Wan­del­ba­rer Wohn­raum

Das Wohnhaus Abakus von Stereo Architektur stellt das gemeinsame Wohnen ins Zentrum. Die Nutzungsflexibilität durch die vertikale Treppenhaus-WG dient sowohl der Gemeinschaft wie auch der Nachhaltigkeit. 

Publikationsdatum
02-12-2025

Mattweisses Wellblech zieht sich vom Boden über sechs Geschosse hoch zum begehbaren Dach, grossformatige Holzfenster durchbrechen das Weiss. Hofseitig sind die Aussenwände der Terrassen und das offene Treppenhaus mit feuerbeständigen Holzfaser-Zementplatten verkleidet. Im Innern prägt warmes Holz die Erscheinung der Wände, während der roh gegossene Zementboden den Decken aus vorgefertigten Hohlbetondielen als gegenübersteht.

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Konstruktion und Ausstattung sind auf das Nötigste reduziert und so montiert, dass sie einfach reparier- und austauschbar sind. Das hölzerne Tragwerk entspricht der Raumstruktur, die tragenden Holzwände sind mit Lauge aufgehellt, Platten in Gang und Badezimmer sind je nach Raum in unterschiedlichen Farben, alle jedoch im gleichen quadratischen Format gehalten. 

Gemeinschaftliches Wohnen als Ausgangspunkt

Am Beginn des Projekts Abakus stand keine gestalterische Vision, sondern eine Initiativgruppe aus Bewohnenden und Architekturschaffenden mit einer gemeinsamen Idee von gemeinschaftlichem Wohnen. Die Anpassbarkeit der Wohnung an sich ändernde Bedürfnisse war eine dieser zentralen Vorstellungen, dass alle Aussenräume Gemeinschaftsräume sind, eine weitere. 

Treppenhaus als gemeinsamer Raum

Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Nutzungskonzept der verschiedenen Gebäudeflächen, das einen niedrigen Flächenverbrauch ermöglicht. Das Treppenhaus ist als ungeheizter, offener Bereich gestaltet, der in den Hof hinausragt. 

Treppenhaus und Wohnungen sind mehrfach verbunden: Ein grosses quadratisches Fenster mit breitem Holzrahmen gibt den Blick in den Küchen- und Wohnbereich frei und die Terrassen der Wohnungen sind auch über das Treppenhaus für alle Hausbewohnenden zugänglich. Garten und Dachterrasse werden gemeinschaftlich genutzt. 

Kombination von Familienwohnungen und Wohngemeinschaft

Der Flächenverbrauch ist eine entscheidende Grösse wenn es um die Nachhaltigkeit von Bauten geht. Flexible und anpassbare Grundrisse können dabei helfen, Wohnungen auf sich ändernde Zusammensetzungen anzupassen und so den Flächenverbrauch zu reduzieren. 

Diese Wandelbarkeit der Wohnungen ist beim Wohnhaus Abakus dank der Kombination von herkömmlicher Paar- oder Familienwohnung mit einer grossen Wohngemeinschaft weitergedacht. Dabei ist die Wohngemeinschaft über das ganze Haus verteilt: Im Erdgeschoss befinden sich Küche, Wohn- und Esszimmer der WG sowie ein Badezimmer, eine Waschküche und ein Arbeitsraum. 

Treppenhaus-WG über fünf Geschosse

Jeweils ein bis zwei Schlafzimmer und ein weiteres Badezimmer befinden sich auf jedem Stockwerk, die grosse Dachterrasse wird von allen Hausbewohnenden gemeinsam genutzt. Die Geschosswohnungen wiederum sind als 3.5-Zimmer-Wohnungen konzipiert, denen etwa bei Familienzuwachs ein bis zwei weitere Zimmer zugeschlagen werden können. 

So kann die Wohnung je nach Bedarf von 3.5 bis auf 5.5 Zimmer mit zwei Badezimmern wachsen und wieder schrumpfen. Und auch die WG kann schrumpfen und wachsen: auf bis zu zehn Mitglieder mit Zimmern auf fünf Geschossen verteilt. 

Mehr Flexibilität bringt Vorteile

Der Vorteil ist offensichtlich: Während beim Modell «Schaltzimmer» immer der Zufall entscheidet, ob zwei gegenüberliegende Wohnungen gleichzeitig Mehr- und Minderbedarf haben, ist die Treppenhaus-WG von Anfang an ein flexibleres Gegenüber für die Familienwohnung. Diese kann sich wiederum bei Auszug der Kinder jederzeit verkleinern und das freigewordene Zimmer der Treppenhaus-WG übergeben. 

Wobei es keine starre Trennung zwischen den beiden Wohnformen gibt: Familien lagern ein Zimmer für Homeoffice und Rückzug aus, während sich auch Paare und Kleinfamilien mit zwei privaten Zimmern und geteilter Küche in der Treppenhaus-WG eingerichtet haben. 

Umbau mit dem Akkuschrauber

Eine zentrale Zone organisiert die flexible Erschliessung der vier strassenseitigen Zimmer, von denen zwei fix zur Geschosswohnung gehören. Wenn ein weiteres Zimmer von der WG der Wohnung zugeschaltet wird, muss lediglich ein gedämmter Türdurchbruch geöffnet und die bisherige Öffnung geschlossen werden: zehn Schrauben und ein Akkuschrauber genügen. 

Minimierter Flächenverbrauch 

Auf grössere geteilte Gemeinschaftsflächen, wie sie in vergleichbaren Projekten mit reduzierter Wohnfläche geläufig sind, verzichtet das Raumprogramm. Es gibt weder einen grossen Gemeinschaftsraum noch ein gemeinsames Gästezimmer – dies auch, weil in den umliegenden genossenschaftlichen Häusern solche Raumangebote bestehen. Im städtischen Kontext können Freizeit- und Versammlungsbedürfnisse, die mehr Platz benötigen, auch ausgelagert werden, was im Haus mehr Platz zum Wohnen schafft. 

Architektonische Nachhaltigkeit

Einfache Lösungen für komplexe Probleme sind selten. Kompakte Grundrisse, effiziente Tragstrukturen, kreislauffähige und klimaschonende Baumaterialien – das alles leistet einen wichtigen Beitrag zum Netto-Null-Ziel. 

Am wichtigsten aber ist die Nutzung: Ob eine oder fünf Personen in einer Wohnung leben, ist letztendlich ausschlaggeben dafür, wie nachhaltig ein Gebäude tatsächlich ist. Stereo Architektur ist es mit dem Wohnhaus Abakus gelungen, eine architektonisch überzeugende Antwort auf diese Nutzungsfrage zu liefern und so der langfristigen Flexibilität des Hauses alle Steine aus dem Weg zu räumen. 

Wohnhaus Abakus

 

Bauherrschaft
Genossenschaft Mietshäuser Syndikat Basel

 

Architektur
Stereo Architektur, Basel/Zürich

 

Holzbauingenieurwesen und Brandschutz
Indermühle Bauingenieure, Thun

 

Massivbauingenieurwesen
WAM Planer und Ingenieure, Bern

 

HLKS-Planung
Stolz + Partner, Luzern

 

Bauphysik
Grolimund + Partner, Bern

 

Elektroplanung
Elektro Brodbeck, Reinach

 

Fertigstellung: Juni 2021

Auszeichnungen: Arc-Award 2022

Kosten (BKP2): CHF 2.4 Mio. 

Mietzins: 260.–/m2/Jahr

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