Ver­dich­ten oh­ne Ver­lus­te

Im Genfer Kontext, wo die städtische Verdichtung auf starke regulatorische und parzellenbedingte Einschränkungen stösst, geht das Projekt «Crocodile» von LRS architectes neue Wege. Es veranschaulicht damit, wie sensible Architektur starre Vorschriften in räumliche Qualitäten verwandeln kann. 

Publikationsdatum
23-06-2026
Rune Frandsen
Architecte EPFL, MAS ETH gta, post-doctoral researcher ETH Zürich

Das Quartier Sous-Bois am Stadtrand von Genf verdeutlicht die Grenzen des Planungsinstruments «Entwicklungszone 3». Es wurde 1957 eingeführt, um den Bau erschwinglicher Wohnungen auf ehemaligen Patriziergütern zu gewährleisten, diente im Laufe der Zeit jedoch vor allem der Verdichtung der Villenviertel. Dadurch änderte sich der Charakter der in diesem Gebiet obligatorischen Quartierpläne (PLQ): Von Hilfsmitteln zur Verhandlung von Grundeigentum wurden sie zu Projektinstrumenten, deren Ziel die maximale Ausnutzung der Parzelle ist, zu Lasten einer hochwertigen Stadtentwicklung.

In Sous-Bois zeigt sich dies in einer Reihe von Wohnblöcken, die senkrecht zur Route de Ferney ausgerichtet sind und sich den Hang hinauf erstrecken, der von der Place des Nations nach Grand-Saconnex ansteigt. Die Gebäudehöhe von etwa 27 m und die geringen Abstände führen zu einer ausgeprägten Sichtverbindung zwischen den Häusern. Dieser Eindruck wird durch die strenge Abgrenzung der Grundstücke noch verstärkt. 

Die kleinen, von absterbenden Thujen umgebenen Gärten zeugen von der Schwäche der Aussenanlagen und der Schwierigkeit, in diesem Kontext überzeugende öffentliche Räume zu schaffen. Als jüngster Neuzugang im Quartierplan von 2007 zeigt das Projekt «Crocodile», wie sensible Architektur mit den Mängeln der städtebaulichen Gegebenheiten umgehen kann.

Ein genossenschaftliches Projekt unter einschränkenden Bedingungen

Derselbe Quartierplan schuf ein Entwicklungspotenzial, aus dem das Projekt hervorging. Dadurch konnte die Genossenschaft SoCoop, Eigentümerin von 5500 m² entlang der Route de Ferney, den Abriss und Neubau vier kleiner Gebäude in Betracht ziehen. Um die Kosten zu teilen und das Projekt zu stärken, schloss sie sich mit einer anderen Genossenschaft, der CODHA, zusammen. Gemeinsam organisierten sie 2018 einen Wettbewerb zur Verdichtung des Grundstücks. Das Programm umfasste 58 Wohnungen, davon 29 für die CODHA, sowie eine Kindertagesstätte im nördlichen Teil des Areals. Die Gewinner des eingeladenen Wettbewerbs, LRS architectes, stellten das Gebäude im Sommer 2025 fertig.

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Der Ersatzneubau gliedert sich um zwei Treppenhäuser, von denen jedes einer Genossenschaft zugeordnet ist: SoCoop im Süden und CODHA im Norden. Diese sowohl architektonische als auch symbolische Entscheidung unterstreicht die Identität der beiden Eigentümerinnen. Jedes Erdgeschoss beherbergt ein Gästezimmer und einen grosszügig verglasten Gemeinschaftsraum. Dieser ist auf den sich zwischen dem Gebäude und der Kindertagesstätte erstreckenden Aussenbereich ausgerichtet. 

Die Wohnungen sind als Vierspänner organisiert: eine grosse, dreiseitig ausgerichtete Giebelwohnung, eine durchgesteckte Wohnung mit fünfeinhalb Zimmern sowie zwei einseitig ausgerichtete Einheiten, eine mit drei und die andere mit vier Zimmern, die dazwischen liegen. Im obersten Stockwerk bietet die CODHA ein Cluster aus vier Suiten an, eine Typologie, die mittlerweile charakteristisch für die neueren Genfer Genossenschaften ist.

Recht auf Aussicht

Die Standortbedingungen, die Sichtbeziehungen, die vorgeschriebenen Abmessungen und der Lärm der Route de Ferney bildeten den Ausgangspunkt für das Projekt. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, sind die Wohnungen fächerförmig um eine zentrale Achse angeordnet, wodurch die Ausblicke aus den Wohnräumen diagonal nach Südwesten ausgerichtet sind und direkte Sichtbeziehungen zwischen den Fassaden vermieden werden. Aus dieser Anordnung ergibt sich ein gezacktes Volumen, rhythmisiert durch eine Abfolge von Vorsprüngen. Jede Etage ist von relativ schmalen Laubengängen umgeben, die sich auf Höhe der Wohnzimmer und Küchen ausweiten und zu grossen Balkonen werden. 

Die Zacken alternieren zwischen nach Norden ausgerichteten, geschlossenen Abschnitten, die mit vertikalen Holzlatten verkleidet sind und nach Süden ausgerichteten, grossflächig verglasten Abschnitten, die sich zu den Balkonen und dem schrägen Ausblick hin öffnen. Dieses Spiel mit Plastizität und Materialität, das dem Projekt wahrscheinlich seinen Namen gab, vermittelt den Eindruck, das Gebäude «blicke» nach Südwesten.

Die Logik der Zacken setzt sich in der benachbarten Kindertagesstätte fort, die zeitgleich von denselben Architekten entworfen wurde und ebenfalls einen gezackten Grundriss aufweist. Die beiden Gebäude bilden einen zusammenhängenden Komplex, dessen Geometrie einen innen liegenden Platz strukturiert. Entlang der Route de Ferney sorgt eine Überdachung für den Übergang von der Strasse. Sie wirkt als akustischer und räumlicher Filter gegenüber dem Verkehr und rahmt zusammen mit den beiden parallelen Baukörpern den geschützten Innenhof ein. Dieser dient als zentraler Gemeinschaftsraum des Projekts. Die Aussenanlagen, realisiert in Zusammenarbeit mit dem Büro Vimade, profitieren von dieser Konstellation und nutzen den Ort als Quartiertreffpunkt.

Die Kindertagesstätte verfügt nicht über einen klassischen Innenhof. Vielmehr erweitern Balkone die Räume, sodass der gesamte verfügbare Bodenraum zwischen den beiden Gebäuden frei bleibt. Auf diesem Platz erstreckt sich der Sockel aus Sichtbeton, der sich aufgrund des Gefälles zur Talseite hin leicht neigt. Diese subtile topografische Gestaltung ermöglicht eine natürliche Belichtung der gemeinschaftlichen Räume im Untergeschoss, wie der Waschküche oder des Fahrradraums. Die darüberliegenden Vollgeschosse sind (1. bis 6.) mit Holz verkleidet, während das Attikageschoss eine Edelstahlverkleidung aufweist. Das Ensemble bildet eine Schichtung aus Beton, Holz und Edelstahl, die die klassische Dreiteilung in Sockel, Mittelteil und Dachabschluss aufgreift.

Eine Erinnerung an Saugey

Mit seiner zinnenartigen Fassade weckt Crocodile eine vertraute Erinnerung: die an Miremont-le-Crêt, das der Architekt und Bauunternehmer Marc-Joseph Saugey zwischen 1953 und 1957 in Champel (GE) realisierte. Um störende Einblicke von gegenüberliegenden Häusern zu vermeiden, drehte Saugey jedes Modul (bestehend aus einem Treppenhaus, das vier Wohnungen mit einseitiger Ausrichtung erschliesst) um 30° und schuf dadurch diagonale Ausblicke. Diese Drehung beeinträchtigte die interne Raumaufteilung jedoch nicht: Die Räume blieben rechtwinklig zueinander angeordnet und reihten sich entlang eines dreieckigen Balkons aneinander, der das strukturierende Element des Grundrisses bildete.

Bei LRS hingegen prägt die fischgrätenförmige Anordnung den Grundriss tiefgreifend. Die Öffnung erzeugt eine Abfolge schräger Räume im Herzen des Grundrisses, die vor allem von Verkehrsflächen, Durchgangszonen oder Badezimmern eingenommen werden. Diese Geometrie führt zu sehr kontrastreichen Situationen, von denen sich einige als besonders sinnvoll erweisen. Dies ist vor allem in den durchgesteckten Wohnungen der Fall, wo ein grosser, unregelmässig geformter Verteilraum, der als bewohnbarer Flur konzipiert ist, einen grosszügigen Zwischenraum bietet, der zugleich als Durchgangs-, Spiel- oder Stauraum fungiert. Es wird etwas Kreativität erfordern, um das Potenzial dieser speziellen Räume zu nutzen. An anderer Stelle spiegelt die Vielzahl der Übergänge die Komplexität des Entwurfs wider und führt zu ungewöhnlichen inneren Wegen. 

Bei der Materialwahl setzt sich die konstruktive Logik fort: Die Holzkonstruktion bleibt an der Decke sichtbar, während ein auf dem Zementestrich verlegter Terrazzoboden für die Akustik sorgt und dem Boden eine schlichte Kontinuität verleiht. Mit den weissen Wänden bildet das Ensemble einen neutralen Rahmen, der den Bewohnenden einen leicht anpassbaren Raum bietet. Diese Zurückhaltung in der Gestaltung lässt die komplexe Geometrie des Grundrisses zur Geltung kommen.

Qualität als Ausnahme

Das Projekt Crocodile zeigt, dass auch aus einem der städtebaulichen Qualität wenig förderlichen Regelwerk, innovative Architektur entstehen kann. Leider bleibt ein solches Projekt die Ausnahme: Es hängt von bestimmten Akteurinnen ab, in diesem Fall von Genossenschaften, die in der Lage sind, spekulativen Logiken zu widerstehen und in einem von Rentabilität dominierten Umfeld kollektive Werte umzusetzen. Anderswo hat sich der Quartierplan, der eigentlich zur Unterstützung des Masterplans konzipiert war, zu einem Instrument der Parzellierung gewandelt, das die Stadt auf die Summe der maximalen Ausnutzung reduziert. 

In diesem System sind räumliche Qualität und Investitionen in den öffentlichen Raum nicht mehr die Regel, sondern die Ausnahme. Auch wenn es Crocodile gelingt, diese Logik umzukehren und kollektive Räume zu schaffen, vermag es das strukturelle Versagen nicht zu beheben: Solange sich die Stadtplanung ausschliesslich an den Interessen der Immobilienwirtschaft orientiert, wird die Qualität der Baukultur eher von wenigen Akteurinnen und Akteuren als von einer öffentlichen Vision gefördert.

Übersetzung aus dem Französischen: Isabel Borner; erstmals erschienen in espazium revue 1/2026

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