Ein Haus für Bü­cher und Men­schen

Zwei einschneidende Entwicklungen prägen die grossen Städte in Europa: Das Sterben der Kaufhäuser und das Aufblühen der öffentlichen Bibliotheken. In Berlin bahnt sich eine Verknüpfung dieser beiden Themen an: In das Warenhaus Galeries Lafayette könnte bald die Zentral- und Landesbibliothek einziehen.

Publikationsdatum
06-12-2023

Während sich Ersteres gut erklären lässt – der Internethandel und das sinkende Ansehen des Konsums – ist es eine Überraschung, an wieviel Orten den Bibliotheken ein Paradigmenwechsel gelingt, der sie davor bewahrt, mitsamt den Büchern aus der Mitte der Gesellschaft zu verschwinden. Beispiele in Oslo, aber auch in Hamburg und Stuttgart zeigen, wie sich Bibliotheken als Ort der Partizipation, des digitalen und analogen Austauschs, als erweitertes Arbeitszimmer, als «Dritter Ort» aktivierend auf eine Stadtgesellschaft auswirken können.

Kaufhaus: zuviel Architektur für den Konsum

In Berlin bahnt sich eine Verknüpfung dieser beiden Themen an. Mit dem Auslaufen des Mietvertrags Ende 2024 schliesst das französische Kaufhaus Galeries Lafayette seinen dortigen Standort. Das Gebäude wurde 2022 von dem einen Immobilienriesen einem an einen anderen, Tishman Speyer aus New York, verkauft. Das gläserne, geschwungene Gebäude, das Jean Nouvel, Emmanuel Cattani & Associés nach einem Wettbewerbsgewinn 1996 erstellten, zog von Anfang an die Blicke auf sich.

Das Kaufhaus belegt fünf Etagen, die sich um eine grosse offene Mitte fügen. Für die Ausstellungfläche der Ware ein Wermutstropfen, für die Orientierung und das Spiel von Sehen und Gesehenwerden allerdings eine Steilvorlage. Über zwei gegeneinandergestellte gläserne Trichter, die sich nach oben und unten verjüngen, gelangt Tageslicht tief ins Innere des Blocks, auch in die vier Untergeschosse. Weitere Oberlichter prägen die Bürolandschaft im Dachgeschoss.

Während das Kaufhaus die Durchblicke nach und nach verbarrikadierte, könnte das Potenzial der Öffnung nach innen und in den Strassenraum für eine Bibliothek von Vorteil sein. Die verhältnismässig grosse Verkehrsfläche könnte als Begegnungszone eine sinnvolle Rolle spielen.

Bibliothek: zu wenig Platz für Bücher

An einem anderen Schauplatz spitzen sich derweil die Raumprobleme zu: die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB), die sich auf zwei Häuser im ehemaligen Osten und Westen der Stadt verteilt, bemüht sich seit langem um einen Neubau. Als Stiftung des öffentlichen Rechts ist es ihre Aufgabe, «allen Menschen einen freien Zugang zu Wissen, Bildung und Kultur» zu ermöglichen.

Seit 2019 überprüfen städtebauliche Machbarkeitsstudien eine Erweiterung der Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg, die als einer der beiden Standorte dient. Eine Vielzahl von Anforderungen hinsichtlich Verkehrsführung, Denkmalschutz und Erhaltung von Grünflächen haben einen plausiblen Ansatz bislang verzögert.

Im Auftrag des Senats für Kultur prüft nun das Berliner Immobilienmanagement die Möglichkeit, mit der LZB in den Bau von Jean Nouvel zu einzuziehen. Die rund 35.500 Quadratmeter bieten genügend Platz für die öffentlichen Räume und die zugehörige Verwaltung – für die Archive müssten allerdings weiter die ausserhalb angemieteten Depots herhalten.

Nachdem der Berliner Senat in den vergangenen Jahrzehnten viel Geld für wissenschaftlichen Bibliotheken ausgegeben hat («Rostlaube» von Norman Foster, für die Freie Universität Berlin, Umbau der Staatsbibliothek in der Humboldt Universität durch H.G. Merz, u.a.), um damit den Exzellenz-Standort zu stützen, wäre es ein wichtiger Schritt, in einen Ort der Begegnung und des Wissenstransfers zu investieren, der ausdrücklich allen Menschen offensteht. Inhaltlich ist diese Idee im Sinne der Förderung einer demokratischen Stadtgesellschaft unbestritten. Auch die Vorteile, die die Umnutzung einer bestehenden, bekannten Immobilie hinsichtlich eines energiesparenden und weniger zeitintensiven Bauablaufs bietet, liegen auf der Hand.

Bleiben die Kosten. Nachdem der jetzige Besitzer noch im letzten Jahr 300 Mio € für das Gebäude bezahlt hat, wird eine Miete oder der Kauf durch das Land Berlin den Haushalt stark belasten. Im Raum steht eine erste unverhandelte Kaufsumme von 590 Millionen Euro inklusive Umbau. Ein Neubau wäre sicher nicht günstiger zu haben. Allein der Symbolgehalt dieser Umnutzung ist Gold wert: eine Wiederbelebung des beliebten Gebäudes aus französischer Hand, das möglichst rund um die Uhr geöffnet ist, noch dazu ohne Konsumzwang.

Mehr als Bücher

Zuletzt haben rund 1.5 Millionen Nutzende die LZB besucht (jüngste Zahlen von 2019). Stellt man sich diese Frequenz in der zentral gelegenen, gut angebundenen Friedrichstrasse vor, dürfte das auch die städtebauliche Attraktivität des Quartiers erhöhen. In Oslo umfasst die Deichmannsche Bibliothek ein Kino, einen Gaming-Bereich und auch Werkstätten. Angebote, die in Berlin eine bunte Mischung von Nutzenden zumindest schon mal in die Nähe von Büchern locken würde. Und in Erinnerung an die französische Feinkostabteilung im Lafayette wäre ein Crêpes-Stand keine schlechte Idee – ob im Haus oder auf der Strasse.  

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