Iwan Ba­an, Fo­to­graf: «Man braucht Au­gen im Hin­ter­kopf»

Iwan Baans erste umfassende Retrospektive «Momente der Architektur» im Vitra Design Museum präsentiert über zwei Jahrzehnte seiner renommierten Dokumentarfotografie. Im Gespräch erklärt Baan seine Arbeit als «zoom in and out» zwischen den Details der Gebäude, oft bei laufender Baustelle und im grösseren Kontext der Umgebung.

Publikationsdatum
12-11-2023

Als Lieblingsfotograf zahlreicher zeitgenössischer Stararchitekten reist der der Niederländer oft nach China (z.B. wiederholt nach Peking zum Bau des CCTV-Turms von OMA), nach Bangladesch (z.B. zu Anna Heringers Stampflehmbauten) oder nach Burkina Faso (mit Francis Kéré zur Dokumentation des Unesco-Welterbes). So entfaltet das Spektrum von Iwan Baans Fotografie, in den Worten des Direktors des Vitra Design Museum Mateo Kries «ein Panorama der zeitgenössischen Architektur» in der Totalen.

Die Bilder von Iwan Baan sind ohne Kunstlicht aufgenommen und zeigen oft Alltägliches. Dieser Geist des «as found», unter dem die fotografische Arbeit entsteht, spiegelt sich in der Installation der umfassenden Ausstellung: Der Museumsraum von Frank Gehry wird zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in seiner ursprünglichen Form gezeigt, mit Lichteinfall durch die Oberlichter und Durchblicke in die angrenzenden und oberen Galerieräume.

Kuratorin Mea Hoffmann zeichnet in ihrem Katalogtext Baans Karriere parallel zum Aufkommen der digitalen Fotografie nach und beschreibt sein Werk als eine rasante und agile, dennoch präzise und poetische Darstellung der Welt vor unseren Augen. Jedes Foto sei ein präzise herausgeschnittenes Stück Zeit, beschreibt sie mit Rückgriff auf den Begriff «a neat slice of time» der legendären Kulturkritikerin Susan Sontag. Im Fall des Werks von Iwan Baan ist dies der Moment der Millisekunden der Fotografie und gleichzeitig der Zeitraum von Baans bisherigem Schaffen, der Ära einer globalisierten Architekturgeschichte.


Iwan Baan, Sie reisen für Auftragsarbeiten und für Ihre eigenen Projekte in die ganze Welt und fotografieren Architektur. Welche Kriterien sind für Sie ausschlaggebend, wenn sie sich für einen solchen Augenschein vor Ort entscheiden?

Es ist grossartig, mit so vielen berühmten Architekten auf der ganzen Welt zusammenzuarbeiten. Aber es gibt immer auch eine andere Geschichte drumherum. Mir ist es wichtig, dass ich diese andere Geschichte, die ausserhalb der Architektur stattfindet, erzählen kann. Für mich bedeutet das, dass ich mich vom Gebäude weg in seinen Kontext bewege und zeige, wie dieses Gebäude sich anfühlt, wie es genutzt wird, wie es sich im Laufe der Zeit verändert.


Sie werden nicht gerne als Architekturfotograf bezeichnet, stattdessen sehen Sie Ihre Arbeit als Dokumentation. Weshalb?

Es gibt so viele ungeplanten Dinge, die die Architekten nicht kontrollieren können. Diese sind für mich oft interessanter als nur der Entwurf. Das alltägliche Leben, wie man es auch hier, in diesem Raum mit meinen Auftragsarbeiten für die Architektur, sehen kann. Im nächsten Raum, in dem es um Städte geht, tritt die Architektur dann in den Hintergrund. Beide drehen sich allumfassend um das Alltägliche - das kann manchmal etwas Allgemeines, Generisches sein, in Gegenüberstellung mit der Fremdartigkeit, die auch damit einhergeht. [Anmerkung der Interviewerin: Wir befinden uns im zweiten Raum der Ausstellung, in dem die Bilder in vielerlei Grössen bis hoch oben unter das Dachfenster gehängt sind]


Der Museumsraum hier im Vitra Design Museum ist ebenfalls fremdartig. Sie haben sich dafür entschieden, Ihre Arbeiten bei vollem Tageslicht zu zeigen, mit Öffnungen zum Himmel und zu den anderen Räumen. Es scheint, dass Sie sich dem Museumsgebäude genauso genähert haben, wie Sie sich den Orten nähern, die Sie fotografieren: Sie akzeptieren sie einfach so, wie sie sind.

Genau so ist es! All die Dinge, die man nicht kontrollieren kann, sind oft viel interessanter, fotografiert zu werden. Wie üblich gehe ich als Fotograf um das Gebäude herum und mache ein paar schöne Bilder. Aber dann passieren andere Dinge: Als ich zum Beispiel den Auftrag erhielt, die Mastaba in London von Christo und Jeanne-Claude aufzunehmen, stand ich plötzlich hinter Christo, als er seine Arbeit zum ersten Mal sah [Katalog S. 275]. Dieses Bild erzählt eine Geschichte des Orts, der Menschen und der besonderen Dinge, die dort geschehen.


Wie viel Zeit verbringen Sie jeweils an einem Ort?

Bei Auftragsprojekten sind es zwischen einem und mehreren Tagen. Aber das Fotografieren selbst dauert nur eine Hundertstelsekunde – man muss im richtigen Moment vor Ort sein, zur richtigen Zeit. Solche Momente kann man nicht planen. Man weiss nicht, was passieren wird, man braucht einfach Augen am Hinterkopf, um zu sehen, was um einen herum passiert. Es ist eine sehr intuitive Arbeitsweise, bei der die Puzzleteile an ihren Platz fallen und plötzlich relevant werden. Und all diese Dinge, die Architektinnen oder Planer nicht vorhergesehen haben, ergeben plötzlich einen Sinn.


Manche Orte, die Sie aufsuchen, sind weit weg, der CCTV-Turm in Peking zum Beispiel. Planen Sie dann, jedes Jahr dorthin zu fahren? Wie planen Sie ihre Reisen?

Auch diese Dinge sind oft sehr fliessend, in gewisser Weise ungeplant. Zum CCTV-Turm bin ich einige Jahre lang alle sechs bis acht Wochen gefahren. Es war so viel los, so viel Veränderung. Es war eine faszinierende Zeit in China. Ich habe mich selbst gepushed, so oft wie möglich dorthin zu gehen. Natürlich gibt es auch andere Situationen, in denen ein Architekt einen beauftragt, nur dieses eine finale Bild zu machen, dann man kommt ein- oder zweimal hin. Es gibt kein Rezept.


Man braucht also auf jeden Fall die richtigen Auftraggeber, um Orte mehrmals besuchen zu können. Wie viele Fotos in dieser Ausstellung sind Auftragsarbeiten, und wie viele sind Ihre eigenen, freien Projekte?

Insgesamt ist es wahrscheinlich ein Drittel, das aus eigenem Interesse entstand, und für das ich die Mittel selbst finden muss. Ein weiteres Drittel sind die reinen Auftragsarbeiten, das heisst ein Architekt oder der Kunde lädt mich zur Eröffnung ein. Und ein Drittel sind Kooperationen für Bücher, Ausstellungen oder längerfristige Projekte, die in der Regel aus einem Interesse von mir oder anderen Beteiligten heraus entstehen, manchmal eine Zusammenarbeit mit einer Universität oder einem Forschungsteam, und die dann in einem Buch oder einer Veröffentlichung präsentiert werden.


Gibt es einen besten Moment für ein Foto?

Das ist schwer zu sagen: Architektur braucht viel Zeit – aber dann kann es diesen einen Moment geben, in dem man einfach da sein muss. Es ist im Grunde ein Glücksspiel, wie sich die Dinge ergeben. Beim Taipei Performing Arts Center zum Beispiel habe ich mit Rem Koolhaas und OMA am Wettbewerb mitgearbeitet und die Modelle 2008 fotografiert, und vor ein paar Monaten wurde das Gebäude schliesslich fertiggestellt. Das sind 15 Jahre von den ersten Modellen bis zum endgültigen Projekt, und wie immer bei grossen Projekten gibt es jedes Mal eine Entdeckung, wenn man hingeht. 


Auch berühmte Büros machen ab und zu Projekte, die weniger interessant sind. Lehnen Sie auch Aufträge ab? Wie gehen Sie mit Ihrem eigenen Urteil und Ihrer Verantwortung um?

Wie ich schon sagte: Es geht weniger darum, ob es ein «gutes» oder ein «schlechtes» Gebäude ist. Es gibt immer eine andere, interessante Geschichte zu erzählen: eine weiterreichende Ebene in Bezug auf den Ort, die Nutzung, die Menschen, eine visuelle Geschichte, die ich erzählen kann.


Ist es denn unwichtig, ob Ihnen ein Gebäude gefällt?

Ein Gebäude kann für mich völlig befremdlich sein, aber trotzdem eine interessante Geschichte bieten. So etwa Las Vegas. Dieser Ort liegt komplett ausserhalb meiner Komfortzone, aber ist total faszinierend. Und gleichzeitig ist er für Millionen und Abermillionen von Menschen der Ort, der ihr Leben bestimmt und an den sie immer wieder zurückkehren.


Für die vielen, die wie auch ich, diese vielen verschiedenen Orte in Afrika und Asien nie besuchen werden, überbringen Sie, in der Rolle eines Kulturbotschafter, Bilder. Wie gehen Sie dabei mit Ihrer Verantwortung um?

Auch hier gilt, dass die Art und Weise, wie ich einen Ort sehe, immer subjektiv ist. Die Dinge, die ich dort erlebe, was ich mitbringe und mit dem Rest der Welt teile, habe ich so gesehen. Mit solchen grossartigen Projekten gehen umfangreiche Planungen einher. Ich möchte dem all die ungeplanten Dinge entgegensetzen, die dort ebenfalls geschehen. Ich zeige das Leben, und wie sich Projekte wirklich entwickeln, entgegen den dort vorgesehenen Erlebnissen.


Dürfen Sie gemäss Ihren Verträgen über die endgültige Auswahl der Bilder entscheiden?

Natürlich wählt der Architekt bei einem Auftrag oft aus, was er oder sie zeigen möchte. Dies kann anders als das sein, was ich als prägendes Bild auswähle. Das ist auch der Grund, warum wir alle diese Bilder in dieser Ausstellung hier zeigen: Es sind nicht nur die bekannten Aufnahmen, sondern Bilder, die auch unterschiedliche Sichtweisen und die weitere Umgebung zeigen. Die Menschen an diesen Orten, oder die ganze Stadt, in der das Gebäude vielleicht verschwindet. Aber diese Stadt ist schliesslich der Grund, weshalb das Gebäude da ist.


Wer kontrolliert dann die Auswahl der Bilder?

Bei Auftragsprojekten kann man die Reihenfolge der veröffentlichten Bilder nicht immer kontrollieren. Redaktionen von Zeitschriften oder Architekturbüros treffen jeweils ihre eigene Auswahl. Deshalb: Das Tolle an längerfristigen Projekten wie einem Buch oder einer Ausstellung ist, dass man da die alleinige Kontrolle hat.


Wie das Buch und diese Ausstellung hier im Vitra Design Museum.

So ist es. Ich sage mir bei jedem Projekt, das ich in Angriff nehme, dass ich daraus dann später genug Material finden muss, um ein Buch daraus zu machen. Es muss viele verschiedene Blickwinkel zu entdecken und Geschichten zu erzählen geben.

Das Gespräch wurde am 19. Oktober in englischer Sprache im Vitra Design Museum in Weil am Rhein geführt. (Übersetzung: svf., unterstützt von KI)

Die Ausstellung «Iwan Baan. Momente der Architektur» im Vitra Design Museum ist bis 3. März 2024 zu sehen. Infos zur Ausstellung und zum Begleitprogramm finden Sie hier:
design-museum.de