«Es ist pu­rer Ka­pi­ta­lis­mus»

Beirut hat bewegte Zeiten hinter sich. Was das für die Stadtentwicklung bedeutet, davon berichtet das in der Schweiz und im Libanon tätige Architekturbüro MET Architects Basel. Dritter und letzter Teil unserer Miniserie «Basel/Beirut – vom Arbeiten in Ost und West».

Publikationsdatum
08-10-2019
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

TEC21Der Libanon hat in der jüngsten Vergangenheit eine bewegte Geschichte hinter sich, mit dem Bürgerkrieg von 1975–1990, der Zedernrevolution 2005, dem Libanonkrieg 2006 und seit 2011 dem Krieg im benachbarten Syrien. Wie manifestiert sich das in der Stadtplanung? Gibt es eine Wiederaufbaustrategie für Beirut?

Thomas Thalhofer: Beirut ist trotz oder wohl auch wegen all dieser Veränderungen ein sehr lebendiger Ort. Heute herrschen dort Zustände wie in einem grossen Haifischbecken: Wer die besten Grundstücke bekommt, entscheidet, was dort gebaut wird. Es ist purer Kapitalismus. Ein Grossteil der öffentlichen Bauten ist sehr alt, stammt aus den 1950er- bis 1970er-Jahren und wird nur notdürftig repariert. Neubauten entstehen nicht mehr, weil weder Geld noch ein gemeinsamer politischer Wille vohanden ist. 

Roula Moharram: Von 1949 bis 1969 gab es einen Bauboom, das Land erlebte eine intellektuelle und kulturelle Blüte. Seit dem Bürgerkrieg ist das Niveau viel tiefer. Heute gibt es im Land «les nouveaux riches» mit weniger kulturellem Hintergrund. Es herrscht ein eher amerikanisches Unternehmensmodell vor. 

Thomas Thalhofer: 9/11 war der Wendepunkt – nicht nur darin, wie der Westen mit der arabischen Welt umgeht, sondern auch umgekehrt. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Golfstaaten reisten früher in die Ferien nach Marbella oder in die Schweiz zum Skifahren. Nach dem 11. September änderte sich das, auch wegen der Opposition aus Europa. Stattdessen fahren sie jetzt nach Beirut, wo sie westlichen Lebensstil innerhalb des arabischen Kulturkreises haben können. Sie investierten riesige Mengen Petrodollars in Immobilien. In Beirut an der Strandpromenade gibt es etliche Gebäude, die praktisch das ganze Jahr über leer stehen. Dort sind nur die Küchen beleuchtet, und im Erdgeschoss öffnet der Concierge die Tür. Der Rest des Gebäudes wird nur während Ramadan genutzt, wenn die Besitzer vom Golf nach Beirut in die Ferien kommen. Da es keine funktionierende Stadtplanung mit einer Vision für die Stadt gibt, übernimmt das Kapital die Initiative. Wenn aber kapitalistische Strukturen den Markt exklusiv beherrschen, gibt es nicht nur keine Architektur mehr, sondern die Entwicklung der Stadt verändert sich, das Stadtleben verschwindet. Stattdessen stehen an bester Lage am Strand nur leere Gebäude, und die Menschen, die eigentlich hier leben, werden an den Rand gedrängt. 

«Wenn es keine funktionierende Stadtplanung mit einer Vision für die Stadt gibt, übernimmt das Kapital die Initiative.»
Thomas Thalhofer

TEC21Gibt es auch positive Aspekte dieser Veränderungen? Oder anders: Warum sollte ich mich als Architektin für Beirut interessieren? 

Thomas Thalhofer: Das Einzige, was man positiv sehen kann: Beirut ist eine Stadt der grossen Kontraste und der grossen Spannungen. Es gibt zum Beispiel ein Hochhaus aus Zeiten des Bürgerkriegs, das an der Fassade noch immer Brandspuren der Bomben aufweist. Heute leben nur noch wenige Menschen darin. Daneben steht die neueste Version eines Investmentprojekts für saudi-arabische Gäste, mit allem Luxus, den man sich vorstellen kann. 

Roula Moharram: Gleichzeitig existieren immer noch die alten Häuser aus der Osmanenzeit als romantisches Ideal. Die Gebäude sind geschützt, und man versucht, sie zu kopieren, als Vorbild für die orientalische Stadt. Aber es gibt null Interesse für das, was wir als die bemerkenswerteste architektonische Epoche in Beirut ansehen: die Moderne. Aus dieser Zeit gibt es äusserst interessante Gebäude, die aber überhaupt keine Wertschätzung erfahren und sukzessive verschwinden. Das ist sehr schade. Zwar versucht das Arab Center of Architecture ACA,eine Vereinigung, die das Bewusstsein für das moderne städtische und architektonische Erbe im Libanon schärft, das zu ändern, doch es gibt aktuell keine Möglichkeit, sie auch zu schützen und zu erhalten (vgl. Kasten unten)
Das Department für Denkmalpflege hat kaum Befugnisse. Selbst wenn ein Gebäude als schützenswert aufgeführt wird – ein privater Investor erwirbt das Grundstück und macht ein Loch ins Dach. Dann wartet er zwei, drei Jahre, bis das Haus baufällig ist, und er den geschützten Bau abreissen lassen kann. Der Return on Investment ist so gross, das sich das lohnt. 

«Beirut zeigt exemplarisch, wie ein grosser Teil der Welt tickt. Es gibt kein Interesse an der Geschichte.»
Roula Moharram

TEC21Woher kommt dieses Desinteresse?

Roula Moharram: Beirut zeigt exemplarisch, wie ein grosser Teil der Welt tickt. Es gibt kein Interesse an der Geschichte. Die Dinge sind nicht auf Langfristigkeit ausgelegt. Man renoviert ein Apartment, geht aber davon aus, dass es in wenigen Jahren wieder umgebaut wird – was etwas irritierend ist für uns, wenn wir diese Einstellung mit der Schweiz vergleichen. 

Thomas Thalhofer: Aber diese Haltung lässt sich natürlich mit den vergangenen Bürgerkriegen und der Lage in einer politisch instabilen Region erklären. Bernard Khoury, ein befreundeter Architekt, hat sein Büro auf einer Müllverbrennungsanlage, alles komplett verglast. Sie liegt direkt an einer Kreuzung, die 2006 während des Libanonkriegs von den Israelis bombardiert wurde, um die vorrückende Hisbollah zu bekämpfen. Die Architekten arbeiteten während der Bombardierung weiter – nur an einem Abend, als die Druckwellen der Explosionen die Hälfte der Glasfronten zerstörten, zügelten sie das ganze Office in eine Ecke, um nicht von den Splittern getroffen zu werden. 
Wenn man unter solchen Umständen lebt und arbeitet, wo jeder Tag etwas Unvorhergesehenes bringen kann, dann ist der Wert von etwas Langfristigem nicht so hoch wie an Orten, die seit Napoleon keine Probleme mehr hatten. Dementsprechend herrscht heute in Beirut eine pragmatische, fast fatalistische Grundstimmung.

Weitere Artikel aus der Serie «Basel/Beirut» finden Sie hier.

 

Während der 1950er- bis 1970er-Jahre, des «goldenen Zeitalters», versuchte der libanesische Staat, dem Land mit dem Wunsch nach Modernität eine neue Identität zu geben – eine Identität, die sich vom französischen Kolonialismus und Arabismus unterschied. Die Rekrutierung von internationalen Persönlichkeiten wie Oscar Niemeyer für Pilotprojekte wie die Tripoli-Messe und die Errichtung neuer institutioneller Gebäude waren Teil dieser Strategie der Politik- und Stadtentwicklung. Unter dem Einfluss von Le Corbusier und anderen wurde Sichtbeton sehr populär, da er funktionalen, klimatischen und kulturellen Besonderheiten zu entsprechen schien.

Die Konstruktionen nach dem Bürgerkrieg führten zu einer Ära der Postmoderne, in der Tradition und Identität im Libanon falsch interpretiert wurden, viele Projekte zeichneten sich nur mehr durch Kitsch aus. Und viele der Ikonen des Modernismus wurden mit neuen Fassaden mit stärkerem regionalem Charakter und ornamentalen Pastiches überdeckt.

Parallel zu diesen Änderungen führte die Degeneration zu einer neuen Art von Architekturprojekten, die den Populärgeschmack bedienten und versuchten, Modernität und Tradition zu verbinden, indem sie wahllos Elemente aus beiden Repertoires verwenden.

Die Entwicklung der zeitgenössischen Architektur in Beirut ist direkt von dem jüngsten Immobilienboom betroffen, der in den meisten Quartieren zu gemischten Ergebnissen geführt hat: «Hybride» Formen sind in historischen Vierteln zu finden und verletzten deren Massstäblichkeit und urbanen Zusammenhalt. In den wenigsten Fällen führten sie zu bedeutenden Projekten mit einem kontextabhängigen Ansatz.

Die meisten der in den 1960er-Jahren entstandenen Meisterwerke wurden leider abgerissen. Sie waren ein lebendiges Zeugnis für eine sensible Architektur, die den Bedürfnissen gerecht wird, ohne in Exzess zu verfallen. (Roula Moharram)

Roula Moharram wurde 1968 in Beirut, Libanon, geboren. Sie schloss ihr Studium 1994 an der UP9 Paris–La Seine als Architecte DPLG ab. Von 1994 bis 1999 arbeitete sie als Architektin für Pierre El Khoury & Partners in Beirut. 2000 eröffnete sie das Büro Roula Moharram Architects in Beirut, das sie bis 2009 führte. In Partnerschaft mit Thomas Thalhofer gründete sie 2009 MET Architects in Basel. Im selben Jahr war sie Gastkritikerin am ETH Studio Basel für ein Forschungsprojekt in Beirut. Sie ist weiterhin stark in die Architekturszene Beiruts eingebunden und wird regelmässig zu Jurys eingeladen, hält Vorträge und leitet Workshops. Seit 2018 ist sie Mitglied des Arab Center for Architecture ACA.


Thomas Thalhofer wurde 1969 in Augsburg, Deutschland, geboren. 1998 schloss er sein Studium an der FH Augsburg als Dipl. Ing. Architekt ab. Von 1998 bis 2002 arbeitete er als Architekt für Hild und K Architekten in München. Von 2003 bis 2007 war er Projektleiter und Associate bei Christ & Gantenbein Architekten in Basel, von 2007 bis 2009 Projektleiter für Christian Kerez Architekt in Zürich. 2009 gründete er in Partnerschaft mit Roula Moharram MET Architects. Von 2009 bis 2011 war er an der Hochschule Luzern Dozent im Masterstudiengang und 2013 Gastkritiker im Bachelorstudiengang Architektur. Seit 2018 ist er Mitglied des Arab Center for Architecture ACA.

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