Sinn­fäl­li­ge Gross­form

Die expressive Gestalt des kenova-Neubaus bringt die technischen Prozesse in ihrem Innern zum Ausdruck – nicht als direktes Abbild, sondern als symbolische Form, die das Wesen dieser Wirklichkeit vermittelt. Betrachtungen zu einer ganz besonderen architektonischen Aufgabe.

Publikationsdatum
24-06-2026

Industrielle Grossanlagen faszinieren. Sie sind unübersehbar gross und ohne Bezug zum menschlichen Massstab. Und sie wirken fremd, weil sie eigenen Gesetzen folgen, die Laien ebenso zwingend wie undurchschaubar erscheinen. Bei Kehrichtverwertungsanlagen kommt hinzu, dass sie im Dienst der Allgemeinheit stehen und von dieser finanziert werden: Nicht nur ihre Grösse macht sie zu Monumenten, sondern auch ihre Bedeutung. Es sind öffentliche Bauten, nicht für Menschen gemacht, sondern für deren unerwünschte Hinterlassenschaften. So sind sie mahnende Zeugen unserer Konsum­gesellschaft.

Maschine und Shed

In den frühen 1970er-Jahren gestaltete der Architekt Pierre Zoelly die KVA Niederurnen als grosse Maschine. Indem der Bau die verschiedenen Aggregate von Kehrichtbunker, Ofenanlage und Rauch­gas­reinigung mehr oder weniger offen zur Schau stellte, brachte er den aufwendigen Prozess der Kehrichtverbrennung unmittelbar zum Ausdruck. Heute wäre dies undenkbar. Die modernen Maschinen werden von so komplizierten Installationen umgeben, dass sie einen geschützten Raum verlangen. Es überrascht daher nicht, dass die meisten neueren Anlagen dem Prinzip eines einfachen Shed folgen. Was dies in letzter Konsequenz bedeutet, demonstrierten Zoelly Rüegger Hollenstein Architekten und AXXYZ Engineering bereits in den 1990er-Jahren: Ihr Musterentwurf für Von Roll bestand im Wesentlichen aus einer gewaltigen Box. Um die öffentliche Bedeutung des Baus zu artikulieren, schlugen sie unter anderem vor, die gewaltigen Wandflächen für Kunst zu nutzen.¹

Das Planungsteam von Penzel Valier hat mit dem kenova-Neubau in Zuchwil einen Weg eingeschlagen, der zwischen den Extremen eines mehr oder weniger dekorierten Schuppens und einer expressiven «Zufallsarchitektur»2 vermittelt. Die neue Energiezentrale hat eine prägnante Gestalt, die als symbolische Form der gegebenen Aufgabe Ausdruck verleiht, ohne sie wörtlich abzubilden.

Expressive Gestalt

Die kompakte Disposition mit erhöhter seitlicher Anlieferung und ebenfalls seitlich an die Ofenlinien anschliessenden Flugaschewäsche, Abwasserreinigung und Rückkühlung folgt den Gegebenheiten des knapp bemessenen Grundstücks mit hohem Grundwasserspiegel. Der Einsatz von massivem Beton für die Abfallbunker und den Sockelbereich, wo sich viel Chemie und die Energiezentrale mit ihrer Turbine befinden, wirkt ebenso plausibel wie die leichte, geschichtete Konstruktion der Prozesshalle, die die Öfen und Filteranlagen vor Witterung schützt. Die Halle tritt als gigantische Box in Erscheinung, die ihre schöne Proportion auch auf den Jurahöhen noch zu erkennen gibt. Sie liegt so auf dem Betonkörper auf, dass sie geradezu in diesen eingebettet zu sein scheint. Das Ganze wirkt deshalb nicht als Gefüge, sondern als Organismus, der über markante Auskragungen in seine Umgebung ausgreift und mit ihr interagiert. 

Eine gewisse Plastizität ist charakteristisch für Kehrichtverarbeitungsanlagen. Der Kran, der den Abfall bewegt, muss aus dem Bunker herausfahren können, um die gigantischen Greifer austauschen zu können. Das Thema der entsprechenden Auskragungen wird in Zuchwil zum Leitmotiv des Baus. Auf der Südseite des Bunkers befindet sich die erwähnte Revisionsöffnung. Auf der Nordseite kragt die Leitzentrale mit dem Arbeitsplatz der Kranführer aus, integriert die Greiferrevision und bildet gleichzeitig das Vordach für die Anlieferung. Seitlich der Ofenlinien gibt es nockenartige Ausstülpungen, aus denen die Schlacke in Container verfüllt und schliesslich auf Lastwagen verladen wird. 

Die markantesten Auskragungen befinden sich aber auf der Nordseite, an der sich die Kondensationsanlage weit in die Horizontale über den Bereich der Eingangskontrolle reckt, während an der Südseite ein Turm aus dem Baukörper herauswächst, in dem sich die Kamine und Kühlluftfassungen befinden, der aber auch begehbar ist und zuoberst aus einem Belvedere eine grossartige Aussicht über die Landschaft gewährt. Besonders hier auf der Westseite sehen, ja fühlen wir geradezu eine Bewegung, die vom Ausgreifen des Gebäudes ausgeht und in der Vertikalen des Turms endet – genau in der Dampffahne, die diesem entsteigt.

Der Kreis schliesst sich

Die weite Auskragung im Norden erinnert an Ladekrane, wie man sie in Hafenanlagen findet. Dass das Löschen der Kehrichtwagen in Wirklichkeit nicht dort und überhaupt nicht über einen Kran erfolgt, spielt keine Rolle. Auch nicht, dass die Rauchgasrohre nicht exakt dort in den Kamin einmünden, wo der Turm aus dem Baukörper wächst. Wir sehen nicht die technische Wirklichkeit, sondern eine symbolische Form, die das Wesen dieser Wirklichkeit zum Ausdruck bringt. Während uns die komplizierte Technik als faszinierende, aber letztlich rätselhafte Erscheinung entgegenträte, glauben wir hier etwas klar und deutlich zu erkennen: ein gewaltiges Gebilde, das in seine Umgebung ausgreift, um etwas aufzunehmen und in einer Blackbox zu verarbeiten – und letztlich nicht mehr als weissen Dampf ausstösst. 

Wer sich mit dem tatsächlichen Ablauf der Dinge vertraut macht, freut sich, dass die Prozesse dort ihren Anfang nehmen, wo sie zu Ende kommen. Wie beim Kunstwerk von Ólafur Elíasson im Sitzungsraum schliesst sich ein Kreis. Der Eingang zum Verwaltungsgebäude befindet sich unter den Kondensatoren, in denen schliesslich der in der Turbine entspannte Dampf wieder zu Wasser kondensiert, nachdem die Energie des Abfalls über den Zwischenschritt des Feuers in Elektrizität umgewandelt worden ist. Das Kreisen und Summen der gewaltigen Ventilatoren hoch über den Köpfen dramatisiert zugleich den Auftakt wie auch den Endpunkt der Anlage. Es ist ein Ort wie aus einem Film.

Angemessene Tonart

Dies alles lässt an den Konstruktivismus denken, wie ihn der russische Architekt Jakow Tschernichow beschrieben hatte.3 Tschernichow, bekannt für seine spektakulären Architekturfantasien, schlug 1931 vor, von den Maschinen zu lernen. Diese beeindrucken und berühren uns, weil ihre Gestalten die waltenden Kräfte und Bewegungen unmittel­bar zum Ausdruck bringen. Tschernichow war sich allerdings bewusst, dass sich die Formen der Dynamik nicht einfach auf Architektur übertragen lassen und dass die statischen Gebäude eigenen Gesetzen folgen. Es ging ihm auch nicht um eine Übernahme der Gesetzmässigkeiten der Technik im Sinne eines platten Funktionalismus. 

Vielmehr interessierte er sich für die expressiven Wirkungen der Maschinenformen wie Widerständigkeit, Schwere oder Dynamik. Er schrieb von einer «Melodie» oder «Tonart» der Konstruktionen,4 von der man lernen könne, Gebäuden einen angemessenen Ausdruck zu verleihen. Dass dabei die Gestalt den Gegebenheiten von Funktion und Technik nicht widersprechen darf, versteht sich. «Wir müssen beweisen, dass die vorgeschlagene Kon­struktion richtig und dem jeweiligen Fall angemessen ist»,5 forderte er, wobei er den Begriff Kon­st­ruktion nicht in einem technischen, sondern in einem weit umfassenderen Sinn von Zusammenstellung, Komposition und überhaupt von Gestaltung brauchte. 

«Richtig» ist die kenova, indem sie die funktionalen Anforderungen bis hin zur spät im Planungs­prozess dazugekommenen Luftkondensationsan­lage effizient erfüllt und durch die Kombination eines Beton-Massivbaus mit einem Leichtbau aus Stahl und Holz zweckdienliche Mittel einsetzt. «Angemessen» ist sie in ihrer figuralen Gestalt, die schwer zwischen Strasse, Bahnanschluss und Emme lagert, aber mittels eines für die Bauaufgabe charakteristischen Motivs aktiv in die Landschaft ausgreift und dabei 
die innere Spannung und Dynamik der unaufhörlich laufenden Maschine fühlbar macht.

Nobilitierung

Die bis ins Detail sorgfältige Ausgestaltung des Baus vermittelt geschickt zwischen den Massstäben des Ganzen und des Einzelnen. So schreibt der Raster der überbreiten Fugen das Mass des Menschen in die schwarzblau schimmernde Hülle der gigantischen Box, indem er das Standardformat der Solarpaneele nachzeichnet, das auf deren händische Montage abgestimmt ist. Die offene Verglasung der Fuge zum Betonsockel nimmt dieses Mass auf, allerdings versetzt, sodass bekräftigt wird, dass es hier nicht um das Tragen, sondern um das Bekleiden geht. Dementsprechend zeigt sich die Hülle an den Ecken und Rändern in ihrer Schichtung.

Im Beton zeichnen die Bundlöcher zusammen mit den kräftigen Schattenfugen das Bild einer klassischen Schalung. Horizontale Bänder aus Jurakalk artikulieren die Arbeitsetappen und gliedern die riesigen Flächen im vertrauten Mass üblicher Gewerbegeschosse. Diese Dekoration ist unmittelbar aus dem Wesen des Betonierens entwickelt, selbst wenn sie nur zum Teil den Bauprozess nachzeichnet. Sie ist dabei ausserordentlich leistungsfähig: Sie kaschiert die Arbeits- und Schalungsfugen, setzt einen Massstab und ist nicht zuletzt ein Schmuck, der für Laien sinnlich wirksam wird und für Kenner überdies auf die Architekturgeschichte verweist. 

Louis Kahn entwickelte dieses Vokabular einst für das Parlamentsgebäude von Dhaka und hob damit den Baukomplex aus allen anderen heraus. Auch in Zuchwil nobilitiert es die Anlage und unterstreicht deren Bedeutung als öffentlicher Bau. Dass der Kalkstein vom lokalen Solothurner Steinbruch stammt, der inzwischen geschlossen ist, schafft einen Bezug zu den traditionellen Bauten der Um­gebung und zu den Jurahöhen im Hintergrund.

Grau und Silber

Derselbe Stein wird auch in den Räumen der Verwaltung eingesetzt, als Bodenbelag und als Sockel für den mächtigen Konferenztisch im Verwaltungsratszimmer. Ansonsten bestimmen hier Eschenholz – an den Wänden grau gebeizt – das Glas der Trennwände, das Aluminium der Kühllamellen und das Grau des Betons die reduzierte Farb- und Materialpalette. Die freigespielte Wand im Haupttreppenhaus wurde angeschliffen, sodass hier die Materialität des Recyclingbetons zum Tragen kommt und seine Ziegelkomponenten dem Licht einen warmen Grundton verleihen. Alle Arbeitsräume orientieren sich nach Westen, in Richtung Solothurn. So hat selbst die Leitzentrale eine schöne Aussicht auf die ferne Kathedrale. Auch die Arbeitsplätze der Kranführer profitieren von Tageslicht, das sogar von oben in die Bunker fällt. 

Die kontrollierte, reduzierte Farbigkeit erstreckt sich auf den ganzen Bau. In den Maschinenhallen dominiert das Schimmern von Aluminium und feuerverzinktem Stahl, dazu kommen Anstriche in einheitlichem Grau und sichtbarer Beton. Nur vereinzelt setzt das Feuerrot von Kranen und Lösch­posten Akzente. Als Folge dieser Tönung in Grau und Silber finden Gebäude und Installationen zusammen. Die Eingeweide des Baus sind zwar unübersehbar kompliziert, erscheinen aber als Teil eines gewaltigen Organismus mit Knochen, Häuten und Innereien – womit wir wieder bei der figuralen Ganzheit wären, als die sich der Bau von aussen zeigt.

Höhe- oder Endpunkt?

Es könnte sein, dass der kenova-Neubau, in dem sich die Maschinenästhetik von Jakow Tschernichow und die Monumentalität von Louis Kahn auf eine so verblüffende Weise berühren, einen Höhe-, aber auch einen Endpunkt der Entwicklung von Kehrichtverwertungsanlagen mit prägnanter Gestalt markiert. Entsprechende Anlagen werden immer komplexer und es kommen immer neue optionale Komponenten hinzu, aktuell zum Beispiel für das Abscheiden von CO2 oder für Zusatzanlagen der Energiespeicherung. Dies führt bei neuen Projekten zu einer Modularisierung, die sich kaum noch in einer einzigen Grossform bändigen lässt.6 Ausdrucksstarke Lösungen, die der Bedeutung der Bauaufgabe gerecht werden, schliesst dies selbstverständlich nicht aus. Auch in Zukunft werden gut gestaltete Kehrichtverwertungsanlagen wie die kenova in Zuchwil die gewaltigen Anstrengungen verkörpern, die nötig sind, uns von den Sorgen unserer Hinterlassenschaften zu entlasten und gleichzeitig diese öffentliche Aufgabe zu repräsentieren.

Textanmerkungen

1 «Art Collection», in: archithese 3/1995 «Entsorgungsbauten», S. 32 f.
2 Pierre Zoelly, «Architektur der Notwendigkeit», in: Das Werk, 6/1970, S. 369-372.
3 Jakow Tschernichow (Jakov G. Černichov): Konstruktion der Architektur und Maschinenformen, Basel 1991 (Leningrad 1931).
4 Id. S. 66 ff.
5 Id., S. 87.
6 Vgl. Hochparterre Themenheft, Dezember 2025 «Giganten des Abfalls».

 

Projektbeteiligte 
Kehrichtverwertungs­anlage und Energiezentrale Emmenspitz, Zuchwil


Gesamtplanung

Gesamtprojektleitung, Oberbauleitung, Haupt­inbetriebnahmeleitung: TBF + Partner, Zürich

Gesamtleitung Bunker, Kesselgebäude, Energie­zentrale, Fluwa-Gebäude, Rückbau Altanlage: TBF + Partner, Zürich

Gesamtleitung Verwaltung und Umgebung: Penzel Valier, Zürich


Fachplanung

Architektur
Gestalterische Leitung Gesamtanlage: Penzel Valier, Zürich

 

Bauingenieurwesen
Tragwerk: Afry Schweiz, Zürich; Tiefbau: TBF + Partner, Zürich

 Bau- und Montageleitung
TBF + Partner, Zürich; S+B Baumanagement, Pratteln; I.C.E. AG, Wil

 

BIM-Management: TBF + Partner, Zürich

 

Gebäudetechnik
Gesamtleitung, Fachkoordination, Fachplanung Spezialgewerke und Gebäudeautomation: TBF + Partner, Zürich;
HLKK: Triair, Jona SG; Sanitär: Bösch Sanitär­ingenieure, Dietikon; Elektro Gebäude: Bering AG, Bern; Photovoltaik: sundesign photovoltaic engineering, Stallikon

 

Landschaftsarchitektur: Maurus Schifferli Landschaftsarchitekt, Bern

 

Spezialisten
Bauphysik: Gartenmann Engineering, Zürich; Sicherheits- und Brandschutzplanung: Hautle Anderegg 
und Partner, Ostermundigen / Urs Käser AG, Jegenstorf; Umweltplanung und Ersatzmassnahmen: TBF + Partner, Zürich; Verkehrsplanung und Logistik: TBF + Partner, Zürich

 

Verfahrenstechnik und EMSRL-T: TBF + Partner, Zürich


Kennzahlen

Geschossfläche: 44 000 m2


Gebäudevolumen: 410 000 m3


Brennbare Bau- und Siedlungsabfälle: über 1000 t pro Arbeitstag


Verwertung von 250 000 t Abfall p. a.


Bunkerkapazität: 12 000 t / 30 000 m3


Erzeugter Strom der Dampfturbine: 160 GWh pro Jahr


Die Dampfturbine rotiert mit mehr als 4000 Umdrehungen pro Minute. 


Der Generator besitzt eine Maximalleistung von 37 MW.


Die KVA erzeugt so viel Strom, dass der Bedarf von über 40 000 Haushalten abgedeckt werden kann.


Abwärme der KVA-internen Stromproduktion versorgt etwa 12 000 Gebäude.


Fernwärme: 120 GWh


Photovoltaik vertikale Gesamtfläche: 5400 m2


Photovoltaik Gesamtleistung (Fassade und Dach): 1.4 MWp


Beton: 56 000 m3


Anteil Recyclingbeton: ca. 60 %


Natursteinband Fassade: 3000 m


Holzunterkonstruktion Fassade Prozesshalle: 6000 m2


Holzunterkonstruktion Dach Prozesshalle: 2000 m2


Daten: Start Projektierung Gesamtplaner: 2015; Studienauftrag Architektur: 2016; Baubeginn: 2020; Bezug: 2025; Inbetriebnahme: 2025; Fertigstellung: 2028

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