Von Häu­sern und Bäu­men

In einem Aarauer Wohnquartier steht ein Mehrfamilienhaus aus ­Massivholz inmitten mächtiger Bäume. Sie zu erhalten und mit einem ­stimmigen Neubau zu ergänzen war das Ziel von Frei Architekten. Das Beispiel zeigt, dass es möglich ist, ein Grundstück mit gewissen ­Einschränkungen optimal auszunutzen, ohne die Bäume zu fällen.

Publikationsdatum
28-05-2024

«Ich bin ein Baumliebhaber», sagt der Architekt und Bauherr Christian Frei, «die riesige Buche, die Föhren, eine Winterlinde, zwei grosse Lärchen, eine Eiche, ein Apfelbaum und zwei weitere Linden sind Bestandteil dieser Planung.» Die vier Reihenhäuser auf dem nicht allzu grossen Grundstück von 1304 m2 mussten sich den Riesen anpassen. Dass es für einmal nicht umgekehrt war, dass also die Bäume nicht dem Neubauvolumen weichen mussten, liegt an der entschiedenen Absicht und der vorausschauenden Planung. 

Disposition mit Rücksicht 

Auf etwa der Hälfte der heutigen Gebäudefläche der vier Häuser stand vorher ein Einfamilienhaus, das bis auf die Kellerwände rückgebaut wurde. Auf eine Vergrösserung des Untergeschosses auf die ganze Grundfläche der neuen Bauten wurde verzichtet, um die Baumwurzeln nicht zu beschädigen. Damit sie unterirdisch Platz haben, verläuft bei den zwei hinteren Gebäuden der neue Keller nicht über die ganze Tiefe des Hauses. Auf der gegenüberliegenden Seite mit den Loggien steht der Bau deshalb auf Pfahlfundamenten. 

Auch eine Garage gibt es nicht, denn die hätte man nur unterirdisch anordnen können und dafür hätte man die Bäume fällen müssen. Trotzdem ist die Ausnutzung ausgeschöpft. Auf eine Arealüberbauung mit 15 % mehr Fläche verzichtete Christian Frei, weil die vier Häuser nicht mehr Platz brauchten. Unter je einem Giebel sind die Volumen einzeln ablesbar und fügen sich massstäblich in die Villenbauten im Gründerzeitquartier. Alle vier Gebäude sind identisch. Das letzte ist jedoch gespiegelt angelegt, damit sein Eingang nicht mit einer Buche in Konflikt gerät. 

Ob Holztragwerk oder Holzarchitektur: In unserem digitalen Dossier «Holzbau» finden Sie Artikel zu Umbauten, Aufstockungen, mehrgeschossigen Gebäuden, Brücken und anderen Bauwerken, die in Holzbauweise realisiert worden sind. 

Von der Strasse aus gesehen verschwindet das Ensemble mit den dunklen Schindeln beinahe in der Licht-und-Schatten-Camouflage der Kronen. Natürlich fallen im Herbst riesige Laubmengen an, sodass die Familien täglich rechen müssen. Doch im letzten heissen Sommer spendeten die Bäume Schatten, und in den Häusern wurde es nie wärmer als 24 °C. Von der Kühlung der Umgebung durch die Verdunstung auf den Blatt­oberflächen profitierten auch die Nachbarn.

Logistik für Mondholz 

Das Äussere ergänzt das Innere. So hat es Christian Frei vorgesehen. Während sich die Bäume thematisch mit der Massivholzkonstruktion der Reihenhäuser verschränken, sind auch die Fenster und Loggien so gesetzt, dass sie die Baumkronen und knorrigen Äste inszenieren. 

Doch die Baustellenlogistik im engen Umfeld erforderte eine unkonventionelle Lösung. Auf dem Grundstück gegenüber stehen die Garagen des Nachbarn, auf der anderen Seite befindet sich eine als Lastwagenzufahrt ungeeignete schmale Privatstrasse. Auf der dritten Seite aber plante ein Nachbar einen Neubau. Christian Frei sprach mit dem Baumeister und dieser verlängerte den Ausleger des Krans und seinen Mast, um so vom Nachbargrundstück aus beide Baustellen gleichzeitig zu bedienen. Die Holzelemente konnten über und zwischen den Bäumen in Position gehievt werden. Das war eine günstige Lösung, für die nur die Bäume zusätzlich geschützt werden mussten.

Jedes Haus ist innen 5 m breit und 9.6 m lang. Diese Dimension ist mit je 3.2 m in die drei Bereiche Entrée mit Kochen, Erschliessungs- und Essbereich und Wohnen aufgeteilt. «Das hat mit dem Holzbau als Stabtragwerk zu tun. Wirtschaftlich betrachtet sind nur begrenzte Spannweiten möglich, und auch das Tragraster lässt sich nicht beliebig wechseln», so Christian Frei. Ganz generell ist er der Meinung, dass man im Holzbau selektiver werden müsse und das Material dort einsetzen solle, wo es sinnvoll ist – und nicht nur leer predigen, dass alles möglich sei.

Die Bauzeit war kurz. Der Keller war nach einem Monat erstellt und die oberen Stockwerke innerhalb von drei Wochen aufgerichtet. Das Unternehmen Küng in Alpnach trug mit den vorfabrizierten Elementen wesentlich zur Einhaltung des Zeitplans bei. Auch die Verwendung von Mondholz aus dem Kanton Obwalden war selbstverständlich. Christian Frei erzählt, dass sein Büro damit seit vielen Jahren gute Erfahrungen macht. Gegenüber normalem Bauholz schätzt er den besseren Brandwiderstand, den geringeren Schwund sowie die verminderte Rissbildung und Anfälligkeit auf Insektenfrass. Mit all dem setzt der Holzbauer Küng eine umfassende und profunde Zukunftsvision mit Wurzeln in der ­Tradition, aber ohne falsch verstandene sentimentale Retroästhetik um.

Ein System im Zusammenhang 

An den sichtbaren Seiten der Wände ist eine Lage aus qualitativ hochwertigem Holz angebracht. Die 3 cm dicken Brettschichten im Innern der Wände bestehen dagegen aus minderwertigem Holz. Daraus würde man andernfalls Spanplatten, Sperrholz oder Schnitzel zum Feuern machen. In Alpnach stellt eine 40 m lange Maschine diese jeweils um 45 Grad zueinander gedrehten Lagen zusammen und verdübelt sie mit Holz. Feine Luftspalten zwischen den Teilen ermöglichen den guten Dämmwert. 

Die Innenwände sind 15 cm dick, die Aussenwände mit den Fassadenschindeln messen 40 cm. Das erfüllt den Minergie-Standard mit einem U-Wert von 0.2 W/m2/K. Doch wenn man den effektiven Energieverbrauch misst, sind die Werte noch besser, weil das bauliche Gefüge nicht aus isolierten Teilen besteht. Eine Backsteinmauer mit Wärmedämmung und einer Verkleidung dämmt gegen die Kälte. An einem schönen Wintertag bleibt aber auch die Strahlungswärme draussen – was beim Massiv­holzbau nicht der Fall ist. 

Die Haustechnik liegt nahezu gänzlich im Verborgenen. Die Lüftung und die Wasserleitungen mit den Toilettenfallsträngen befinden sich in einer einzigen Steigzone. Auch die Steckdosen sind entweder direkt im Holzboden über der Sandschüttung oder im einseitig verbreiterten Türrahmen angebracht und treten nur diskret in Erscheinung. 

Durch ein Fenster im Welleternitdach fällt Licht durch das Treppenauge, und durch eine Öffnung über dem Bad blickt man auf die Krone der alten Eiche. Das Geländer der Loggia ist am Hand­lauf aufgehängt, damit kein stehendes Wasser an die Holzteile gelangt. Durch die Steckverbindungen ist alles demontierbar und die Häuser könnten eines Tages rückgebaut werden. 

Das Mögliche ermöglichen 

Wo zuvor eine alte Frau in einem Haus gewohnt hat, sind nun zwölf Menschen in vier Häusern daheim. Trotz der dreieinhalb Mal grösseren Wohnfläche stehen noch alle Bäume im Garten. Dafür gibt es keine Garagen, kleinere Keller und das Laubrechen ist anstrengend. Doch es braucht keine Klimaanlage und die Bäume sind Teil der Geschichte des Orts, sie vermitteln ein Lebensgefühl mit Naturbezug und zu den Jahreszeiten – sie sind das Gegenüber und ein wesentlicher Bestandteil der schönen Architektur. 

Dies ist ein Projekt der gehobenen Klasse, davon erzählen der Standort, die Architektur und die Details. Es wäre aber zu einfach, den integrativen Umgang mit dem Baumbestand mit einer individuell günstigen Ausgangslage abzutun. Bäume werden älter als Bauten, deshalb sollte man bei Bauprojekten weniger leichtfertig mit ihnen umgehen. Wenn man genau hinschaut, zeigen die vier Häuser in Aarau, was schweizweit auch bei Grossprojekten möglich wäre: Nachhaltige Architektur umfasst den adäquaten Umgang mit Holz und mit allen Ressourcen – und dazu gehört auch der Baumbestand. 

Mehrfamilienhaus Bühlrain, Aarau


Bauherrschaft
Familie Frei, Aarau 

Architektur
Frei Architekten, Aarau

Statik
Bodmer Bauingenieure, Buchs

HLKS-Planung
Felix & Co, Gebenstorf

Holzbau
Küng Holzbau, Alpnach

Baumeister
Treier, Schinznach-Dorf

Schreiner
Märki, Gränichen

Elektro
E. Widmer, Suhr

Geschossfläche (SIA 416)
1078 m2

Gebäudevolumen (SIA 416)
3230 m3

Baukosten BKP 1-9
3.2 Mio. Fr. inkl. MwSt.

Holz 
437 m3
 

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