Weitblick und Symbolkraft
Energiezentrale kenova
Die neue kenova-Energiezentrale verkörpert ein umfassendes Verständnis von Nachhaltigkeit. Funktion, Lage, Volumetrie, Formensprache, Material und Kunst verdichten sich zu einem starken Sinnbild.
Die Kulturlandschaft entlang der Aare zwischen Brienzersee und Rhein trägt die Spuren einer jahrhundertealten Geschichte. Zwischen Biel und Koblenz erscheint sie als sorgsam gepflegtes, für das Schweizer Mittelland typisches Mosaik, in dem sich Alt und Neu, Siedlung und Landschaft, Natur und Infrastruktur verzahnen und überlagern. An manchen Fugen prallen Gegensätze aufeinander. Unterschiedlichste Nutzungen haben die Ebene geformt und wandeln sich selbst kontinuierlich weiter; zwischen den träge mäandrierenden Gewässern und den steil aufragenden Jurahöhen sind freie Flächen knapp, nichts bleibt auf die Dauer unberührt, nichts lange dem Zufall überlassen.
Hier zu bauen, bedeutet, weiterzubauen. Im heterogenen Kontext dieser Agglomeration, in dieser auf den ersten Blick planlos zersiedelten Landschaft, in der manches undefiniert und vieles mehrdeutig ist, gibt es wenige Elemente, die prägend genug sind, um Orte mit klarer Identität zu schaffen. Dazu gehören – neben Hügelzügen, Gewässern und Wäldern – die mittelalterlichen Altstädte, die Dorfkerne und, seit wenigen Generationen, die grossen Industrie- und Infrastrukturbauten der Neuzeit.
Menschenwerk in der Landschaft
Auch die Energiezentrale der kenova in Zuchwil gehört zu jenen Bauten, die schon aufgrund ihrer Dimensionen die Umgebung prägen. Das skulpturale Bauwerk ist 130 m lang und 110 m breit, mit mehrheitlich geschlossenen Beton- und Photovoltaikfassaden und einem rechteckigen Kamin, der den Turm der Kathedrale von Solothurn mühelos überragt. Hinzu kommt, dass der Neubau an exponierter Lage steht: Von den höher gelegenen Dörfern nördlich der Aare und von den Hügelzügen des Jura blickt man auf ihn hinunter; in unmittelbarer Nähe, von der Kantonsstrasse und der Bahnlinie, schaut man auf ihn hinauf; die Spazierwege entlang der grünen Ufer von Aare und Emme und geben die Sicht auf den Koloss frei, der die Landzunge am Zusammenfluss der beiden Ströme dominiert.
Der Kontrast zwischen der kleinräumigen Idylle am Flussufer und der Energiezentrale könnte kaum grösser sein. Und doch sind beide Menschenwerk, gestaltet und kontrolliert. Diesen Gegensatz zwischen Natur und Technik, der sowohl real als auch konstruiert ist, macht der Neubau zum Thema. Wie eine Land-Art-Intervention verzahnt er sich mit der Umgebung, wächst in seiner Künstlichkeit darüber hinaus und markiert die Unverwechselbarkeit des Orts. Mit seiner prägnanten Form, seiner ausgewogenen volumetrischen Komposition und seiner feinmassstäblichen Materialisierung fügt er sich in die Landschaft ein, ohne seine Grösse und Funktion zu verleugnen.
Genius Loci
Aus der Ferne betrachtet sorgen Höhe und Kompaktheit der Energiezentrale für einen Akzent, der die historische Reihe der Industriebauten entlang der beiden Flüsse fortführt. Die Nahwirkung ist differenziert: Der Beton des monumentalen Sockels ist fein und glatt, die darin integrierten Bänder aus Jurakalkstein unterstreichen den lokalen Bezug und markieren den menschlichen Massstab, und auch im Inneren sind alle Bereiche, die Menschen betreten, mit Sorgfalt und Liebe zum Detail gestaltet.
Der Neubau wirkt nüchtern und abstrakt, verharmlost nichts und biedert sich in keiner Weise an; dennoch gelingt es ihm, den Genius Loci dieser seit jeher besiedelten und überformten Landschaft zu stärken – und damit einen weiteren Grundstein für deren nachhaltige Entwicklung zu legen.
In einem umfassenden Sinne nachhaltig ist nicht nur die Wirkung im Kontext von Topografie und Siedlungsstruktur, sondern auch der unmittelbaren Umgebung. Dies beginnt mit der Platzierung und Gestaltung der Anlage: Die Kompaktheit des Volumens ermöglicht es, den Fussabdruck zu verkleinern und grossen Teil des Grundstücks freizuspielen. Dieser strategisch kluge Umgang mit dem Boden ist eine Voraussetzung für die nachhaltige Weiterentwicklung des gesamten Standorts.
Relevanz und Repräsentation
Doch die Energiezentrale ist nicht nur wegen ihrer unmittelbaren physischen Präsenz von Bedeutung, sie prägt den Ort auch durch ihre gesellschaftliche Relevanz. Die Anlage verwertet die brennbaren Siedlungsabfälle von über einer halben Million Menschen aus 178 Gemeinden. Darüber hinaus ist sie der grösste Stromproduzent der Region und erzeugt schweizweit am meisten elektrische Energie aus dem zugeführten Kehricht (vgl. «Mehr als ein heisser Ofen»). Vor allem aber ist sie das Werk einer Trägerschaft, zu deren Aktionären 131 Gemeinden gehören: Sie ist ein öffentliches Infrastrukturbauwerk und erfüllt einen gesamtgesellschaftlichen Auftrag.
Aus diesem Grund bestand die architektonische Aufgabe für den Neubau nicht nur darin, komplexe technische Prozesse zu einem räumlichen Gebilde zu fügen und in eine Grossform zu übersetzen, die in der Aarelandschaft entlang des Jurabogens als Landmarke zu bestehen vermag. Auch im gesellschaftlichen Kontext erlangt die Anlage mehr Sichtbarkeit als ihre Vorgängerin, indem sie ihre Funktion – Kehrichtverwertung und Energieproduktion – nicht nur erfüllt, sondern auch deren Sinnhaftigkeit gegenüber einer breiten Öffentlichkeit selbstbewusst zum Ausdruck bringt.
Verschmutzung, Verbrennung, Verwertung
Dieser Anspruch auf Repräsentation und Vermittlung ist bei öffentlichen Bauten zwar meist impliziert, stellt im besonderen Fall von Kehrichtverwertungsanlagen jedoch ein junges Phänomen dar. Der Bautyp selbst ist erst zwei Generationen alt: Auf die sorglos angelegten Mülldeponien der Nachkriegszeit folgte in den 1960er-Jahren die Einsicht, dass der Boden zu kostbar und das Grundwasser zu wertvoll ist, um verschmutzt zu werden.
Landauf, landab errichtete man erste Kehrichtverbrennungsanlagen, deren Abwärme benachbarte Industrien oder das Fernwärmenetz angrenzender Siedlungen versorgte. Doch diese Bauten dienten vor allem dazu, die Kehrseite der Wegwerfgesellschaft zum Verschwinden zu bringen: Sie waren funktional und effizient, zuweilen sorgfältig gestaltet, aber nichts, worauf die Gesellschaft mit besonderem Stolz blickte.
Dies begann sich erst in neuester Zeit zu ändern. Wegen des Bevölkerungswachstums und des gestiegenen Pro-Kopf-Konsums hatte sich die Menge der jährlich in der Schweiz anfallenden Siedlungsabfälle in fünf Jahrzehnten verdreifacht; heute beträgt sie sechs Millionen Tonnen jährlich. Die im gleichen Zeitraum ebenfalls gestiegene Recyclingquote – gut die Hälfte des Abfalls wird heute rezykliert – vermochte das Auftürmen der Müllberge zu verlangsamen, aber nicht aufzuhalten.
Die Wegwerfgesellschaft kam immer weniger umhin, sich mit den Folgen ihres Tuns auseinanderzusetzen. Gleichzeitig stieg das Bewusstsein für die Beschränktheit natürlicher Ressourcen. Die Erdölkrise 1973, das wachsende ökologische Bewusstsein, die politisch breit geforderte Energiewende und in jüngster Zeit die immer einschneidenderen Folgen der Erderwärmung bewirkten ein Umdenken.
Zwei Drittel der nicht rezyklierten Siedlungsabfälle sind brennbar und dienen als direkte Energiequelle zur Strom- oder Wärmeerzeugung. Kehrichtverwertungsanlagen tragen knapp 3 % zur Deckung des schweizerischen Gesamtenergieverbrauchs bei. Gemäss Energiestrategie des Bundes bis 2050 sollen sie dies in Zukunft dank CCS-Technologie (Carbon Capture and Storage) CO₂-neutral tun.
Nachhaltigkeit als Funktion und Botschaft
Der kenova-Neubau steht exemplarisch für die sowohl technisch als auch politisch neue Rolle, die Kehrichtverwertungsanlagen in neuester Zeit übernehmen. In einem weitgehend deindustrialisierten Land, dessen Wirtschaft auf dem tertiären Sektor basiert, gehören diese Anlagen zu den wenigen wirklich grossen industriellen Infrastrukturen. Als solche haben sie die gesellschaftlichen Anforderungen an eine nachhaltige, auf den Grundsätzen der Kreislaufwirtschaft basierende Produktion zu erfüllen.
Dazu gehört nicht nur ein ökologisch und ökonomisch nachhaltiger, effizienter Betrieb, sondern auch ein Mehrwert an «sauberer», klimaneutral produzierter Energie. Die Aufrüstung der riesigen Dach- und Fassadenflächen mit Photovoltaik ist heute Standard; die PV-Fassadenanlage der kenova-Prozesshalle ist mit 5400 m² eine der grössten der Welt, hinzu kommen 850 m² auf dem Dach.
Zur neuen gesellschaftlichen Rolle dieser letzten Industrie-Giganten gehört auch die Vermittlung: Je emissionsfreier – diskreter – der Abfall zum Verschwinden gebracht und je mehr aus seinen Rückständen rezykliert wird, desto deutlicher gilt es, den Wert dieser kollektiven Leistung darzustellen. Das Angebot an öffentlichen Führungen steigt, die kenova finanziert zudem den Umweltunterricht «Abfall und Konsum» für die Schulen in ihrem Einzugsgebiet.
Eine einst an den Rand der Wahrnehmung gedrängte Industrie verschafft sich Sichtbarkeit, sozial mit ihrer Botschaft und räumlich mit immer grösseren Bauten. Weil sie von wachsenden Siedlungen eingeholt wird, integriert sie sich so gut wie möglich in deren Struktur, zumindest in Bezug auf die Freiräume. Nach dem Rückbau der alten kenova-Anlage sollen gemäss dem Entwurf des Landschaftsplaners Maurus Schifferli neue Wegverbindungen für den Langsamverkehr, eine allmählich zum Wäldchen verwildernde Baumallee und wo möglich auch unversiegelte Nutzflächen entstehen.
Symbolkraft in allen Massstäben
Die Architektur der kenova-Energiezentrale versinnbildlicht die technischen Abläufe, aber auch die kulturelle und gesellschaftliche Relevanz der Anlage. Ihre expressive Grossform lässt eine Gliederung in technische Komponenten erahnen, ohne Einzelheiten preiszugeben; prägend im Ausdruck, aber flexibel in der Konstruktion, kann sie künftige technische Anpassungen integrieren.
Der Neubau ist überwältigend gross und hermetisch, aber auch schön proportioniert und feinfühlig gestaltet; undurchschaubar und direkt zugleich verkörpert er die zumindest für Laien unfassbare Komplexität der Prozesse, die im Innern stattfinden, und deren gesamtgesellschaftlichen Nutzen. Die Architektur ist aus funktionalen und technischen Zusammenhängen, aber auch aus deren übergeordneter Bedeutung heraus entwickelt. Sie bringt das Innere in eine räumliche Logik und umhüllt es, um seine Sinnhaftigkeit umso deutlicher zum Ausdruck zu bringen.
Ein stolzer Fremdling, ein sanfter Koloss, ein hoch effizienter Werkplatz, ein Monument – die Energiezentrale bildet ein in jeder Hinsicht vielschichtiges Ganzes, das sinnbildlich für ein übergeordnetes Verständnis von Nachhaltigkeit an der Schnittstelle von Agglomeration und Kulturlandschaft steht. Diese Sinnbildlichkeit wird wiederum nochmals durch ein Werk des Künstlers Ólafur Elíasson versinnbildlicht: Ein eigens für diesen Ort entworfener Ring aus Zink – ein Nebenprodukt der Abfallverwertung, das hier auf edelste Weise «rezykliert» und künstlerisch überhöht wird – rahmt die Aussicht in die umgebende Landschaft ein. Der Kreis schliesst sich.