Kon­tro­ver­se um Er­neue­rung

Das in einem Wettbewerb ermittelte Renovationskonzept für das Gymnasium Strandboden hat in Biel eine Kontroverse ausgelöst. Wie erneuert man Nachkriegsarchitektur, ohne in ein Dilemma zwischen Energieeffi­zienz und Denkmalpflege zu geraten? Ein Diskussionsbeitrag des Komitees «Rettet den Gymer Strandbode!»¹.

Publikationsdatum
17-02-2012
Revision
01-09-2015

Seit der Jahrhundertwende stehen viele Gebäude aus der Hochkonjunktur der Nachkriegszeit im ersten Erneuerungszyklus nach ihrer Erstellung. Darüber, wie solche Renovationen baulich umzusetzen sind, gehen die Meinungen noch weit auseinander. Weil es sich um eine architektonisch bis heute kontrovers besprochene Epoche handelt, ist der «Alles-wegwerfen-Reflex» weit verbreitet. Er steht allerdings in augenfälligem Widerspruch zur wachsenden Sensibilität für Fragen der Energieeffizienz und der ökologischen Verträglichkeit. Mit undifferenzierten Rückbauten werden unnötig Ressourcen vernichtet, die bei genauer Betrachtung ohne Nachteile weiter genutzt werden könnten. Bei den Nutzern und Nutzerinnen, in der Verwaltung und in der Politik fehlt oft noch das Verständnis für eine ganzheitliche Sichtweise. 

Ein Fassadenwettbewerb

Exemplarisch wird dieser Konflikt an der vom Amt für Gebäude und Grundstücke (AGG) des Kantons Bern geplanten Renovation des Gymnasiums Strandboden von Max Schlup sichtbar. Der Erneuerungsbedarf ist unbestritten, manche energetischen Unzu-
länglichkeiten bestehen seit der Inbetriebnahme. Nach einem Architekturwettbewerb, der einzig die Fassade zum Thema hatte und von der Forderung nach zu öffnenden Fensterflügeln ausging, liess der Kanton vom Gewinner auch die innere Organisation, den Innenausbau und die Haustechnik bearbeiten. Beschaffungsrechtliche Fragen bei diesem schrittweisen Vorgehen seien dahingestellt; was aber erstaunt, ist die Tatsache, dass das AGG den Erhalt der bestehenden Fassade nie in Erwägung zog, obwohl schon in der Vorphase des Wettbewerbs klar war, dass es sich bei dem ab 1963 geplanten und 1979–1981 erstellten Gymnasium Strandboden um ein schutzwürdiges Baudenkmal handelt, das nur deshalb im Anhang und nicht im Bauinventar der Stadt Biel verzeichnet ist, weil es bei der Inventarisierung knapp noch nicht 30 Jahre alt war. 
Zwischen dem Abschluss des Wettbewerbsverfahrens 2005 und der Baubewilligung 2011 durch die Standortgemeinde Biel vergingen sechs Jahre. Die lange Bearbeitungszeit ist auch ein Hinweis auf die Probleme, die sich aus der neuen Ausgangslage mit  zu öffnenden Fenstern ergeben. Im Sommerbetrieb ist das unkontrollierte Öffnen der Fenster durch die Nutzer nicht erwünscht, weil grosse Mengen warmer Luft in das Gebäude strömen, was die thermische Behaglichkeit beeinträchtigt. Auch die Nachtauskühlung ist problematisch, denn es ist schwer vorstellbar, am exponierten Standort in der offenen Parkanlage am See die Fenster nachts geöffnet zu lassen – man denke zum Beispiel an die von Feuerwerk ausgehende Gefahr. Eine einbruch- und vandalensichere Fensteröffnung wäre Voraussetzung. Auch im Winter ist ein unkontrolliertes Öffnen der Fenster problematisch, weil die Heizenergie nicht, wie vom angestrebten Minergiestandard verlangt, über die Wärmerückgewinnung an die Frischluft weitergegeben wird, sondern in die Umgebung verpufft. Einzig in der Übergangszeit wäre das Öffnen der Fenster sinnvoll. Dies würde jedoch durch die maximale Öffnung von 12 cm eingeschränkt, weil das Fenster auch als Absturzsicherung dient. Die vorgeschlagenen Schwingflügel sind zudem konzeptionell überholt. Es handelt sich um ein heute kaum mehr verwendetes Prinzip, bei dem der Drehpunkt systembedingt nicht wärmegedämmt werden kann und die Dichtungsebene in jedem Fensterrahmen von aussen nach innen wechselt. Das ist auch für die Betriebskosten und den Unterhalt nicht unerheblich. Weil im beweglichen Flügel ein Raffstoren integriert ist, der für den Unterhalt und die Reinigung von aussen über einen Drehmechanismus öffenbar sein muss, ergibt sich eine ungelenke Konstruktion, die nichts mit der konstruktiven Eleganz des Originals gemein hat und möglicherweise mehr Probleme schafft, als sie zu lösen vorgibt.  

Meisterwerk der «Schule von Solothurn»

Ungeachtet des konkreten Renovationskonzepts ist seit einigen Jahren eine Neubewertung der architektonischen Bedeutung des Gymnasiums Strandboden im Gang. Die Arbeiten von Max Schlup stehen im grösseren Kontext der sogenannten Schule von Solothurn, deren Mitglieder Hans Zaugg (1913–1990), Alfons Barth (1913–2003), Max Schlup (1917), Franz Füeg (1921) und Fritz Haller (1924) versuchten, kompromisslos nur jene Mittel zu verwenden, die sie für ihrem Zeitalter, als einer Epoche der Technik, angemessen hielten. Das erklärt ihre Vorliebe für Stahl und ihr Streben nach Vorfabrikation und Montagebau. Zwischen den beiden Zentren architektonischer Deutungshoheit Lausanne und Zürich blieben ihre entlang der Sprachgrenze entstandenen Werke lange Zeit unterbewertet. Erst die neuere Forschung erkennt und anerkennt ihre grosse architektonische Qualität. Das Ensemble des Gymnasiums Strandboden vereint als Hauptwerk alle wichtigen architektonischen Themen von Max Schlup: die Verzahnung von öffentlichem und privatem Raum, die universelle typologische und formale Klarheit, den Einbezug der Landschaft sowie die virtuose konstruktive Durchbildung der Bauteile. Eine Quer- und eine Längsachse ordnen die Bauten am Strandboden, sie schaffen einen unaufgeregten öffentlichen Raum, den die Bieler Bevölkerung genauso selbstverständlich nutzt wie die über 1000 Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums. Die dünne, fast schon durchsichtige Vorhangfassade ist nicht nur für das Werk Max Schlups einzigartig, sondern auch für die Arbeiten der Schule von Solothurn. Sie ist in der Minimierung des persönlichen Ausdrucks ein Meisterwerk an Kraft und Eleganz und offenbart Schlups Bekenntnis zur gestalterischen Zurückhaltung, die er als der expressiven Geste des Bieler Kongresshauses, seines ersten grossen Wettbewerbserfolgs, architektonisch überlegen beurteilte.  

Widerstand und Gegenkonzept

Angesichts der architektonischen Bedeutung des Ensembles Strandboden formierte sich auf verschiedenen Ebenen Widerstand gegen die geplante Erneuerung. Der Berner Heimatschutz rekurrierte gegen die Baubewilligung; im Moment liegt die Einsprache beim Verwaltungsgericht des Kantons Bern. Widerstand aus dem Kreis der Architekturschaffenden formierte sich im Komitee «Rettet den Gymer Strandbode!». Der Bund Schweizer Architekten BSA, die SIA-Regionalgruppe Biel und das Architekturforum Biel stellten sich geschlossen hinter das Komitee. Dieses arbeitete im Sommer 2011 ein Konzept für die Sanierung des Gymnasiums Strandboden nach denkmalpflegerischen Grundsätzen aus und stellte es der Öffentlichkeit vor. Es konnte nachweisen, dass sich die energetischen und raumklimatischen Vorgaben des AGG auch mit einer sanften Sanierung erreichen lassen und dass die Vorgaben des Kantons Bern hinsichtlich Behaglichkeit und Komfort durchaus mit dem Erhalt der bestehenden Bausubstanz erfüllt werden können. Damit ist der Weg vorgezeichnet, der dem unnötigen Zerstören von Ressourcen eine architektonische Gesamtsicht entgegenstellt, alle Fragen prüft, abwägt und ein Gleichgewicht zwischen den eingesetzten Mitteln, der Verhältnismässigkeit und dem Respekt gegenüber der Baukultur anstrebt.
Das Beispiel Gymnasium Strandboden zeigt, dass die Erneuerung der Nachkriegs-
architektur im Schnittpunkt zwischen Ökologie und Denkmalpflege eine noch junge Spezialdisziplin ist, die aufseiten der Architekten innovative technisch-konstruktive Lösungen und aufseiten der Bauherrschaften eine der Sache angemessene Vorbereitung und Durchführung der Planerwahlverfahren erfordert.

Anmerkung

  1. Das Komitee «Rettet den Gymer Strandbode!» wurde im Dezember 2010 von den Architekten Peter Breil, Jürg Graser, Benedikt Loderer, Lars Mischkulnig, Reto Mosimann, Rolf Mühlethaler, Oliver Schmid, Rolf Suter, Ivo Thalmann und Patrick Thurston gegründet. Es wird von Rolf Mühlethaler, Architekt BSA, Bern, präsidiert. Kontakt: strandbode@thurston.ch
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