«Es feh­len Si­cher­heits­fach­leu­te»

Der ehemalige ETH-Professor Jörg Schneider gilt als Kapazität auf dem Gebiet der Sicherheit und Zuverlässigkeit im Bauwesen. Im Interview kritisiert der bald 90-Jährige die Vernachlässigung von Sicherheitsaspekten in allen Lebenszyklen von Bauten und Anlagen und fordert entsprechende Fachleute.

 

Publikationsdatum
30-05-2023


Herr Schneider, in Ihrer langjährigen Forschungs- und Lehrtätigkeit befassten Sie sich mit der Sicherheit und Zuverlässigkeit im Bauwesen und verfassten ein gleichnamiges Standardwerk. Wie kam es dazu?

Sicherheit ist eines der wichtigsten Themen im Bauwesen. Ich erinnere mich, wie ich als etwa 17-jähriger Zimmermannslehrling auf der Firstpfette eines Neubaus stand und den Richtspruch halten durfte. Sie kennen sicher das Gebot «die eine Hand für den Mann, die andere für das Werk». Das hat zwar eher mit Arbeitssicherheit zu tun – auch hatte ich damals nicht ein Werkzeug in der Hand, sondern ein mit Apfelsaft gefülltes Weinglas, das es in die Weite zu werfen galt. Und es musste zerschellen. Dieses Gebot blieb mir in Erinnerung, obwohl ich meine Lehre abbrach und mich für einen akademischen Weg entschied. Ich wollte Lehrer werden und begann ein Studium in Mathematik und Physik. In diesen Fächern vermisste ich aber schnell das Greifbare und entschied mich für das Bauingenieurstudium an der ETH, das ich 1958 mit Diplom abschloss. Dort blieb ich anschliessend und Professor Karl Hofacker gab mir als Assistent die Gelegenheit, zahlreiche fachliche Gutachten zu verfassen und schliesslich als Lehrbeauftragter Vorlesungen zu halten. In den 1960er-Jahren, während meiner darauffolgenden Zeit in der Praxis bei der Firma Stahlton konnte ich den damaligen Direktor Max Birkenmaier in seiner Arbeit als Vorsitzender der Normenkommission SIA 162 bei der Revision der Stahl- und Spannbetonnormen unterstützen. Daneben blieb mir aus dieser Zeit insbesondere die statisch-konstruktive Detailplanung und Erstellung der Parkhaus-Brücke über die Rämistrasse in Zürich, sozusagen als mein «Gesellenstück», in Erinnerung.

Rückblickend waren Sicherheit und Zuverlässigkeit in all meinen Tätigkeiten stets zentrale Themen. Als ich dann 1967 zum Professor für Baustatik und Konstruktion an der ETH Zürich gewählt wurde, konnte ich meine Erfahrungen Schritt für Schritt ins Unterrichtsprogramm eingliedern. Irgendwann wurde das Thema fester Bestandteil der Bauingenieurausbildung und aus meinem Vorlesungsskript entstand Anfang der 1990er-Jahre das erwähnte Buch als Standardwerk. Leider ist es mit meiner Pensionierung aus dem Unterricht meiner Nachfolger verschwunden und wird vom Hochschulverlag vdf nicht mehr aufgelegt. Als Print-on-Demand ist es allerdings in überarbeiteter Fassung wieder erhältlich.


In diesem Buch schreiben Sie: «Der Mensch der industriellen Welt lebt heute in einer weitgehend selbst geschaffenen Gefahrenumwelt». In welcher Beziehung stehen der Fortschritt und die damit entstehenden Risiken zueinander?

Der Fortschritt hat uns in den vergangenen 150 Jahren viel Mehrwert gebracht. Beispielsweise hat sich in dieser Zeitspanne die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in etwa verdoppelt. Gleichzeitig sind aber auch immer neue Risiken hinzugekommen. Diese sind zwar grösstenteils durch entsprechende Massnahmen beherrschbar – aber eben nicht vollständig. Ich erlaube mir einen kurzen Exkurs über die Grenzen meines eigentlichen Fachgebiets hinaus: Mit dem Fortschritt entstand vieles, das das Leben in der heutigen Form überhaupt erst möglich macht, aber in grosser Wechselwirkung mit der natürlichen Umwelt steht und nur schwer kontrollierbare Risiken birgt. Man denke nur an die Nuklearkatastrophe von Fukushima.

Der Fortschritt, die Entstehung von Risiken und deren Beherrschung sind grundsätzlich parallele Vorgänge. Nehmen wir das Beispiel eines Hauses: Als die Menschen noch in einfachen Hütten wohnten, waren Erdbeben für sie weniger bedeutend als heutzutage für die Bewohnerinnen und Bewohner eines Hochhauses. Durch vertiefte Kenntnis über die Vorgänge bei einem Erdbeben und mittels konstruktiver Massnahmen und Materialien können wir nun höher und dichter bauen. Bei diesem Beispiel lohnt sich der Fortschritt unter dem Strich, weil die Risiken beherrschbar sind.


Im Vorfeld zu unserem Gespräch schrieben Sie Ihre Gedanken zur Sicherheit von Menschen in und im Umfeld von Gebäuden, basierend auf Ihrem Beitrag in der Festschrift zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Joseph Schwartz, in einem Aufsatz nieder. Was ist das Spezielle an Gebäuden bezüglich Sicherheit?

Gebäude dienen den Menschen in vielen gefährlichen Situationen als Zufluchtsort, sie fühlen sich darin sicher. Gebäude können aber in gewissen Gefahrensituationen – bei Feuer oder Erdbeben beispielsweise – zur Falle werden. In TEC21 10/2023 gab es einen Artikel zum neuen Verbindungsbau zwischen dem Foto- und dem Designmuseum in Lausanne. Auf den Bildern sieht man dort Treppen ohne Geländer, die über mehrere Stockwerke nach unten führen und über die im Notfall Menschen ins Freie gelangen sollen. Gebäude bieten also einerseits Schutz, aber Planende sollten sich stets bewusst sein, was passieren könnte und ob ihre Werke einer Gefahren- oder gar Paniksituation gewachsen sind. Natürlich sind die notwendigen Massnahmen bekannt. Man erarbeitet zum Beispiel Notfallpläne und hängt sie in Schulhäusern oder in Korridoren und Zimmern von Hotels auf. Auch kennt man Normen, die den Anfang von all dem definieren, was nötig wäre, um Sicherheit zu gewährleisten. Aber vielen planenden Spezialisten fehlt die Zeit, der Wille und der Sachverstand, Sicherheitsthemen als Querschnittsaufgabe wahrzunehmen. So sind die Fachplanenden meist auf ihr enges Thema und ihr Gewerk fokussiert und es fehlen Sicherheitsfachleute, die mit einem Gesamtblick die Bauherrschaften beraten können.


Werden demnach Sicherheitsaspekte im Zuge der Gestaltung von Bauwerken und Anlagen generell zu wenig beachtet?

Ich komme nochmals auf die Normen zu sprechen. Obwohl ich selbst in Normkommissionen tätig war, bin ich generell kein Freund von Normen. Sie hindern diejenigen, die sie anwenden sollen, integral mit- und vorauszudenken. Stahlbetonnormen machen unbestritten ein Tragwerk sicher – aber sie nützen nichts bei der Betrachtung integraler Sicherheitsthemen.

Es gibt neben dem erwähnten Bau in Lausanne zahlreiche Beispiele, die in Bezug auf Sicherheit schlecht gestaltet sind: Treppen ohne oder mit nur schlecht umgreifbaren Geländern oder etwa die Wendeltreppe im Chemiegebäude der ETH Hönggerberg, die in einem Wasserbecken endet. Ich gehe stets mit einem sicherheitsorientierten Blick durch die Welt und vieles wurde mir auch erst im fortgeschrittenen Alter deutlich bewusst. Es gibt etliches von wohlmeinenden Fachleuten geschaffenes Werk, das im Vergleich zum gesellschaftlichen Nutzen unnötig viele Gefahren bringt. Stolperfallen in Trams oder auf Strassen farbig markierte Velowege, die an gefährlichen Orten dann jeweils ins Leere führen, gehören ebenfalls dazu und gefährden Menschen. Ganz zu schweigen von den absolut sinnlosen Elektro-Trottinetts. Überhaupt sind schnell verkehrende Fahrzeuge gefährlich für Insassen und Umwelt. Deshalb bin ich für Tempo 30 in Städten; allfällige Behinderungen des öffentlichen Verkehrs sind meines Erachtens im Verhältnis zum Sicherheitsgewinn durchaus verkraftbar.


In Ihrem Aufsatz fordern Sie unter anderem eine Lehrveranstaltung zu Thema «Safety Engineering». In welchen Bereichen können die Akteure der Planungsbranche oder Entwurfsgrundsätze wie das Universelle Design dazu beitragen, das Unfallrisiko im Alltag zu verringern?

Meine Forderung hat mehrere Ziele. Primär sollen künftig Planende für das Thema Sicherheit sensibilisiert werden; beispielsweise, indem «Safety Engineering» als Lehrveranstaltung in den Studiengängen des Bauingenieurwesens und der Architektur unterrichtet wird. Darüber hinaus sollten in diesen Studiengängen «Safety Engineers» – oder «Safety Architects» – ausgebildet werden, die den Querschnitt zwischen all den Spezialdisziplinen beobachten, beraten und helfen, wo es nötig ist. Letztlich braucht es Fachleute, die direkt der Bauherrschaft unterstellt sind und diese mit ihrem Blick auf die Sicherheitsaspekte des Vorhabens beraten können.

Der Mehrwert der Ausbildung und Aktivität solcher Fachleute scheint mir sehr hoch. Denken Sie nur an den Grossbrand am Londoner Grenfell Tower vor sechs Jahren. Dort waren sich sowohl die Bauherrschaft als auch die Planenden zu wenig bewusst, welche Risiken ein Fassadenbrand darstellt. Eine integrale Sicherheitsbetrachtung bei der Planung hätte das rchterliche Ereignis sicher verhindern können. Auch wenn ich mich wiederhole: Planende müssen lernen, Gefährdungen wahrzunehmen. Die Liste der Gefährdungsbilder ist lang und es braucht stets die Frage, was wäre, wenn ein bestimmtes Ereignis eintritt. Entsprechende Antworten liefern geeignete Massnahmen. Das alles braucht auch Fantasie und gelingt nicht, wenn jede Fachdisziplin den Fokus auf ihr eigenes Metier legt.

Universelles Design geht aufgrund der integralen Sichtweise in eine ähnliche Richtung wie «Safety Engineering», hat aber eher mit Nutzbarkeit zu tun. Am wichtigsten scheint mir, dass Menschen aus unterschiedlichen Metiers bei solchen Themen zusammenarbeiten. Was ein Austausch unter verschiedenen Disziplinen bewirkt, konnte man bei der grundlegenden Revision der Brandschutznormen in Bezug auf den Holzbau beobachten. Seither werden Baumaterialien nicht länger in brennbare und nicht brennbare Stoffe eingeteilt, sondern nach ihrem Brandverhalten und ihrer Feuerwiderstandsdauer klassifiziert. Dies ermöglicht nun, mit Holz in die Höhe zu bauen. Welch ein Fortschritt – nicht nur aus Sicht eines ehemaligen Zimmermann-Lehrlings!

Prof. em. Dr. h.c. Jörg Schneider (*1934 in Köln) war von 1967 bis 1999 Professor für Baustatik und Konstruktion an der ETH Zürich und betreute in der Lehre und Forschung auch die Themen Risiko und Sicherheit. In den Jahren 1993 bis 1999 führte er die Expertengruppe Sicherheit, die die Projektleitungen bei der Planung der Eisenbahn-Alpentransversalen am Gotthard und am Lötschberg in Fragen der Personensicherheit beriet.