Di­gi­ta­le Stra­te­gien auf Bun­des­ebe­ne: Der ers­te Schritt ist ge­tan

Mit dem Programm BIM@SBB zeigen die Schweizerischen Bundesbahnen Pioniergeist bei der digitalen Transformation. Was steckt hinter dieser Ambition?

Publikationsdatum
22-08-2019

Nach Elektrifizierung, Automatisierung und Taktfahrplan steht den SBB mit der Digitalisierung ein nächster grosser Meilenstein bevor. Entgegen der allgemein spürbaren Nachhut rüsten sich die Bundesbahnen mit einem speziellen Programm für diesen Schritt: Mit BIM@SBB wollen sie in drei Etappen bis 2025 in die digitale Welt umsiedeln. Damit nimmt ein Ende 2017 gestartetes Projekt mit ersten Testanwendungen nun konkrete Gestalt an.

Die Programmziele gehen einher mit der bundesrätlich verabschiedeten Strategie «Digitale Schweiz», die mit dem zugehörigen Aktionsplan allen bundesnahen Betrieben eine Anwendung der BIM-Methode für Infrastrukturanlagen ab dem Jahr 2025 als Zielvorgabe setzt. Mit dem gestarteten Programm nehmen die SBB ihre im Aktionsplan vorgesehene Federführung wahr und erarbeiten sich schrittweise die nötigen ­digitalen Kompetenzen als Infrastruktureigentümer und -betreiber.

Weichenstellung in drei Phasen

BIM@SBB ist ursprünglich aus dem Programm «RailFit 20/30» entstanden. Es sieht vor, gezielt Innovationen zu fördern und die Produktivität bis ins Jahr 2030 merklich zu erhöhen. Die nun eingeleitete Digitalisierung kann zwar zunächst nur beschränkt dazu beitragen, langfristig erwarten die SBB daraus aber eine bedeutende Effizienz- und Qualitätssteigerung sowie eine erheb­liche Kosteneinsparung (vgl. Interview mit Andreas Brunner, BIM-Verantwortlicher bei den SBB).

Die Strategie der SBB sieht die Nutzen einer BIM-­Anwendung konkret in einer gesamthaft besseren ­Planungsqualität, einer höheren Termin- und Kostensicherheit, einem Effizienzgewinn durch weniger Informationsverluste an den Schnittstellen, einer erhöhten Akzeptanz (z.B. mit Visualisierungen bei der Öffentlichkeitsarbeit) und einer besseren Beherrschung der ­Lebenszykluskosten.

Die Implementierung erfolgt in drei Schritten: einer Initialisierung bis 2020, einer Standardisierung ab 2020 und einem Rollout ab 2023. Während der aktuellen Initialisierung führen die SBB gemeinsam mit externen Partnern Testanwendungen durch. Aus diesen werden die Datenanforderungen für die gegenständlichen Immobilien- und Infrastrukturanlagen definiert. Bei der anschlies­senden Standardisierung werden die Erkenntnisse der Initialisierungsphase konsolidiert und in Planungsstandards überführt. Im Zuge des Roll­outs wird BIM letztlich als unternehmensweite Methode entsprechend den Zielvorgaben des eingangs erwähnten Aktionsplans etabliert.

Weitere Beiträge der Heftreihe «Digital» in unserem E-Dossier BIM

Was kurz beschrieben überschaubar erscheint, bringt durchaus grosse technische, organisatorische und prozessuale Herausforderungen sowie weitreichende Veränderungen mit sich. Aktuell beschäftigen die SBB in den beiden Konzerneinheiten Immobilien und Infrastruktur zusammen über 10 000 Mitarbeitende. Die Division Immobilien ist eine der grössten Immobilienfirmen der Schweiz und zuständig für die nachhaltige Entwicklung von Bahnhöfen und angrenzenden Arealen.

Die Division Infrastruktur ist verantwortlich für die festen Anlagen der Bahn, darunter rund 7600 km Gleis, 6000 Brücken und 500 Tunnel. Zur Integration aller Anliegen haben die SBB als Erstes eine eigene Programmorganisation gebildet, das Vorhaben in Teilprojekte gegliedert und eine detaillierte Roadmap erarbeitet. Teil dieses Umsetzungsplans ist der aktuelle Initialisierungsschritt. Dabei werden bereits laufende Projekte testweise mit der BIM-Methode abgewickelt, künftige Daten- und Informationsstandards festgelegt, IT-Lösungen evaluiert, neue Prozesse und Richtlinien definiert und eine Wissenslandschaft aufgebaut.

Für die Umsetzung des Vorhabens setzen auch die SBB auf eine enge Zusammenarbeit mit sachkundigen Spezialisten (Planungsbüros), Interessenverbänden und Industriepartnern. Diese breite Abstützung und der Beizug externer Ressourcen haben ihren Grund: In der Initialisierungsphase werden alle wichtigen Weichen für den Umzug in die digitale Welt gestellt. Konkret bedeutet das für die SBB, dass sie in der kurzen Zeitspanne bis 2020 alle Grundlagen und Erkenntnisse für die anschliessende Standardisierung der BIM-Methode sammeln müssen. Dafür werden mehrere Dutzend ­Testanwendungen in verschiedenen Landesteilen und den Sprachregionen durchgeführt. Zugleich soll grundsätzlich definiert werden, welche Formen von digitalen Prozessen respektive der BIM-Planung für die SBB geeignet sind und in welcher Abstraktion eine Anwendung sinnvoll ist.

Infrastruktur 2.0

Mit BIM@SBB soll ein unternehmensweiter Standard entwickelt werden: So sind im Programm vor Kurzem die BIM-Initiativen, die zuvor in den beiden Divisionen Infrastruktur und Immobilien getrennt liefen, zusammengeführt worden. Zwar gelten gemäss dem Aktionsplan «Digitale Schweiz» andere Umsetzungsfristen für den Immobilien- als für den Infrastruktursektor, dennoch macht ein Zusammenspannen der beiden Divisionen aufgrund der Schnittstellen nicht nur Sinn, sondern stärkt auch die Betriebssicht des Programms und die Betreiberkompetenzen der SBB.

Zusammen mit BIM@SBB finden in naher Zukunft noch weitere Veränderungsprozesse bei den SBB statt. Im Rahmen des Projekts «Infrastruktur 2.0» organisiert sich die Division Infrastruktur ab Januar 2020 neu prozessorientiert entlang von elf Kernprozessen. Ebenfalls aus dem Programm «RailFit 20/30» entstanden, bietet diese Organisationsform die erforderlichen Voraussetzungen für die digitale Transformation. ­Folgerichtig werden auch die Testanwendungen von BIM@SBB bereits als «use cases» in der designierten Prozesslandschaft durchgeführt.

Standard ohne Grenzen

Neben dem Digitalisierungsvorhaben im eigenen Konzern engagieren sich die SBB auch in der Entwicklung weltweiter Digitalisierungsstandards für die Eisenbahnen IFC (Industry Foundation Class) Rail. Der IFC Rail umfasst die bahnspezifische Weiterentwicklung des gängigen und offenen Software-Austauschformats zur Beschreibung von Modellen für Infrastrukturbauwerke und soll dereinst zum Mass für die Planung, den Bau und den Unterhalt von Bahnanlagen werden.

Die Erarbeitung des IFC Rail für das Teilsystem Fahrbahn leiten die SBB gemeinsam mit China Rail. Die Beteiligung der SBB sichert nicht nur die zukünftige Interoperabilität des Schweizer Bahnsystems mit dem Ausland, sondern hat auch willkommene Nebenerscheinungen: Durch die leitende Funktion der SBB wird für den IFC Rail ein bedeutender Teil an bestehendem Schweizer Bahnwissen für die weltweite Vereinheitlichung übernommen.

Der grosse «Fahrplanwechsel» steht noch bevor

BIM@SBB wird nicht bloss unternehmensintern zu gros­sen Veränderungen führen, sondern auch in sämtlichen betroffenen Bereichen des Planungswesens. Zum einen werden künftig digitale Kompetenzen von den Auftragnehmern gefordert sein. Zum anderen werden sich aber auch die Prozesse bei der Aufsichtsbehörde verändern. So pflegen die SBB beispielsweise bezüglich künftiger Standardisierung und digitalen Plangenehmigungsverfahren einen Austausch mit dem Bundesamt für Verkehr.

Daneben sind die Schnittstellen gegenüber betroffenen Bundesämtern, weiteren Bahnverkehrs­unternehmen und den Kantonen zu bewirtschaften. Inwiefern diese jedoch mit BIM@SBB Schritt halten können, ist ungewiss – zumindest sind deren Digitalisierungsvorhaben ausser einer Handvoll Pilotprojekte kaum bekannt. Das macht den Top-down-Ansatz der SBB im Infrastrukturbereich einzigartig.

Aber auch für die SBB stehen noch weitere, interne Herausforderungen an – beispielsweise mit der Digitalisierung des Bestands und der Anlagendatenbank.

 

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