Ra­di­cal Re-use auf dem Drei­spitz

Uni-Quartier Dreispitz Münchenstein; Städtebaulicher Studienauftrag

Die Universität Basel baut ein neues Uni-Quartier. Im Studienauftrag zeigen Grafton Architects und Blaser Architekten überzeugend auf, wie die bestehende Bausubstanz und Infrastruktur weiterverwendet und transformiert werden können.

Publikationsdatum
04-08-2022

Noch vor 15 Jahren war das ehemalige Waren- und Zollfreilager im Dreispitzareal ein abgeschlossenes Gebiet am Rand von Basel. Mit dessen Öffnung durch die Eigentümerin, die Christoph ­Merian Stiftung, begann sich der Standort zu einem lebendigen Stadtquartier zu entwickeln. Seither arbeitet man hier nicht nur, sondern wohnt, studiert und kauft auch ein. Von der fortlaufenden Transformation profitiert die gesamte Region Basel, auch aufgrund der kantonsübergreifenden Zusammenarbeit, denn das Gebiet liegt sowohl im Kanton Basel-Stadt als auch – mit der Gemeinde Münchenstein – im Kanton Basel-Landschaft. Vom Entwicklungspotenzial ist auch die Universität überzeugt; deshalb wur­de 2018 entschieden, gemeinsam einen neuen Standort für die juristische und die wirt­schafts­wissenschaft­liche Fakultät auf dem Dreispitz­areal zu planen. Als Parzelle wählte man das Grundstück um das Parkhaus Ruchfeld, das an das umgebaute Wohn- und Geschäftshaus Transitlager, die Hochschule für Ge­staltung und Kunst und das sich im Bau befindende Kunsthaus Baselland angrenzt. Unweit dieses Hochschul- und Kunst-­Clusters ist eine Passerelle über Strasse und Gleise vom Dreispitz­areal bis ins Naherholungs­gebiet Brüglinger Ebene geplant. So wird das Gebiet mit einem grosszügigen Grünraum verbunden.

Baurechtsnehmerin des zu entwickelnden Grundstücks ist die Swiss Prime Site Immobilien AG (SPSI). Sie lud gemeinsam mit der Landeigentümerin fünf renommierte Architekturbüros zum städtebaulichen Studienauftrag Uni-Quartier Dreispitz Münchenstein ein. Das Gebiet umfasst zwei fast gleich grosse Perimeter: auf dem Studienperimeter soll ein städtisches Quartier entstehen. Hier sind einerseits Nutzungen für rund 3000 Studentinnen und Studenten und 450 Mitarbeitende der Universität Basel vorgesehen, sowie Räume für das Swiss Circus Center Basel (SCCB). Andererseits umfasst dieser Perimeter über 40% Wohn- und fast 10% Dienstleitungsflächen. 

Östlich des Studienperimeters liegt der Ideenperimeter. Da dieses Gebiet an die bestehende Wohnsiedlung Ruchfeld anknüpft, sind dort vor allem Wohnungen vorgesehen. Im Studienauftrag lag der Schwerpunkt klar auf dem Studienperimeter, weil dieser die städtebaulichen Grundlagen für den Quartierplan bildet, während die Transformation des Ideenperimeters mittel- bis langfristig geplant ist und mit dem Studienperimeter kompatibel sein muss.

Hitzeinsel Dreispitz

Neben den allgemeinen Beurteilungskriterien stand ein Aspekt beim Studienauftrag besonders im Vordergrund: Das Dreispitzareal zählt nach den Ergebnissen der Stadt­klima­analyse Kanton Basel-­Stadt von 2019 mit seinem hohen Versiegelungsgrad zu den Hitze­inseln von Basel. Um ein angenehmes Stadtklima zu fördern und die Luftqualität zu verbessern, sind Massnahmen zur Verminderung der Hitze zu treffen. Hierbei spielt die Durchlüftung eine entscheidende Rolle.

Diese Anforderungen stellten die Teams des Studienauftrags vor eine architektonische und städtebauliche Herausforderung, denn die Struktur oder der Charakter des Industrie- und Gewerbegebiets sollte erhalten bleiben. Unterschiedlicher hätten die Projekte diesbe­züglich nicht ausfallen können.

So nimmt der Entwurf des Teams Made In die Struktur des Dreispitzareals nicht nur auf, sondern überzeichnet die bestehenden linearen Baukörper der Industrie­gebäude, wie etwa das Transitlager, durch durchwegs grossmassstäb­liche, lang gestreckte Bebauungen. Durch ihren radikalen Vorschlag befreien sich die Verfasser vom «historischen Ballast des Dreispitzareals» – mit dem Nachteil, dass die geforderte Durchlüftung des Campus und der angrenzenden Wohnüberbauung behindert wird und sich die Gebäude gegenseitig verschatten.

Der Entwurf des Teams Manuel Herz übernimmt die lineare Bebauungsstruktur des Areals in Form einer grünen Zeile namens «Zentral Park Dreispitz», integriert die von Kletterpflanzen überrankte Struktur des Parkhauses und transformiert die Gleisfelder zum Grünraum. Dazwischen spannt sich ein durchgehender dreigeschossiger Sockel auf, über dem sich vier Hochhäuser erheben, die sich ähnlich wie der Aufbau auf dem Transitlager aus der Achse des Sockels drehen. Während die turmartigen Aufbauten den nächtlichen Westwind ins Quartier lenken, schliesst der Sockel die ­bodennahe Durchlüftung von Ost nach West vollständig aus.

Anders im Entwurf vom Team Diener & Diener, in dem sich unterschiedliche Typologien «auf den Ort in adäquater Massstäblichkeit ausrichten» und gleichzeitig einen neuen Stadtraum und eine markante Stadtsilhouette bilden. Zur inneren Vernetzung wird die Struktur der Gleisfelder aufgegriffen und weitergeführt. Sowohl die Ausformulierung der Baukörper wie auch der ausgedehnte Stadtpark ­begünstigt die Durchlüftung vom Bruderholz her.

Das Team von Buchner Brün­dler Architekten löst die Nord-­Süd-ausgerichtete Zeilenstruktur des Dreispitzareals auf dem Studien­perimeter auf und schlägt einzelne Solitäre innerhalb eines Stadtwalds vor. Damit wird eine «Neue Mitte Dreispitz» definiert. In dieser ermöglichen zurückspringende Erdgeschosse und die durchlässigen Neubauten eine bodennahe Durchlüftung und gedeckte Aussenräume.

Erhalten, transformieren, mit neuem Leben füllen

Das Beurteilungsgremium empfahl für den Studienperimeter einstimmig den Vorschlag des Teams Grafton Architects aus Dublin und Blaser Architekten aus Basel als Basis für die weiteren Planungsschritte. Der Beitrag sieht vor, so viel wie möglich von der bestehenden Struktur weiterzuverwenden, die Bausubstanzen und Infrastrukturen zu erhalten, zu transformieren oder zu neuem Leben zu erwecken. Damit bleibt nicht nur die Geschichte des Dreispitz erfahrbar, sondern der Ansatz ist auch nachhaltig und reagiert auf die Herausforderungen einer humanen und klimagerechten Stadtentwicklung.

Ein grüner Bogen mit Pionierwald spannt sich als durchgehender Grünraum über den Universitätsplatz zum Freilager-Platz und bis zur Emil-Frey-Strasse auf, macht das Areal einerseits in Ost-West-Richtung durchlässig und gliedert andererseits das Quartier. Der Uni-Campus ist durch eine Nord-Süd-Gasse erschlossen. Diese führt zum Uni-Platz Süd, an den ein grosszügiger Park anschliesst.

Die beiden Fakultäten der Universität sowie die SCCB sind im erhaltenen Parkhaus Ruchfeld und im Logistikgebäude von Fiege untergebracht, auf der nördlichen ­Seite des Studienperimeters. Diese Bestandsbauten werden durch Hochhäuser ergänzt und verdichtet, wie etwa das Hochhaus für die Verwaltung der Universität. Damit ­minimiert sich die bebaute Grund­fläche, und es können mehr Grün­räume entstehen, wie etwa der grosszügige Park an der Südspitze des Uni-Campus. Alle Aufbauten sind mit Stützen auf den bestehenden Sockel aufgeständert. Die Dächer des Bestands bieten gedeckte Plattformen als Begegnungsorte und Aufenthaltszonen für die Bewohnerinnen und Nutzer an, etwa den Klostergarten auf dem Dach des Fiege-Gebäudes. Durch das Frei­legen und Aufbrechen der be­ste­henden Tragstrukturen können die engen, historischen Zwischenräume aufgeweitet und grosszügiger gestaltet werden. Zudem bildet das Regalsystem das Grundgerüst aller Neubauten. Damit können die Felder flexibel gefüllt, aber auch aufgestockt werden. Offene Geschosse begünstigen die Durchlüftung des Areals.

Die Wohnungen sind sowohl auf dem nördlichen Teil des Studienperimeters in Wohntürmen untergebracht als auch im Süden, gegen den Ideenperimeter, wo Maisonettewohnungen und Lofts vorgesehen sind. Lehre, Forschung und Wohnen sind damit geschickt miteinander verwoben und beleben das Quartier rund um die Uhr. Für den Ideenperimeter empfiehlt die Jury den Vorschlag des Teams von Diener & Diener Architekten als städtebauliche Grunddisposition. Innerhalb vier autonomer Felder passen sich die Neubauten den bestehenden Eigentumsverhältnissen und den charakteristischen Bestandsbauten an. Am Knotenpunkt werden die Felder mit hohen Gebäuden verdichtet. Gemäss dem Jurybericht eignet sich der Vorschlag für unterschiedliche Transformations­szenarien.

Das Siegerprojekt auf dem Studienperimeter ist nicht nur inhaltlich innovativ; der Entwurf von Grafton Architects, dem Büro der irischen Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara, die 2020 den Pritzker-Preis erhalten haben, hebt sich auch durch seine grafische Darstellung mit in Stichworten zusammengefassten, einprägsamen Statements von den anderen Entwürfen ab, wie «Setting the scene for radical reuse» oder «Land­scape comes first».

Auf Basis des Entwurfs des Teams von Grafton Architects und Blaser Architekten sollen nun die weiteren planerischen Schritte und die Baurechtsverhandlungen vorbereitet werden. Nach einer Weiterentwicklung zum Richtprojekt dient das Ergebnis des Studienauftrags als Grundlage für die Erarbeitung eines Quartierplans. Voraussichtlich ab 2030 sollen das neue Uni-Quartier sichtbar und die Gebäude an die Universität Basel als Nutzerin übergeben werden.

Jurybericht und Pläne auf competitions.espazium.ch

Empfehlung zur Weiterbearbeitung

Grafton Architects, Dublin, und Blaser Architekten, Basel; Westpol Landschaftsarchitektur, Basel; MIC Mobility in Chain, Mailand

Teilnehmende Teams

Buchner Bründler Architekten, Basel; Fontana Landschaftsarchitekten, Basel; Glaser Saxer Keller, Bottmingen

Diener & Diener Architekten, Basel; Vogt Landschaftsarchitekten, Zürich; Ing. Büro für Verkehrsplanung W. Hüsler, Zürich

Made In, Genf; Atelier Girot, Zürich; moveIng, Basel

Manuel Herz Architects, Basel; Studio Céline Baumann, Basel; Aegerter & Bosshardt, Basel

FachJury

Pierre de Meuron, Architekt (Vorsitz); Barbara Buser, Architektin; Fabienne Hoelzel, Architektin; Jo Coenen, Architekt und Urbanist; Marco Frigerio, Architekt, Kantonsbau­meister Baselland; Robin Winogrond, Landschaftsarchitekt

SachJury

Beat von Wartburg, Christoph Merian Stiftung (CMS), Direktor; Martin Weis, CMS, Leiter Liegenschaften; Martin Kaleja, SPSI, CEO; Urs Baumann, SPSI, CIO; Thomas Waltert, Kantonsplaner Baselland; Rolf Borner, Universität Basel, Direktor Infrastruktur und Betrieb