Vi­co Ma­gis­tret­ti – der Ar­chi­tekt mit den ro­ten So­cken

Der Mailänder Architekt Vico Magistretti (1920-2006) ist vor allem durch seine Entwürfe für Möbel und Gebrauchsgegenstände bekannt. Und auch für seine Vorliebe für die Farbe Rot. Die Triennale Milano widmet ihm eine sehenswerte Ausstellung, die sein ganzes Wirken umfasst, von der Architektur bis hin zur kleinen Tischleuchte «Eclisse» aus den 1960er-Jahren.

Publikationsdatum
19-05-2021

Die Ausstellung in der Triennale ist ein Novum: Sie zeigt erstmals nicht allein Magistrettis Designobjekte, sondern auch seine Architekturprojekte. Magistretti hatte am Polytechnikum in Mailand Architektur studiert, emigrierte 1943 in die Schweiz, um an der Uni Lausanne Kurse zu besuchen. Dort kam er in Kontakt mit Ernesto Nathan Rogers (BBPR Architekten, Mailand) und arbeitete ab 1945 wieder in Mailand – zunächst als Architekt im Büro seines Vaters Pier Giulio (1891-1945), das er später selbständig weiterführte.

Während der 1960er-Jahre begann Magistretti, Möbel und Innenräume für seine Gebäude zu entwerfen. Im Jahr 1977 entstand dabei eines seiner bekanntesten Werke – die Leuchte «Atollo». Sie ist aus drei Grundformen – Zylinder, Kegel und Halbkugel – zusammengesetzt. Die Halbkugel lässt kein Licht direkt nach aussen dringen, beleuchtet lediglich den Kegel und streift den Zylinder – indirektes Licht also.

Wer über diesen aussergewöhnlichen Architekten und Designer spricht, der kann sein «Mailänder Wesen» nicht ignorieren, sagte Lorenza Baroncelli, die künstlerische Leiterin der Triennale Mailand an der Eröffnung der Ausstellung. «Der erzählerische Faden der Ausstellung ist die Farbe Rot, seine Lieblingsfarbe für grosse wie auch kleine Entscheidungen und nebenbei auch für kleine Macken, wie zum Beispiel nur Socken in dieser Farbe zu tragen».

Umfassende Schau – thematisch geordnet

Magistrettis Karriere als Designer fusste letztlich auch auf den Auszeichnungen, die er Ende der 1970er- und in den 1980er-Jahren erhielt, so 1979 den Compasso d’Oro für die Leuchte «Atollo» von Oluce. An sich war die aktuelle Ausstellung für 2020 geplant, hundert Jahre nach seinem Geburtsjahr. Die Umstände wollten das anders. Die Schau wurde in Zusammenarbeit mit der Fondazione Vico Magistretti realisiert und von Gabriele Neri kuratiert. Sie zeigt den Nachlass an Zeichnungen, Skizzen, Modellen, Fotografien, Prototypen und Originalstücken, die im Archiv des Mailänder Architekten aufbewahrt werden, zusammen mit Materialien aus den Sammlungen von Unternehmen, Institutionen und Privatpersonen. Die Ausstellung gestaltet hat Lorenzo Bini (Binocle, Mailand).

Aufgeteilt in thematische Abschnitte, zeigt sie das Werk von Vico Magistretti als Ganzes. Alle Formen seiner Architekturprojekte und Gebrauchdesigns sind zusammengeführt. Die ganze Bandbreite seines Werkes wird vermittelt. Die Schau ist eine umfassende, aktuelle und kritische Interpretation seines Werks, aber auch eine Feier seiner berühmtesten ikonischen Kreationen.

Die Bauwerke Magistrettis

Zu Magistrettis bedeutendsten architektonischen Projekten gehören in Mailand die Kirche Santa Maria Nascente (1947–55, mit Mario Tedeschi), der Torre al Parco in der Via Revere (1953–56, mit Franco Longoni) sowie das Bürogebäude am Corso Europa (1955–57). Hinzu kommen weitere Projekte von besonderer Bedeutung, darunter die Türme am Piazzale Aquileia (1961–64), die Casa Arosio in Arenzano (1956–61, mit Franco Longoni), der Golfclub von Carimate (1958–61), das Bassetti-Haus in Azzate (1959–62), das Rathaus von Cusano Milanino (1966–69), die Fakultät für Biologie der Universität von Mailand (1978–81) und das Tanimoto-Haus in Tokio (1985–86).

Mailänder Designkultur und weltoffene Aktivitäten

Als Designer hat Vico Magistretti zudem mit einigen der bedeutendsten Unternehmen aus der Möbelbranche zusammengearbeitet, darunter Cassina. Mit der  Firma war er seit Beginn seiner Karriere verbunden, für sie erarbeitete er Entwürfe wie das Sofa Maralunga (1973) und das Bücherregal Nuvola Rossa (1977). Dazu kamen Hersteller wie Artemide, Campeggi, De Padova, Flou, Kartell und Oluce.

Magistretti galt und gilt als eine der repräsentativsten Figuren der Mailänder Designkultur in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Er war aber auch ein weltoffener, international interessierter und gefragter Entwerfer. Seine Beziehungen spannten insbesondere nach England, Japan und auch in die nordischen Länder, die seine Arbeit stark beeinflussten, und wo er seinerseits seine Spuren hinterlassen hat.

 

Weitere Infos

 

Ausstellung Vico Magistretti – architetto milanese

 

11. Mai bis 12. September 2021 in der Triennale Milano,
Öffnungszeiten: Di bis So 11 – 20 Uhr (Vorbestellung der Eintritte empfohlen)

 

www.triennale.org

 

Der Katalog ist erschienen im Verlag Electa, herausgegeben durch Gabriele Neri. Mit Beiträgen von Lorenza Baroncelli, Lorenzo Bini, Stefano Boeri, Giampiero Bosoni u.a.

 

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