Für den Sport tritt das Tragwerk in den Hintergrund
Hohe Lasten, grosse Spannweiten und aussenliegende Gebäudeteile stellten das Ingenieurbüro Dr. Deuring + Oehninger vor eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Tragstruktur der neuen Pilatus Arena in Kriens tritt bewusst in den Hintergrund – und macht so Raum für das, worum es in der Arena geht: Bewegung, Atmosphäre und Funktionalität. Dahinter steckt komplexe Ingenieurarbeit mit massgeschneiderten Lösungen.
Ende Oktober feierten über 4000 Zuschauerinnen und Zuschauer die ersten Handballspiele des Handballclub Kriens-Luzern (HCKL) und der Schweizer Herren-Nationalmannschaft in der neuen Pilatus Arena. Wer den Blick vom Spielfeld löste, entdeckte über sich eine kompakte, kassettenartige Konstruktion. Der Stahlbau nimmt sich farblich zurück, damit die Decke nicht vom Geschehen ablenkt.
Die Arena ist künftig Heimstätte des HC Kriens-Luzern, steht aber auch für andere Indoor-Sportarten wie Unihockey, Volleyball oder Basketball zur Verfügung. Insgesamt bietet sie 4056 Sitzplätze, bei Konzerten bis zu 4500. Im Alltag kann die Pilatus Arena in zwei Dreifachsporthallen unterteilt werden. Die Arena soll zu 95 % für Sportaktivitäten und zu 5 % für Konzerte und weitere Anlässe genutzt werden.
Weit gespannt und hohe Lasten
Die 68 m x 48 m grosse Arena wird stützenfrei überspannt. Die Dachauflast beträgt im Mittel 610 kg/m2, in der Spitze bis 760 kg/m2, dazu kommen Lasten aus Schnee und Winddruck – der durch Verwirbelungen an benachbarten Hochhäusern entstehen kann.
Grosse Teile des Dachs sind intensiv begrünt, zudem sind die Technikräume in das Dach integriert, was eine entsprechend robuste Dachausbildung erfordert. Die Ingenieure entschieden sich für Blechträger, die auch bei hohen Lasten eine relativ schlanke Ausführung ermöglichen.
Träger am Limit
Acht Hauptträger überspannen die Arena. Sechs davon sind in der Mitte 2.40 m hoch, an den Auflagern steigt die Höhe infolge der gebogenen Geometrie auf 3.30 m an. Zwei Randträger weisen mit 3.70 m bis 4.35 m aussergewöhnliche Dimensionen auf. Die Aussteifung erfolgt klassisch über Kreuzverbände. «So hohe Träger plant und sieht man nicht oft», sagt Bastian Leu, Projektleiter und Geschäftsleiter bei Dr. Deuring + Oehninger. Die Blechträger wurden in drei Teilen per Tieflader in die Arena geliefert, mit einem 250‑Tonnen‑Kran eingehoben und vor Ort verschweisst.
Die Gebäudetechnik ist innerhalb der Trägerebene organisiert und verläuft durch vorgegebene rastermässige Aussparungen in den Stahlträgern.
Statisch nicht aktiv – aktiv für den Brandschutz
Durch die Anordnung von Querschotts unter den Hauptträgern entsteht eine geschlossene kassettenartige Untersicht. Die Schotts dienen nicht nur der optischen Gliederung, sondern vor allem dem Brandschutz: Sie verhindern die Rauchausbreitung und halten die oberen Tribünen im Brandfall rauchfrei.
Aufgrund der Raumhöhe erwärmt sich die Dachkonstruktion im Ernstfall nicht – zusätzliche bauliche Brandschutzmassnahmen waren somit nicht erforderlich. Nur die Technikräume im Dach und der VIP‑Bereich mussten geschützt werden – etwa durch feuerhemmende Verkleidungen oder dämmschichtbildende Anstriche.
Fliegende Ecken – ein Balanceakt
Besonders heikel waren die «fliegenden Ecken» des Gebäudes. An die über das Spielfeld spannenden Träger sind zwei 1.10 m hohe Kragarme angeschlossen, an denen der Stadtbalkon und der VIP‑Bereich aufgehängt sind. Die daraus resultierenden Beanspruchungen verlangten nach ausgeklügelten Einspannungen der Träger in das Hallendach. Selbst die Dachbegrünung leistet hier einen Beitrag – als gezielt gesetztes Gegengewicht.
Sonderlösung mit Spaghettistützen
Die Stützen wurden als Verbundstützen ausgebildet, bei denen die Bewehrung vollständig von Beton ummantelt und damit auch brandgeschützt ist. Aufgrund der hohen Verformungsanforderungen entwickelten die Ingenieure eine projektspezifische Sonderlösung. «Wir mussten genau untersuchen, wie das Tragwerk reagiert, zu welchem Zeitpunkt geschweisst, betoniert, begrünt und fixiert wird», sagt Bastian Leu. «Manche Träger bauten wir bewusst überhöht ein, andere ‹nach unten› gedrückt – je nach erwartetem Verformungsverlauf.» Die Bauabläufe wurden detailliert dokumentiert, unterstützt durch den Einsatz eines Gebäudemodells. «Ohne BIG BIM wäre das Projekt kaum umsetzbar gewesen – zumindest nicht in dieser Qualität und Geschwindigkeit», meint Leu.
Besonderes Geschick verlangte der Einbau der Stütze beim zweistöckigen VIP-Bereich: Die Bewehrung wurde über zwei Stockwerke konstruiert, die Stütze zunächst nur in der oberen Hälfte betoniert, dann durch die Decke geführt und vor Ort fertiggestellt. So wurde lange Zeit eine vertikale zwängungsfreie Verschiebung ermöglicht. Die Fixierung der aufgehängten Decken erfolgte sehr spät, nach der Dachbegrünung.
Ein Ensemble am Bahnhof Mattenhof
Neben den zahlreichen technischen Herausforderungen erwies sich insbesondere der enge Zeitplan als anspruchsvoll. Zwischen dem Auftrag an das Ingenieurbüro Dr. Deuring + Oehninger Anfang Januar 2023 und der Montage der Stahlträger im Oktober 2024 lagen weniger als zwei Jahre. Bis zum Einzug des Ankermieters HCKL in seine neue Heimstätte verging nochmals rund ein Jahr.
Die im Herbst 2025 eröffnete Multifunktionshalle ist Teil der Überbauung beim Bahnhof Mattenhof in Kriens. Das Zürcher Architekturbüro Giuliani Hönger gewann gemeinsam mit Dr. Schwarz Consulting im Jahr 2017 den Wettbewerb für das Ensemble, bestehend aus der zentral angeordneten Arena, dem rund 50 m hohen Wohngebäude im Südwesten sowie dem etwa 110 m hohen Eigentumsturm im Nordosten. Die Fertigstellung der Hochhäuser ist für den Sommer 2026 vorgesehen.
Pilatus-Arena, Kriens
Bauherrschaft
Pilatus Arena, Kriens
Gesamtleistung
Halter, Kriens
Architektur
Giuliani Hönger Architekten, Zürich
Tragwerk Massivbau
Dr. Schwartz Consulting, Zug
Tragwerk Stahlbau, Schalungs- und Bewehrungspläne Arena
Dr. Deuring + Oehninger, Winterthur
Stahlbau
Josef Meyer Stahl und Metall, Emmen
Baumeister
Feldmann Bau, Bilten