abgegeben wird, und der Menge, die man ihr entzieht.

Als weltweit grösster Zementhersteller lud Holcim zu einer Betontagung im Lions Auditorium der Swiss Life Arena in Zürich ein. Diverse Professoren und Forscher sprachen über unseren Ressourcenverbrauch und präsentierten die jüngsten Fortschritte der Bauindustrie auf dem Weg in Richtung Netto-Null. Zuletzt nahm der Baustoffgigant selbst Stellung zur Notwendigkeit, die Treibhausgasemissionen bei der Herstellung von Zement zu senken, und zeigte auf, wie er diese bis 2050 zu 100 % kompensieren will.

Gemäss Ingenieur Werner Sobek, Gründer der Werner Sobek AG, verbrauchen wir im aktuellen Jahr global 96 Mrd. Tonnen an Rohstoffen. Pro Bewohner oder Bewohnerin des globalen Nordens existieren derzeit ca. 335 Tonnen verbautes Material, pro Bewohner oder Bewohnerin des globalen Südens sind es ca. 75 Tonnen. Die Bevölkerungszunahme, der Nachholbedarf des globalen Südens und potenzielle Migrationen würden Baustoffallokationen weiter in die Höhe treiben. 2050 werden wir 150 Mrd. Tonnen Rohstoffe verbrauchen, sofern leichtes und ressourcenschonendes Bauen nicht zum Standard wird.

Beton: zu praktisch und zu günstig

Eine Zukunft ohne Beton sei derzeit nicht vorstellbar, meint Walter Kaufmann, Professor für Baustatik und Konstruktion an der ETH Zürich; dafür seien nicht nur die materiellen Eigenschaften des Baustoffs, sondern auch seine globale Verfügbarkeit zu attraktiv. Beton und Stahl seien aber nach wie vor zu billig für das, was sie können.

Der Zement im Beton sei nicht substituierbar; vielmehr gehe es darum, den emissionsreichen Klinkeranteil zu reduzieren und Mischzemente zu entwickeln, sagt Franco Zunino, Materialwissenschaftler an der ETH Zürich. So könnten beispielsweise Teile des Klinkers durch kalzinierten Lehm und Kalkstein ersetzt werden (LC3-Zement), wodurch bei der Zementherstellung bereits 30–40 % weniger CO2 ausgestossen würden als beim Schweizer Massenzement (ca. 573 kg CO2 pro Tonne). Gewinne durch CO2-ärmeren Zement könnten jedoch durch ungeeignete Betonmischungen zunichte gemacht werden. Am Ende des Tages sei das Ausschlaggebende die Menge an CO2 pro Volumeneinheit Beton, die es zu reduzieren gilt.

Carbon Capture ist erst eine Vision

Holcim setzt unter anderem auf CCS (Carbon Capture and Storage), um das Netto-Null-Ziel bis 2050 zu erreichen. Laut Mirko Weber, Leiter der Carbon Capture Technology, sei dies nötig – das Reduzieren von Treibhausgasemissionen allein reiche nicht. Das ausgestossene CO2 soll direkt an den Emissionsquellen abgeschieden, aufbereitet, komprimiert und zu einer Speicherstätte transportiert werden, wo es dann beispielsweise im Meeresboden gelagert wird. Die hohe Menge an Energie, die für diesen Prozess benötigt wird, kann heute noch nicht gedeckt werden, soll allerdings aus erneuerbaren Quellen stammen.

Beton ist und bleibt ein unverzichtbares, aber emissionsreiches Material. Das Problem ist nicht nur dessen Zusammensetzung, sondern vor allem die Menge, die verbraucht wird. Am Ende müssen wir uns die Frage stellen, welchen Standard wir uns leisten wollen – und welchen wir uns leisten können.