«Ich ar­bei­te un­der­co­ver»

Der Brüsseler Architekt Peter Swinnen fordert die Architektinnen und Architekten auf, sich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Am Samstag, 28. April kann man ihn live erleben – an der Biennale i2a in Lugano, dem dreitägigen Symposium «Die Gesellschaft der Zukunft zwischen Urbanität und Natur». Ein Gespräch.

Publikationsdatum
23-04-2018
Revision
24-04-2018
Caspar Schärer
Architekt, Publizist und Raumplaner; Generalsekretär BSA und Co-Kurator der Biennale svizzera del territorio (ehemals: Biennale i2a)

Architektur ist mehr als bauen: Die Architektinnen und Architekten, so Swinnen, können mittels policy whispering Architektur als Mittel und Medium verwenden, um tatsächlich etwas in Gang zu bringen. Das Design kommt dann ganz am Schluss. Wie policy whispering funktioniert, wird er an der Biennale i2a in Lugano anhand eigener Projekte zeigen. Die Veranstaltung widmet sich vom 26. bis 28. April mit unterschiedlichen Formaten den vielfältigen Aspekten einer zukünftigen räumlichen und sozialen Entwicklung. Mit dabei: Isabelle Chassot, Direktorin des Bundesamtes für Kultur; der Utopist und Autor Hans Widmer; der Gründer und Direktor des Origen Festival Cultural, Giovanni Netzer; Claudia Moll, Co-Präsidentin des BSLA; Joris van Wezemael, designierter Geschäftsführer des SIA; Judit Solt, Chefredaktorin TEC21, und viele mehr.

Caspar Schärer: Herr Swinnen, Sie betreiben eine Architektur, die Sie als «policy whispering» beschreiben. Was muss man sich darunter vorstellen?
Peter Swinnen: Kürzlich habe ich festgestellt, dass ich mich schon sehr lang als policy whisperer verstehe, ohne genau zu wissen, was ich da tat. Vor fünf Jahren schrieb ich den Begriff erstmals auf, damals für einen Vortrag in Rotterdam. Im Grunde geht es um nichts anderes als das proaktive Einbringen von Architektur in politische Prozesse.

Caspar Schärer: Das ist aber nicht unbedingt neu, oder?
​Peter Swinnen: Nein, da haben Sie recht. Aber der Beruf des Architekten wird völlig überschattet vom konventionellen Auftragsverhältnis, in dem es darum geht, ein Raumprogramm im Rahmen eines Sets bestimmter Bedingungen umzusetzen. Die Bedingungen sind immer anders, das Raumprogramm auch, doch das Kernproblem bleibt: Der Architekt versteht sich als verantwortlich gegenüber dem Auftraggeber. Das ganze Geschäftsmodell beruht auf diesem Verhältnis. Aus meiner Sicht sollte sich der Architekt jedoch einzig und allein in den Dienst der Gesellschaft stellen. Ich verstehe Architektur als Mittel und Medium, um Probleme zu identifizieren, zu benennen und in die politische Sphäre zu tragen.

Caspar Schärer: Wie soll das konkret funktionieren?
​Peter Swinnen: Die Einflussnahme auf die politische Agenda hat mich schon immer interessiert. So war für mich der Posten des Flämischen Baumeisters, den ich von 2010 an während fünf Jahren innehatte, ein eminent politischer Job. Wir erfanden neue Wettbewerbsverfahren für die einzelnen Gemeinden, aber auch für die Region Flandern. Architektur wurde wieder zu einem Mittel, mit dem man Politik machen konnte: Schulpolitik, Regionalpolitik, Infrastrukturpolitik, etc. Alle sprechen dauernd von Innovation, aber wer so etwas will, muss erstens Risiken eingehen und zweitens die Regeln brechen. Und genau das machen Architekten in der Regel gar nicht gern. Als Baumeister habe ich gelernt, dass Architektur für die Politiker sehr nützlich sein kann – etwa wenn sie für ihr politisches Anliegen ein «Leuchtturmprojekt» brauchen. Aber eigentlich habe ich ihnen das ins Ohr geflüstert.

Caspar Schärer: Sie wollen also vor allem die Verfahren und Prozesse verändern?
​Peter Swinnen: Ja und nein. Das policy whispering ist oft abstrakt, manchmal aber ganz konkret. In den meisten Fällen ist es naiv. Mir ist das völlig bewusst, doch die Naivität erlaubt es mir, frei zu denken. In Antwerpen haben wir kürzlich einem Immobilieninvestor ein Projekt mit einer Brücke über die Schelde vorgeschlagen. Kennen Sie die Situation in Antwerpen?

Caspar Schärer: Ja. Die Schelde ist dort sehr breit und es gibt im Stadtbereich keine einzige Brücke vom linken zum rechten Ufer.
​Peter Swinnen: Richtig. Dem Investor gefiel die Idee, aber er wollte die Brücke an einer anderen Stelle. Uns hat das nicht gross gestört. Inzwischen hat der das Projekt den Stadtbehörden mit einem riesigen Modell und einer schönen Broschüre vorgestellt. Jetzt wissen alle davon. Nächstes Jahr wird in Antwerpen gewählt, und schon jetzt sprechen alle von der neuen Brücke. Mein Name oder der Name meines Büros werden aber mit der Brücke nicht in Verbindung gebracht – und das mit voller Absicht. Ich arbeite anonym.

Caspar Schärer: Tatsächlich? Das ist nicht sehr typisch für einen Architekten…
Peter Swinnen: 
Ich bereite das Terrain. Danach kommt die Politik und irgendwann am Schluss die Designer. Sie dürfen dann gemäss der Vorgabe das Projekt entwerfen. Architektur beginnt für mich ganz am Anfang. Damit das whispering funktioniert, muss ich undercover arbeiten. Schliesslich sollen die Politiker und Immobilienentwickler am Schluss das Gefühl haben, es sei ihre Idee gewesen.

Caspar Schärer: Haben Sie ein Vorbild für dieses radikale Verständnis der Disziplin?
​Peter Swinnen: Ja, allerdings. Der belgische Architekt und Künstler Luc Deleu war mein Mentor bei der Diplomarbeit, und nach dem Studium arbeitete ich in seinem Büro T.O.P. office. Er ist ein Einzelgänger, der nie «sinnvolle» Architektur produzierte. Bei ihm habe ich gelernt, dass man Autonomie gewinnt, indem man das Grundsätzliche infrage stellt. Das ist natürlich nicht ganz einfach, und Luc Deleu war eher Künstler als whisperer. Seine guten Ideen schafften es leider nie bis in die politischen Entscheidungsprozesse. Das wollte ich ändern, und seither arbeite ich daran.
 

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