Geglückte Fügung im Wohnungsbau?
Editorial espazium magazin 12 / 2026
Der Begriff des Fügens ist so alt wie die Architektur selbst. Bereits Gottfried Semper nutzte ihn für seine Definition von Tektonik als «Kunst des Zusammenfügens starrer, stabförmig gestalteter Teile zu einem in sich unverrückbaren System». Statt zu fragen, welche Form schön sei, untersuchte er, wie Formen aus Material, Technik und kultureller Praxis entstehen und wandte sich damit gegen ein zeitloses Schönheitsideal.
Sempers Theorien berühren die Grundfragen architektonischen Schaffens. Obwohl unsere Gesellschaft heute vor anderen Herausforderungen steht als im 19. Jahrhundert, können sie noch immer als Orientierungspunkte für die Weiterentwicklung der Disziplin in einer sich wandelnden Baupraxis dienen.
Die zwei Mehrfamilienhäuser in Basel und Genf adressieren das Thema Fügung in ganz unterschiedlichen Massstäben. Baustein 12 von EMI Architekt*innen dekliniert Design for disassembly auf Bauteilebene durch und sucht nach dem angemessenen Ausdruck. Referenzen zu historischen Wohnbauten (z. B. Sprossenfenster) wurden dabei von der Architektinnenschaft argwöhnisch beäugt; gleichzeitig entstanden innovative Tragwerkslösungen.
Das genossenschaftliche Crocodil agiert auf städtebaulicher Ebene. Es reagiert auf einen Quartierplan, dessen Ziel die maximale Ausnutzung der Parzelle ist. Die Folge sind problematische Sichtbeziehungen zwischen den Gebäuden sowie ein Mangel an öffentlichen Räumen. Darauf antworten LRS Architekten in den Grundrissen und der Setzung der zwei Häuser. Sie verwandeln äussere Rahmenbedingungen in räumliche Qualitäten und tragen dies über die markante Fassadenfigur wiederum nach aussen.
Ganz im Sinne Sempers entspringt die Form der Projekte nicht gestalterischer Willkür, sondern der Auseinandersetzung mit Fragen des ökologischen Bauens und gemeinschaftlichen Zusammenlebens.