Im Über­fluss vor­han­den – und doch knapp

Die Schweiz ist steinreich im wahrsten Sinn des Wortes. Die Kies- und Sandvorkommen im Mittelland sind ein Erbe der Eiszeiten. Beim Abbau ergeben sich jedoch zahlreiche Nutzungskonflikte. Während die Kantone über ihre Richtpläne die Gewinnung mit dem Bedarf in Einklang zu bringen versuchen, will der Bund einen ­landesweiten Überblick über die Vorkommen erstellen.

Publikationsdatum
11-06-2021

Der Hauptgrund, weshalb die Schweiz über so viel Kies und Sand verfügt, sind die Alpen und die Eiszeiten. Gletscher und Flüsse transportierten Kiesel, Steine und Blöcke unterschiedlicher Korngrösse ins Alpenvorland. Die Ablagerungen sind das Produkt von Erosionsprozessen im Gebirge. Die Vorkommen sind regional jedoch heterogen verteilt.

Grosse Schotter- und Moränenablagerungen und damit Abbaugebiete von Kies und Sand befinden sich in den Mittellandkantonen zwischen Genf und dem Thurgau. Auch die Alpentäler, die gros­sen Alpenflüsse sowie deren Mündungsbereiche in die Seen sind Fördergebiete. Die Gewinnung von Kies und Sand erfolgt vorwiegend aus dem mittelländischen Plateau, lokal aber auch aus Runsen und Bächen im gesamten Alpenraum und Alpenvorland.

Wenige Vorkommen finden sich hingegen etwa im Jura oder auch im Tessin. Einen groben Überblick über die geologischen Verhältnisse liefert das Geoportal des Bundes (> Thema wechseln > Geologie > Mineralische Rohstoffe, vgl. Karte in der Galerie). 

Bei Ablagerungen kommen Kies und Sand stets zusammen vor. Manchmal enthält eine Schicht vorwiegend Kies, dann wieder vor allem Sand oder Ton. In den Kieswerken wird das Material gewaschen, gesiebt und nach Korngrösse getrennt.

Kies und Sand gehören zu den bedeutendsten Rohstoffen der Schweiz. Sie kommen als Zuschläge bei der Herstellung von Beton, Mörtel und bituminösen Gemischen zum Einsatz. Knapp zwei Drittel der Gesteinskörnung werden in der Schweiz für die Herstellung von Beton verwendet. Die Schweizer Kies- und Betonwerke fördern gemäss dem Fachverband der Schweizerischen Kies- und Betonindustrie (FSKB) jährlich mehr als 30 Mio. m3 Kies und Sand (das entspricht gut 50 Mio. t Kies und Sand).

Weitere Artikel finden Sie in unserem E-Dossier «Beton».

Nach Angaben des FSKB werden etwa 90 % des Schweizer Gesamtbedarfs an Sand und Kies im Inland gewonnen. Vor allem in den Grenzgebieten werde aber auch Material aus dem nahen Ausland importiert, sagt Martin Weder, Direktor des Fachverbands – so etwa im Tessin, im Thurgau, in Schaffhausen oder der Region Basel. Die Nordwestschweiz profitiert laut Weder von den üppigen Kiesvorkommen im benachbarten ­Elsass.

Die Versorgung mit inländischen Rohstoffen

Zu den mineralischen Rohstoffen der Schweiz zählen neben Kies und Sand auch Zementrohstoffe, Hartsteinprodukte (Schotter und Splitte), Ziegeleirohstoffe, ge­brochene Steine, Naturwerksteine sowie Gips und Salz. Über deren Vorkommen und Abbaustätten existiert aber bisher keine umfassende nationale Übersicht.

Diesen Mangel hat vor etwa zehn Jahren auch die ­Politik erkannt. 2013 verabschiedete der Bundesrat den Aktionsplan «Grüne Wirtschaft». 2016 wurde dieser mit den «Massnahmen des Bundes für eine ressourcenschonende, zukunftsfähige Schweiz» weiterentwickelt. Der Aktionsplan umfasst 27 Massnahmen, die das freiwillige Engagement von Wirtschaft und ­Gesellschaft zur Schonung der natürlichen Ressourcen unterstützen sollen.

Massnahme 13 ist der Versorgung mit nicht energetischen mineralischen Rohstoffen gewidmet. Sie sieht zudem vor, Konzepte zur Sicherung dieser Rohstoffe zu erarbeiten. Diese Konzepte sollen einerseits detaillierte Rohstoffsicherungsberichte zu den einzelnen Rohstoffgruppen wie Zementrohstoffe oder Sand und Kies enthalten, andererseits gilt es aber auch, die Stoffkreisläufe möglichst zu schliessen und das Recyc­ling zu fördern.

Gemäss einer Modellierung der Kies-, Rückbau- und Aushubmaterialflüsse in neun Kantonen decken Rückbaustoffe in diesen Kantonen 20 bis 30 % des ­Gesteinskörnungsbedarfs. Über die ganze Schweiz betrachtet, dürfte der Anteil derzeit jedoch unter 20 % liegen. Für einen schonenden Umgang mit den Ressourcen ist es sinnvoll, die Recyclingquote von Baumate­rial so weit wie möglich zu steigern.

Eine Versorgung mit inländischen Rohstoffen ist im Rahmen einer «Grünen Wirtschaft» bedeutsam, weil Importe von Massengütern wie Sand und Kies über grössere Strecken gravierende ökologische Nachteile haben.

Ausgelöst durch den Aktionsplan «Grüne Wirtschaft» erarbeitete die Fachstelle Landesgeologie beim Bundesamt für Landestopografie swisstopo eine erste Auslegeordnung über die Versorgung der Schweiz mit nichtenergetischen mineralischen Rohstoffen. Bei den Zementrohstoffen und bei Hartsteinprodukten identifizierten die Autoren Anzeichen für mittelfristige Versorgungsengpässe.

Deshalb räumte man diesen Rohstoffgruppen Priorität ein. Ein erster Bericht zu den Zementrohstoffen ist vor wenigen Monaten erschienen. Ende 2021 folgt der Bericht über die Hartsteinprodukte. Bei diesen beiden Rohstoffgruppen, die in der Schweiz an wenigen Abbaustandorten gewonnen werden, sei es vergleichsweise einfach, einen nationalen Überblick zu erhalten, sagt Thomas Galfetti. Der Geologe koordiniert seit drei Jahren bei swisstopo die Arbeiten im Bereich der mineralischen Rohstoffe.

Bei Kies und Sand präsentiere sich die Lage hingegen anders. In der Schweiz gebe es rund 600 Orte, wo Rohstoffe gewonnen werden, mehr als 400 davon sind Kiesgruben. «Es sind vor allem die Kantone und Verbände, aber auch das Bundesamt für Statistik, die Daten erheben», stellt Galfetti fest. Die In­formationen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen sei daher anspruchsvoll und müsse koordiniert erfolgen.

Lesen Sie jetzt auch «Gier nach Sand».

Zurzeit fehlen Daten und Methoden, um eine Übersicht über die räumliche Verteilung der vorhandenen Reserven und der potenziell abbauwürdigen Vorkommen auf nationaler Ebene erstellen zu können. Die 26 Kantone gehen bei der Datenerhebung oft unterschiedlich vor. Zudem ist es eine aufwendige manuelle Arbeit, wichtige Informationen, etwa über Abbaupläne, zusammenzustellen.

Deshalb sollen in einem nächsten Schritt ab 2022 Lösungen erarbeitet werden, wie sich die Datenbasis über diese Rohstoffe verbessern lässt. Laut Thomas Galfetti liegt der Schlüssel für die Erstellung einer nationalen Übersicht in einer engen Zusammenarbeit mit den Kantonen und der Branche.

Die ausführliche Version dieses Artikels ist erschienen in TEC21 18/2021 «Kostbare Körner».

Eigentum der Bodenschätze im Schweizer Recht
Artikel 667 des Schweizerischen Zivilgesetzbuchs (ZGB) hält zum Untergrund fest, dass sich das Grundeigentum so weit in die Tiefe erstreckt, wie der Grundeigentümer für die Ausübung seines Eigentums ein Interesse ausweisen kann. Oberflächennahe Kies- und Sandvorkommen kann grundsätzlich der Grundeigentümer beanspruchen. Tief im Untergrund spricht Artikel 664 ZGB hingegen von einer herrenlosen und öffentlichen Sache, deren Verfügungs- und Gesetzgebungshoheit bei den Kantonen liegt. Die Kantone wiederum verfügen beim sogenannten Bergregal über unterschiedliche gesetz­liche Grundlagen.

Das Bewusstsein für die Rohstoffe im eigenen Land fördern: Praktisch jeder Baustoff oder Alltagsgegenstand, den wir heute produzieren bzw. nutzen, enthält mineralische Rohstoffe, also Gesteine wie Sand, Kies, Kalk, Mergel, Ton, Salz und Naturwerksteine. Mineralische Rohstoffe gelten zu Recht als Fundament der modernen Zivilisation. Die Schweiz ist zwar reich an Gesteinen – die Versorgung des Landes mit mineralischen Rohstoffen ist aber dennoch nicht gesichert.

 

Eine Ausstellung im Bundeshaus möchte die Poten­ziale und Herausforderungen der Nutzung lokaler Rohstoff­vorkommen in der Schweiz thematisieren. Coronabedingt wurde die Eröffnung der Ausstellung «Materia Helvetica» auf das Frühjahr 2022 verschoben.

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