Die Äs­the­tik des Zu­sam­men­set­zens

Am Goldbachweg 20/22 im Wohnquartier Erlenmatt Ost in Basel realisierten EMI Architekt*innen ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnliches Mehrfamilienhaus in Holz. Das dort angewandte Design for Disassembly zeigt sich nicht nur in der Materialisierung, sondern beeinflusste auch Grundrisse, Detaillierung und Tragkonstruktion.

Publikationsdatum
16-06-2026
Tina Cieslik
Korrespondentin Architektur/Innenarchitektur espazium magazin

Am Anfang der Geschichte steht eine Halle. Als die Stiftung Habitat ab 2010 auf dem ehemaligen Güterbahnhof der Deutschen Bahn im Norden von Basel begann, Wohnhäuser mit Genossenschaften und anderen Trägerschaften zu entwickeln, gab es hier neben Gleisanlagen auch Bestandsbauten, darunter eine Halle mit markanten Pilzstützen. EMI Architekt*innen liessen sich davon für ihren Wettbewerbsbeitrag für das im Nordwesten des Quartiers gelegene Grundstück inspirieren. Ihr Entwurf sah die Wiederverwendung möglichst vieler Elemente der Halle vor. 

Doch noch während der Wettbewerbsphase – ein zweistufiger Studienauftrag auf Einladung – baute die Stiftung das ehemalige Weinlager von Coop zu Wohnungen um, ebenfalls in Basel und mit einem hohen Anteil an Re-Use. Gleich zwei solcher Vorhaben mit einer gewissen Unsicherheit in der Ausführung waren der Stiftung zu riskant und zu aufwendig in der Begleitung. Für EMI hiess das konzeptionell: Zurück auf Feld 1. 

Doch der Gedanke des sichtbaren Zusammenfügens einzelner Elemente blieb und wurde zum Leitmotiv des Projekts. Die Planerinnen und Planer übersetzten ihre Idee konstruktiv in einen Holzskelettbau – in einer Konsequenz, wie man sie in der Schweiz selten findet. Mit diesem für den Wohnungsbau eher unüblichen Vorschlag konnten sie 2022 den Studienauftrag für sich entscheiden.

Pilotprojekt Holzbau

Raum- und Tragstruktur des im April 2026 bezogenen Gebäudes sind getrennt. Das hölzerne Skelett hat vier Tragachsen mit Unterzügen in Längsrichtung. Sie liegen auf Stützen mit einer Gabelung auf, sodass jeweils Stütze auf Stütze steht. Mit Holzdübeln verbundene Brettstapelelemente überspannen die Deckenfelder, beschwert mit einer Schüttung. Auf verleimtes Holz wurde, wo möglich, verzichtet.

Erschlossen wird der rund 13.5 × 41 m grosse fünfgeschossige Bau durch zwei Treppenhäuser an der Hofseite im Osten. Normalerweise gewähren Treppenhauskerne aus Beton sowohl Erdbebensicherheit als auch Brandschutz. Aus Nachhaltigkeitsgründen, aber auch aus konstruktiver Neugierde heraus wünschten sich die Planerinnen und Planer jedoch ein Treppenhaus aus Holz statt aus Beton. Von der betonierten Decke des Untergeschosses abgesehen, gelang ihnen dies in Zusammenarbeit mit den Holzbauingenieuren von Pirmin Jung auch – trotz der hohen Anforderungen an die Erdbebensicherheit in Basel. 

Ein liegendes Fachwerk aus Kanthölzern, untergebracht in der Schüttungsebene der Geschossdecken, steift das Gebäude in der Horizontalen aus. Vier Fachwerkelemente in Ost-, Süd- und Nordfassade sorgen für die Biegesteifigkeit. Sie wurden in einem Stück angeliefert und als Ganzes in die Fassade eingesetzt (vgl. Abb. 1 – Bild vom Fachwerksträger und Abb. 4).

Beim Brandschutz jedoch musste man aus finanziellen Gründen Forfait geben. Unterzüge und Stützen aus Beton fassen nun Treppenhaus und Liftkern. Doch statt die Wände zu betonieren, sind sie sichtbar in Kalksandstein gemauert. Schön ablesbar ist hier der Gedanke des Fügens: Beton trifft auf Mauerwerk, trifft auf Holz, trifft auf Stahl.

Holz in allen Facetten

Das Gebäude beherbergt 21 Wohnungen, die Zimmerzahl variiert von 3 bis 6.5. Zwei Studios können in Kombination mit einer Wohnung gemietet werden. Die Geschosse sind jeweils gleich angelegt, die Regelhaftigkeit half, die Baukosten im Rahmen zu halten. Die Grundrisse erstrecken sich jeweils über die gesamte Gebäudetiefe, die grossen Einheiten sind an den Querseiten positioniert. 

Beim Betreten der Wohnungen findet man sich in einem kleinen Vorraum mit Einbauschrank wieder, ein Fenster bietet Durchblick in die nebenliegende Küche. Das Zentrum bildet eine grosszügige Halle. Sie dient ebenso als Verteiler wie als erweiterter Wohnraum und geht fast nahtlos über in das Wohnzimmer an der Westseite. Fast, weil der Parkettboden zwar durchläuft, der markante Unterzug und die Stützen den Raum aber gleichwohl ordnen. Um das so entstehende Kreuz aus Küche, Wohnzimmer und Bad schmiegen sich gleichwertige Zimmer. 

Zwar sind nahezu alle Oberflächen in Holz ausgeführt, doch verrät ihre Maserung die konstruktive Hierarchie: Von der Primärstruktur aufwärts wird diese immer feiner. Durch die sichtbare Fügung gibt es auch Elemente, die man sonst eher im bürgerlichen Wohnungsbau verorten würde: eine Türschwelle aus Eiche, Holzfenster und -türen mit Blendrahmen, dicke Fensterbretter. Es sind solche Details, die dieses Universum aus Holz gleichzeitig gliedern und aufwerten.

Wände mit Knick

In den Zimmern lassen sich die im Grundriss so markanten geknickten Innenwände erleben. Zwar sind die Stützen symmetrisch angeordnet, aber die Innenwände schlagen einmal aussen, einmal innen an der Stütze an. Die Innenwände sind ebenfalls als Holzkonstruktion erstellt, aber mit Gipsplatten beplankt und mit einer Glasvliestapete versehen – unüblich für eine Mietwohnung und aus Unterhaltssicht ein Wagnis. Form und Materialisierung inszenieren spielerisch das Thema der nichttragenden Wand. 
Die Fassade des Holzhauses dagegen spricht eine andere Sprache: Hier dominiert feuerverzinkter Stahl, verlegt in quadratischen Platten, deren Format den Sprossenfenstern entspricht. Letztere sind eine Reminiszenz an den Holzbau, eine Art weiterentwickelter Chalet-Stil für die Grossstadt. 

Die Fassade erscheint so recht kleinteilig, zum einen, weil die Quadrate etwa bei den Balkonbrüstungen noch kleinere quadratische Aussparungen haben, zum anderen, weil in den Anschlussbereichen auch andere Formate zum Tragen kommen. Zudem wird die Metallfassade von vertikalen Flächen aus Holzschindeln unterbrochen. Ihre Oberfläche wurde nach der japanischen Yakisugi-­Methode karbonisiert und dient so als Witterungsschutz. Das Ergebnis wirkt collagenhaft. Das Prinzip des Fügens – im Innern wird der Raum durch das einheitliche Material Holz zusammengehalten – kommt aussen, vor allem bei den Anschlüssen, an seine Grenzen.

Das Ziel von der anderen Seite her sehen

Das Holzwohnhaus zeigt jenseits der konstruktiven und gestalterischen Grenzen der Wiederverwendung einen Ansatz unter umgekehrten Vorzeichen: Statt des ursprünglich geplanten Re-use der bestehenden Halle bauten EMI Architekt:innen ein neues Haus, das dereinst selbst der Ursprung für ein Re-use-Projekt sein könnte – ein guter Ansatz für einen Neubau, der aber bis zu seiner Erfüllung ein Versprechen bleiben wird. 

Das Konzept kommt auch an anderen Stellen an seine Grenzen. Heutige Anforderungen, etwa an Brandschutz, Bauphysik oder Energieeffizienz, fordern viele Sonderlösungen. Die Idee wird dadurch nicht unbedingt geschwächt, eher in der Praxis erprobt – allein der Versuch, systemgetrennt zu bauen, zeigt die Probleme, auf die man dabei trifft. Die von EMI gewählten Lösungen überraschen an manchen Stellen, provozieren an anderen und überzeugen manchmal noch nicht. Nichtdestotrotz haben viele der gewählten Antworten Pioniercharakter, und man ist gespannt auf eine Weiterentwicklung.

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