Wo der Wille Häuser versetzt
Gebäude-Ensemble Gässli 5 in Grabs von Allen + Crippa
Als in Grabs ein altes Bauernhaus vom Abbruch bedroht ist, nutzen zwei junge Architekten diese Gelegenheit. Zusammen mit einer Gruppe engagierter Privatpersonen verschieben sie nicht nur den historischen Bau quer durchs halbe Dorf, sondern bringen auch Bewegung in die Diskussion um lokale Baukultur, Erhalt und Nachhaltigkeit.
Während auf den steilen Gipfeln rundherum schon der erste Schnee in der Sonne glitzert, ist es unten im Tal noch herbstlich warm. Hier, am Fuss des Alpsteins, liegt Grabs. Das Strassendorf besitzt keinen wirklichen Kern – Post, Kirche und Tankstelle reihen sich entlang der Hauptstrasse auf. Rundum wuchsen in den letzten Jahrzehnten Einfamilienhäuser und Industriebauten in die grüne Wiese.
Die wenigen historischen Bauten verteilen sich lose, in den einstigen Baumgärten stehen heute überdimensionierte Mehrfamilienhäuser. Grabs ist ein Ort, wie es ihn etliche Male in der Schweiz gibt – zu zersiedelt, um noch Dorf zu sein, zu klein, um schon Stadt zu werden.
Und dennoch: Seit rund eineinhalb Jahren taucht der unscheinbare Ort im St. Galler Rheintal immer wieder im aktuellen Architekturdiskurs auf. Grund dafür ist ein auf den ersten Blick ebenso unscheinbarer Bau nur wenige Meter abseits der Hauptstrasse.
Hell glänzt seine frisch getäferte Holzfassade in der Sonne. Doch der erste Blick täuscht. Denn das Haus mit dem steilen Giebeldach ist älter als viele andere Bauten im Dorf. Sein Kern stammt aus dem 17. Jahrhundert. Immer wieder wurde das regionaltypische Bauernhaus umgebaut, aufgestockt und erweitert.
Doch keiner der bisherigen Eingriffe war so tiefgreifend, wie der letzte: Das Haus wurde einmal in seine Einzelteile zerlegt und vollständig wieder aufgebaut.
Rettender Abbruch
Ursprünglich stand der dreistöckige Holzbau rund einen Kilometer westlich im namensgebenden Gässli, am anderen Ende des Dorfs. Dort hatte er knapp dreihundert Jahre lang als Wohn- und Arbeitsstätte gedient. Seit Ende der 1960er-Jahre stand das Gässlihus jedoch leer und verfiel – trotz Eintrag in das kantonale Inventar schützenswerter Kulturobjekte – immer mehr, bis es 2019 kurz vor dem Abriss stand.
Doch dank eines Zeitungsinserats fand sich im Ort eine Gruppe engagierter Menschen, die sich mit ihrem Fachwissen und Vermögen – ein Teil der Gruppe ist gleichzeitig Bauherrschaft – für den Erhalt des Hauses einsetzen wollten. Zusammen mit den beiden jungen Architekten Timothy Allen und Ronan Crippa formulierten sie die letzte Möglichkeit, das alte Haus zu retten: einen Umzug quer durchs Dorf.
Obwohl die Idee fast schon wahnwitzig erscheint, ist sie überhaupt nicht abwegig. Im Gegenteil: Die historische Blockbauweise war genau darauf ausgelegt. Alle Wände bestehen aus gestapelten Holzbalken, die Dielen sind eingenutet, kaum etwas ist genagelt. Somit lässt sich das alte Bauernhaus – falls notwendig – vollständig auseinanderbauen.
Dank einer vorangehenden Vertiefungsarbeit an der ETH Zürich erkannten die Architekten die durchdachte Konstruktionsweise des Gässlihus. Und machten sie sich in der aktuellen Notlage zu Nutze. Denn das Setzkasten-Prinzip erlaubt noch heute eine schnelle und entsprechend kostengünstige Umsetzung.
So wurden knapp dreihundertfünfzig Jahre nach seiner Aufrichte die fein säuberlich dokumentierten und nummerierten Teile des Baus an ihren neuen Standort am Mühlebach transportiert und dort identisch wieder zusammengesetzt.
Ohne Neu kein Alt
Trotz des langen Zerfalls mussten nur wenige Bauteile wie die verwitterte Fassade oder die wurmbefallenen Böden ersetzt werden. Sie heben sich heute vom wettergegerbten Bestand ab, werden sich ihm über die nächsten Jahrzehnte aber angleichen. Im Gegenteil zum Holzbau hat der gemauerte, zentrale Ofen den Umzug nicht überstanden und wurde durch eine Neuinterpretation ersetzt.
Ansonsten bleibt der historische Bau unverändert. Um diese Ursprünglichkeit zu ermöglichen, wird der Bestand mit einem Anbau aus Stampflehm-Elementen ergänzt, der durch seine leicht abgedrehte Lage beinahe hinter dem filigranen Holzhaus verschwindet. In ihm findet nicht nur die notwendige technische Erschliessung Platz, sondern auch ergänzende Nutzungen wie Toilette, Küche und eine zusätzliche Wohnung im Obergeschoss.
Obwohl die beiden Bauten sich durch ihre äussere Materialisierung stark voneinander abheben, weisen sie architektonische Gemeinsamkeiten auf. Der Neubau interpretiert nicht nur Proportion und Form seines historischen Konterparts, auch die Wände stammen – wie einst die Holzbalken – direkt aus der Region.
Würde sich der Blockbau auf seine nächste Reise begeben, könnte der Lehmbau wieder in der Baugrube verschwinden. Bis dahin umwuchert die beiden aber ein Gemeinschaftsgarten, der ebenso Teil des neuen Nutzungskonzepts ist wie das Vereinslokal im Erdgeschoss der Erweiterung und die Ferienwohnung im Altbau – Leben wie vor dreihundert Jahren inklusive.
Die vielfältige Bespielung nimmt nicht nur Bezug auf die Geschichte des Bestands, sondern verankert das Ensemble durch seine kollektive Ausstrahlung auf dem neuen Bauplatz mitten in Grabs.
Grabs kann überall sein
Genauso verankert sind auch die beiden Architekten, denen der Bau sein zweites Leben verdankt. Allen und Crippa sind im Ort aufgewachsen und nach dem Studium in der Grossstadt wieder in ihre Heimat zurückgekehrt – eine Seltenheit. Dort mischen sie sich immer wieder engagiert in die architektonische Entwicklung ein.
So nutzten sie die Revision des kommunalen Baugesetzes, um durch Diskussionen, Spaziergänge und eine Website die Bevölkerung für eine nachhaltige Siedlungsentwicklung zu sensibilisieren. Auch wenn dieses politische Unterfangen schlussendlich an der Urne scheiterte, ist das Projekt rund um das Gässlihus als weiterer Teil ihres lokalaktivistischen Engagements zu lesen.
Das Ensemble reiht sich damit nicht nur ein in die noch kurze Geschichte von Hausverschiebungen und die Auseinandersetzung mit ressourcenschonendem Bauen. Die beiden Häuser zeigen vor allem auf, was es braucht, um unsere gebaute Landschaft für die Zukunft zu rüsten: das Verständnis für vorhandene Dichte und neue Nutzungen, den Blick fürs Ganze wie auch regionale Besonderheiten, das Wissen um architektonische Qualitäten und lokale Netzwerke, eine willige Bauherrschaft und aufopfernde wie kreative Architekturschaffende.
Vor allem aber den Willen, sich den unscheinbarsten Orten und Bauten anzunehmen. Nur damit entstehen Gebäude, die sich so im Ort einschreiben, dass ihre sonnengegerbten Fassaden auch der nächsten Generation ihre Geschichte erzählen.
Am Bau Beteiligte
Architektur
Allen + Crippa, Buchs / Zürich
Tragkonstruktion
Merz Kley Partner, Dornbirn
HLKS-Planung
Gschwend GmbH, Lüchingen / Feuz Gebäudetechnik, Trübbach
Bauphysik
Spektrum Bauphysik & Bauökologie, Dornbirn
Elektroplanung
Kobler Energie AG, Oberriet
Landschaftsarchitektur
Isabelle Saluz, Grabs
Brandschutz
SiBeN AG, Buchs
Lehmbau
Lehm Ton Erde, Schlins
Photovoltaik
3S Solar Megaslate
Vergabeform: Direktauftrag
Planung: 2022–2025
Fertigstellung: 2025
Grundfläche (SIA 416): 192 m2
Volumen (SIA 416): 1441m3