Auf dem Bo­den ge­blie­ben

Die neue Schulanlage der Genfer FAZ architectes in Riaz in der Nähe von Bulle FR ist Katalysator für soziale Kontakte und durch die Verwendung von natürlichen Ressourcen aus der Region fest im Ort verankert. 

Publikationsdatum
23-03-2021

Ob aus Stein, Holz oder Beton, klassisch oder modern – im Bau eines neuen Schulhauses kommt oft der Wandel einer Gesellschaft physisch zum Ausdruck. Der Neubau untermauert deren bauliche Stossrichtung oder nimmt sie vorweg.

Auch Schulbauten können sich den aktuellen Entwicklungen unseres Jahrhunderts nicht entziehen, etwa dem Klimawandel und der Nachhaltigkeit. Mit seinem Tragwerk und seiner Fassade aus Holz, den Innenwänden aus Lehm, der organischen Dämmung und seinen kompakten Volumen ist der neu gestaltete Schulkomplex von Riaz aus der Feder von FAZ architectes ein Bau, der diese architektonische Aufbruchstimmung widerspiegelt. Im Zentrum der Überlegungen stehen dabei die begrenzten Ressourcen der Region und die soziale Wirkkraft des neuen öffentlichen Gebäudes.

Unbebaute Räume als nachhaltige Materie

Nördlich von Bulle liegt Riaz, ein Ort mit teils dörflichen, teils diffusen Strukturen. Dem Zentrum fehlt eine klare städtische Identität. Den Architektinnen Véronique Favre und Tanya Zein war das bewusst. In der Erweiterung des Schulzentrums von 1960 sahen sie eine Möglichkeit, die räumliche Struktur des Siedlung zu stärken und einen Beitrag zur Ausgestaltung eines sozialen Zentrums zu leisten.

«Costume Trois-Pièces» – wie es der Titel des Siegerprojekts des 2017 lancierten Wettbewerbs andeutet, reiht sich das neue Gebäude mit den vier Klassenzimmern der Primarstufe in die Verlängerung der bestehenden zwei Volumen ein und gibt auf die engen Platzverhältnisse des Perimeters eine präzise Antwort. Aus einer sternförmigen Anordnung – im Osten der Kindergarten, im Zentrum der Schulhöfe die ausserschulischen Aktivitäten und der Essraum – resultieren verschiedene Innenhöfe sowie grössere und kleinere Plätze um die Gebäude herum. Solche Reibungsflächen sind dazu da, spontane Begegnungen zu fördern.

Der hölzerne, modulare Ausdruck der neuen vorfabrizierten Fassade mit ihrem diskreten und ruhigen Erscheinungsbild unterstreicht die urbane Geste. Die Schule rückt vom einheimischen Scheunentypus ab und orientiert sich am nüchterneren Ausdruck der angrenzenden öffentlichen Gebäude, um ihre Wirkung und ihren Einfluss auf den öffentlichen Raum zu unterstreichen. Mitten in der Siedlung bildet das Schulgebäude zusammen mit den benachbarten Institutionen eine Umgebung, die das Miteinander fördert. Die Schule als öffentlicher Ort wird so zum sozialen Katalysator.

Mit diesen Bestrebungen, im Ortskern langfristig einen neuen Platz der Begegnung anzulegen, macht die Gemeinde Riaz einen ersten Schritt in Richtung Nachhaltigkeit.

In der Schule zu Hause

Betritt man den Verbindungsbau der drei Hauptvolumen, so offenbaren sich einem Räume von grosser Einfachheit sowie vielfältige natürliche Materialien, die immer die gleiche architektonische Absicht verfolgen: durch die Verwendung natürlicher Ressourcen aus der Region die Schule am Ort zu verankern.

Das Holz für Tragwerk, Böden und Dach stammt aus verschiedenen, nur wenige Kilometer entfernten Wäldern. Baugruben in Dully und Gilly VD lieferten die Erde für die Lehmsteine des Mauerwerks. Die in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Terrabloc entworfene, nicht tragende Verkleidung und die damit kombinierten Materialien schaffen im Gebäudeinnern eine warme und freundliche Stimmung.

Mit Ausnahme der Treppe, die ins 3. Obergeschoss führt, sind Erschliessung und Freiräume innerhalb des Gebäudes grosszügig angelegt und erlauben es dem Schulbetrieb, sich flexibel und vielseitig zu entfalten. Die Brüstung der Haupttreppe im Zentrum der Komposition passt sich in ihrer organischen Form den fliessenden und natürlichen Bewegungen der Schulkinder an. Modulare Öffnungen in der Fassade geben den Blick auf die Landschaft und den nahe gelegenen Moléson frei.

Mit differenzierten Abstufungen von Privatheit machen die Architektinnen das Schulgebäude auf konstruktiver wie auf symbolischer Ebene als natürliche Erweiterung des Zuhauses erlebbar. Die heimelige Atmosphäre der Innenräume unterstützt verschiedene Lern- und Sinneserfahrungen – hier können sich Schulkinder jeden Alters geborgen fühlen und wie zu Hause entwickeln.

Die Verringerung des ökologischen Fussabdrucks eines Gebäudes sehen die Architektinnen von FAZ nicht als Einschränkung. Vielmehr lag für sie darin eine Chance, mit und für die Nutzerinnen und Nutzer einen Mehrwert zu generieren. Aneignung des Orts, Bezug zur Landschaft und Zusammenspiel zwischen Körper und Umwelt – das sind die Themen der Schule von Riaz, die sich wie eine Studie zu grundlegenden Fragen lesen.

Die Schule als Scheune, als Stadt oder als Haus – vor allem ausserhalb städtischer Agglomerationen speisen sich die Konzepte neuer Schulgebäude in der Schweiz oft aus dem Anspruch eines ökonomischen und ökologischen Umgangs mit den Ressourcen. Ein Bewusstsein, das sich Projekte wie jenes von Riaz zunutze machen, um den kulturellen und gesellschaftlichen Einfluss einer verantwortungsvollen Architektur zu stärken. Indem sie die natürlichen, sozialen und personellen Ressourcen der Region in eine nachhaltige architektonische Antwort einfliessen lässt, folgt die neue Schule von Riaz dem Prinzip einer Architektur, die «auf dem Boden gebliebenen ist».

FAZ architectes wurde 2016 von Tanya Zein und Véronique Favre in Genf gegründet. Ihr Schwerpunkt ergibt sich aus ihrem gemeinsamen Interesse am architektonischen Fortbestand. Sie agieren oftmals im gebauten Kontext, dessen Qualität sie herausarbeiten, um den Geist des Orts zum Leben zu erwecken. Sie legen Wert auf die Entwicklung von Projekten, die eine nachhaltige Zukunft fördern und die im engen Dialog mit dem Lebendigen stehen. Besondere Aufmerksamkeit schenken sie der Poesie der kleinen Dinge: den Materialien, der Natur, den Texturen, dem Klang der Räume und den Spuren des Gebrauchs.

Am Bau Beteiligte:

  • Auftraggeber: Commune de Riaz
  • Architektur: FAZ architectes, Tanya Zein, Véronique Favre, Paola Corsini, Antoine Paumier, Diane Volery, Cléa Quillet, Maria Eskova
  • Ingenieurwesen: Le Collectif
  • Bauökologie: Perenzia
  • HLK: Chuard ingénieurs Fribourg
  • Elektroingenieure: Open-ing
  • Sicherheit: Fire Safety
  • Akustik: Triform
  • Landschaftsarchitektur: DUO architectes paysagistes

Übersetzung aus dem Französischen: Judith Gerber

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