Schät­ze der Un­ter­welt

Jede U-Bahn-Fahrt in Berlin ist zugleich eine Zeitreise durch 120 Jahre Architektur- und Designgeschichte. Eine Ausstellung und ein Buch dokumentieren die unterirdischen Interieurs der Nachkriegsära. Nach empfindlichen Verlusten werden sie nun besser geschützt.

Publication
10-04-2019

Nur drei Architekten planten den Grossteil der 173 im Lauf von 120 Jahren erbauten U-Stationen der deutschen Hauptstadt: der aus Schweden stammende Architekt Alfred Grenander (1900 bis 1930er-Jahre) sowie die Architekten Bruno Grimmek (1950er-Jahre) und Rainer Gerhard Rümmler (ab ca. 1960). Während Grenanders Werk eine gewisse Bekanntheit erlangt hat, waren die Entwerfer der Nachkriegs-U-Bahnhöfe lange Zeit nur Eingeweihten ein Begriff. Eine wachsende Zahl von Architekten und architekturaffinen Bürgern findet insbesondere die Bauten von Rümmler so einzigartig, dass sie die Berlinische Galerie dafür gewannen, den Bauten der Nachkriegs-U-Bahn eine Ausstellung zu widmen. Zur ihrer Eröffnung fand zudem eine internationale Tagung zur Architektur der U-Bahn statt. 

Vorausgegangen war 2017 ein heftiger Streit zwischen den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) und zahlreichen Denkmalexperten, Architekturinstitutionen sowie dem Berliner Landesdenkmalrat um die Sanierungspraxis des Unternehmens: Die BVG hatte im Zuge von Erneuerungsmassnahmen zahlreiche Bahnhöfen der 1960er- und 1970er-Jahre ganz oder teilweise entkernt, womit deren Ausstattung verloren oder stark überformt war. Möglich war das auch, weil die zuständige Behörde mit der Inventarisierung denkmalwürdiger Stationen hinterherhinkte. Hauptargument waren zuletzt die Brandschutzvorschriften, die keine Bauteile aus Kunststoff oder Holz in U-Bahnhöfen zuliessen. Allerdings schien man Alternativen nie ernsthaft geprüft zu haben.

Ins Rollen gebracht wurde der jüngste Protest von der Initiative «Kerberos», jungen Architekten und Kunstwissenschaftlern, die auch Mitinitiatoren der Tagung waren. Im Frühjahr 2018 reagierte das Landesdenkmalamt und stellte eine Reihe von Stationen der 1970er- und 1980er-Jahre unter Denkmalschutz. Worin der Wert dieser Bauten liegt, vermittelt eine Fahrt auf der U-Bahn-Linie 7. Auf dieser mit 32,2 km längsten Strecke der Hauptstadt kann man die architektonische Stilentwicklung durch sechs Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts verfolgen – von 1920 bis 1985.

Zwar sind einige von Rainer Gerhard Rümmlers insgesamt 58 Bahnhöfen durch zwischenzeitliche Umbauten verändert, doch der Bahnhof Konstanzer Strasse beispielsweise ist nahezu unverfälscht im Stil seiner Entstehung (1969–1972) erhalten. Der dunkle Asphaltboden bringt die orangen Farbfelder und die gelben Streifen der Wände besonders intensiv zur Wirkung. Beschirmt wird alles von einer leuchtend gelben Decke. Die metallisch ummantelten Stützen machen deutlich, wie fliessend die Grenze zwischen Architektur und Design ist.

Die nächste Station heisst Fehrbelliner Platz. Verschwunden sind hier leider die in die Wand eingelassenen roten Sitznischen mit den zeittypisch abgerundeten Ecken. Aber wer die Treppe zum Ausgang hochsteigt, landet im Eingangsgebäude mit seinen zylindrischen, orangefarbenen Deckenleuchten. Der rundum von signalroten Fliesen überzogene, aus rundlichen Formen komponierte Pavillon ist der Blickfang des Platzes – und ein poppiges Statement gegenüber der umgebenden NS-Architektur.

Oberbaurat Rümmler, später Baudirektor, hinterliess in Berlin auch zahlreiche oberirdische Bauten, insgesamt 170 realisierte Werke. Drei Prämissen leiteten sein Entwerfen: Die Architektur der U-Bahnhöfe sollte mit den Fahrgästen in Dialog treten, also kommunikative Elemente enthalten, die die Orientierung erleichtern und zugleich Vertrautheit wecken. Dies korrespondiert mit dem zweiten Grundsatz, jeden Bahnhof baukünstlerisch in grösstmöglicher Tiefe durchzugestalten; damit reagierte er auf die einheitlich festgelegten Rohbaumasse für U-Bahnhöfe.

Umso intensiver widmete er sich der Gestaltung von Wänden, Decken und den Aufbauten der Bahnsteige, wo er seine Freiräume fand. Rümmlers drittes Prinzip war, dass er bewusst gestalterische Moden aufgriff und für seine Zwecke adaptierte. Gerade deshalb sind seine Bahnhöfe heute auf exemplarische Weise Kinder ihrer Zeit.

Nach Abklingen der Pop-Art-Strömung mochte der Architekt nicht zurückkehren zur sachlich-funktionalen Gestaltung im Stil seines Vorgängers Bruno Grimmek. In einem seiner Texte proklamiert er die «Post-Sachlichkeit». Die nördliche Verlängerung der U7 ab 1980 bis nach Spandau fällt in die Ära der Postmoderne, was Rümmler sehr entgegenkam. Hier schöpfte er aus dem Vollen: Der Bahnhof Zitadelle an der historischen Festung kommt z. B. wie ein Rittersaal daher: Ganz mit roten Ziegeln verkleidet und von wuchtigen Stützen beherrscht, deutete Rümmler hier eine hölzerne Kassettendecke an und gestaltete die Türen wie Burgtore. Noch eine Spur eklektizistischer und bunter fallen die Stationen aus, die kurz darauf mit dem Ausbau der Linie U8 im Berliner Norden eröffnet wurden.

Neben einigen Pop-Art-Bahnhöfen wurden sieben der postmodern geprägten Stationen der Spandauer Strecke 2018 als zusammenhängendes Ensemble unter Denkmalschutz gestellt. Das ist zu begrüssen, gerade weil sich an diesem Spätwerk Rümmlers bis heute die Geister scheiden. Die einen sind begeistert von seinem schier unerschöpflichen Ideenreichtum und der schillernden Formen- und Farbenpalette seiner Schöpfungen. Die anderen sehen in dieserarchitecture parlantenichts als Kitsch. 

Die Ausstellung in der Berlinischen Galerie gibt mit zahlreichen Originalzeichnungen Einblicke in die kreative Vielseitigkeit Rümmlers. Ebenfalls dokumentiert sind die stringenten, nicht weniger reizvollen Werke von Bruno Grimmek und Werner Düttmann, der ebenfalls drei Bahnhöfe entwarf. Verena Pfeiffer-Kloss hat dem U-Bahn-Bau der Nachkriegszeit in Berlin zudem ein kurzweiliges, reich bebildertes Buch gewidmet.

Und die BVG? Anders als sonst ging der Protest nicht spurlos am Verkehrsunternehmen vorbei. Das liegt wohl auch am neuen Leiter der U-Bahn-Bauabteilung, der am Expertengespräch der erwähnten Tagung teilnahm. Die jüngsten Sanierungsprojekte zeugen von einer gewissen Sensibilisierung. Es ist zu hoffen, dass sich im Berliner Untergrund nach Jahrzehnten des Kahlschlags endlich ein denkmalgerechteres Vorgehen durchsetzt. 

Ausstellung «Underground Architecture», Berlinische Galerie, Alte Jakobstrasse 124, bis 20. Mai 2019 täglich (ausser Dienstag) 10–18 Uhr, www.berlinischegalerie.de


Publikation: Verena Pfeiffer-Kloss: Der Himmel unter West-Berlin. urbanophil, Berlin 2019. 384 Seiten. ISBN 978-3982058603.

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