Zwei Per­spek­ti­ven zum BIM-Wett­be­werb

Der erste vollständig digital durchgeführte, anonyme und selektive Wettbewerb in der Schweiz brachte nicht nur dank VR-Brillen neue Ansichten.

Publikationsdatum
30-06-2022

Ob respektive wann mit rein digitalen Mitteln durchgeführte Wettbewerbe die Regel werden und inwiefern ihre Möglichkeiten den Auftraggebenden und Jurymitgliedern nützen, ist zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht abschliessend zu beurteilen. Sind die BIM-basierten Möglichkeiten die einzig zukunftsfähigen Methoden, damit Auftraggeber, Sach- und Fachpreisrichter gleichermassen gut mit Informationen bedient werden können, oder ist das Ganze nur nettes Beiwerk zu den derzeit eingespielten analogen Verfahren?

Die Architektin Erika Fries, Jurymitglied beim digital durchgeführten Wettbewerb zum Fachhochschulzentrum Graubünden, und Claude Büechi von Raumgleiter, dessen Büro den Wettbewerb digital aufgegleist und begleitet hat, berichten von ihren Erfahrungen und schildern ihre Sichtweise der Dinge.

 

Erika Fries ist Mitglied der Geschäft­s­leitung und Partnerin bei huggen­bergerfries  Architekten in Zürich.  Sie war Jury­mitglied beim  mit BIM ausgetragenen Wettbewerb zum Fachhochschulzentrum in Chur.

Erika Fries ist Mitglied der Geschäft­s­leitung und Partnerin bei huggen­bergerfries Architekten in Zürich. Sie war Jury­mitglied beim mit BIM ausgetragenen
Wettbewerb zum Fachhochschulzentrum in Chur.

TEC21: Frau Fries, wie erleben Sie den digitalen Wettbewerb?

Erika Fries: Ich konnte in den letzten Jahren einige Erfahrungen sammeln mit digitalen Verfahren, sowohl als Jurymitglied als auch als Teilnehmerin mit unserem Büro huggenbergerfries. Gerade zu Beginn der Pandemie waren die digitalen Werkzeuge ein willkommenes Hilfsmittel, um trotz der einschränkenden Massnahmen Wettbewerbsverfahren durchführen zu können. Nun ist diese Phase vorbei, und ich finde ich es wichtig, dass wir weiterhin ausloten, welche Chancen in den digitalen Möglichkeiten stecken.

Was bedeutet ein digitaler Wettbewerb für die Arbeit der Jurymitglieder?

Ich hatte an einem Verfahren mitgewirkt, bei dem die Jurierung in einer ersten Phase aufgrund der Pandemieauflagen über einen Videocall stattfand. Das funktionierte, war jedoch mit einem grossen Mehraufwand verbunden. Es ist enorm wichtig, dass sich die Jurymitglieder im physischen Raum treffen und miteinander austauschen können. Der Prozess der Jurierung ist stark von einer sozialen Komponente und der Gruppendynamik geprägt. Da muss man sich in die Augen schauen können. Die Projektpräsentation der Teams über digitale Kanäle funktioniert hingegen ziemlich gut.

In Chur war die Jury vor Ort anwesend und von der Begleitung technisch eng betreut. Wie haben Sie das Verfahren dort erlebt?

Es gab einige interessante Aspekte wie die geführten Rundgänge. In diesen digitalen Spaziergängen durch das Stadtmodell hat uns Raumgleiter als Gruppe mit auf eine Tour genommen. Dabei konnten wir spezifische Ansichten im Modell und gemeinsam als Gruppe prüfen. Das hat sehr gut geklappt. Auch bei einzelnen wichtigen Räumen innerhalb der Projekte konnten wir deren Wirkung auf diese Weise überprüfen. Auf der anderen Seite waren gewisse Anwendungen stark von der Hardware abhängig, wie z.B. die Monitore, die immer wieder einfroren.

Wie war die Erfahrung, alles nur digital zu beurteilen?

Je komplexer der Städtebau ist, desto wichtiger ist das Modell. Es ist essenziell, um den Städtebau diskutieren zu können. Vor allem, wenn es um die simultane Betrachtung von unterschiedlichen Ansätzen geht. Einfacher ist es, wenn man mehrere Modelle physisch vor sich stehen hat und sich als Gruppe am real existierenden Objekt austauschen kann.

Die Abwesenheit eines physischen Gegenstands behindert die Diskussion?

Ja, denn es fehlt die Simultanität. Dies betrifft auch die Anwendungen mit einer VR-Brille. Man kann nicht zusammen auf einen Gegenstand schauen, sondern nur nacheinander. Das erschwert die unmittelbare Kommunikation in der Jury.

Gibt es auch spezifische Vorteile dieses Verfahrens für die Jury?

Wenn die 3-D-Modelle neutralisiert und als abstrakte, weisse Konstruktionen präsentiert sind, führt das den Blick auf die räumlichen Qualitäten des Entwurfs, was vor allem für das Sachpreisgericht eine Erleichterung ist. Damit wird leider auch die atmosphärische Ebene ausgeblendet. Insgesamt braucht es mehr Zeit, um sich mit den digitalen Medien in die Beiträge einzulesen. Für die Mitglieder der Jury bedeutet dies, dass wir uns bereits im Vorfeld intensiv mit den Beiträgen beschäftigen mussten, da ein grosser Teil der gemeinsamen Annäherung an die Projekte entfällt. Auf Papier und in den Modellen sind wir Fachleute wesentlich schneller.

Die Vorprüfung ist ein wichtiges Argument für den digitalen Wettbewerb mit BIM-Modellen. Welche Rolle hatte der Einsatz der Dashboards in diesem Verfahren?

Die Dashboards waren vor allem für die Vorprüfung wichtig. In der Jurierung selbst waren diese Angaben kaum thematisiert, wenn sie überhaupt mit den gleichen Kriterien eingetragen waren. Aus meiner eigenen Erfahrung weiss ich, dass diese Modelle mit einem grossen Mehr­aufwand verbunden sind. In unseren letzten Wettbewerbsbeiträgen mussten wir 10 bis 15% Mehraufwand für diese Modelle leisten.

Wie hoch würden Sie den Nutzen eines BIM-Modells für den Wettbewerb einschätzen?

Sagen wir es so: Der Juryentscheid in Chur wäre auch ohne BIM-Modell nicht anders ausgefallen. Der enorme Aufwand dafür scheint mir im Moment nicht gerechtfertigt zu sein. Zudem ist die Tiefe der geforderten Information nicht phasengerecht. Im Wettbewerb können wir durchaus mit einer gewissen Unschärfe leben, da wir Konzeptionen beurteilen wollen. Der Wechsel von 3-D- zum BIM-Modell ist meiner Meinung nicht angezeigt. Dies ist aber eine Momentaufnahme für unsere Zeit. Kommende Generationen werden wohl intuitiver mit digitalen Modellen umgehen.

Haben Sie eine Vision für die weitere Entwicklung des digitalen Wettbewerbs?

Als zusätzliches Instrument kann das digitale Modell den analogen Wettbewerb auf jeden Fall bereichern. Und bei städtebaulich enger gefassten Aufgaben könnte es sogar ausreichen. Ich plädiere dafür, sich weiterhin mit Neugierde den Möglichkeiten dieser Technik anzunähern, denn wir sind noch lang nicht am Ende angekommen. Vielleicht werden eines Tages gewisse Elemente des bisherigen Wettbewerbs obsolet, aber voreilig würde ich nicht auf die eingespielten Methoden des analogen Verfahrens verzichten.

 

Claude Büechi bekleidet  die Position Team Lead  Inter­active Applications bei Raumgleiter in Schlieren  und unterstützte den Wett­bewerb zum Fachhochschulzentrum in Chur.

Claude Büechi bekleidet die Position Team Lead Inter­active Applications bei Raumgleiter in Schlieren und unterstützte den Wettbewerb zum Fachhochschulzentrum in Chur.


TEC21: Herr Büechi, Sie haben das Verfahren eng begleitet. Sind die Büros aus Ihrer Sicht bereit für den Schritt ins digitale Verfahren?

Claude Büechi: Die kurze Antwort: ja. Gleichzeitig ist es wie bei allen (technischen) Entwicklungen. Wandel braucht viel Zeit und in der Schweiz immer noch ein bisschen mehr. Die Kompetenzen sind bei den meisten Büros vorhanden. Wo dies noch nicht der Fall ist, wird es sicher bald so weit sein. Ergänzend und bis es so weit ist, stehen wir den Planungsteams mit unseren Coachings zur Seite und unterstützen sie technisch, so gut wir können.

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Insbesondere beim Willen zur Adaption der Technologie und der Akzeptanz. Die Digitalisierung unserer Branche läuft auf Hochtouren. Das zu verneinen oder aus Bequemlichkeit auf eine qualifizierte Auseinandersetzung mit dem Thema zu verzichten sehe ich als grosses Risiko für die entsprechenden Büros. Den grössten Nachholbedarf sehe ich allerdings im Bereich der Bestellerkompetenz. Weil fast alles möglich ist, wird auch möglichst viel bestellt, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Der «Bestellwahnsinn» mit immer mehr Inhalten, Kennwerten und Abgaben belastet die Planungsteams unnötig und ist nur bedingt hilfreich, wenn man das beste Projekt evaluieren will.

Für die Darstellung und den Detaillierungsgrad von Bauplänen gibt es für jeden Massstab eine Verbindlichkeit. Lässt sich bereits ein Standard abschätzen für digitale Modelle bei Wettbewerben?

Ich würde jetzt gern sagen: klar! Der Raumgleiter-Standard – aber auch wir sind noch nicht ganz an diesem Punkt angelangt. Zurzeit laufen viele Entwicklungen parallel. Es braucht und wird eine Konsolidierung geben. Dabei liegt es an uns Planungsbüros, abgestimmt mit den relevanten Beteiligten stimmige Standards zu entwickeln.

Der Auslober und die Teilnehmer haben angeregt, bei den digitalen Modellen weniger Informations­gehalt und -tiefe einzufordern, da der Aufwand sonst zu gross ist. Auf welche Angaben könnte man aus Ihrer Sicht verzichten?

Gern zitiere ich aus der SIA 142: «Der Wett­bewerb ist für den Auftraggeber ein Instrument, um ein optimiertes, qualitativ hochstehendes Projekt zu erhalten und den Partner zu dessen Realisierung zu finden.» Das Ziel darf man nicht aus den Augen verlieren. Es liegt an der Verfahrensbegleitung, sich vorgängig und im Detail zu überlegen: Was brauchen wir, um dieses Ziel zu erreichen? Zudem besteht im Moment die Tendenz zu analog und trotzdem ein bisschen digital. Wir hören dann oft «das Beste aus beiden Welten». Das ist wie bei einem Hybridauto – doppelte Technik, doppelte Wartung, doppelte Kosten. Am Ende wollen wir aber doch nur bequem von A nach B kommen. Insofern plädiere ich immer für ein volldigitales Verfahren mit dem Abgabeumfang «ein 3-D-Modell». Damit kann auch der immense Aufwand, den die Planungsteams betreiben, minimiert werden.

Sehen Sie bei digitalen Projektwettbewerben hauptsächlich einen Vorteil für die Jurymitglieder, die wenig Erfahrung im Lesen von Plänen haben, oder können auch Fachleute davon profitieren? Und falls ja, in welchem Bereich?

Klar – für die teilweise ungeübte Sachjury ist die Darstellung der Beiträge in 3-D ein grosses Plus. Gleichzeitig betonen wir immer, dass wir die Arbeit der Expertinnen und Experten vereinfachen und vor allem spannender machen wollen. Ein tolles Beispiel ist die Berechnung der Wirtschaftlichkeit. Es ist doch viel spannender, ein Projekt zu studieren und dann die entsprechenden Kennwerte zu definieren, als zwei Wochen lang PDF-Planunterlagen von Hand auszumessen. Zudem sind wir in der Schweiz schlicht nicht konkurrenzfähig, wenn wir Arbeiten, die ein Computer schneller und besser macht, qualifizierten Fachleuten aufdrücken.

Einige der Anwendungen scheinen noch ziemlich experimentell. Zum Beispiel dürften die Anwendungen mit der VR-Brille derzeit eher eine Spielerei sein. Auf der anderen Seite ist die Darstellung der Pläne auf Screens noch ziemlich konventionell. Haben Sie eine Idee, wohin die Entwicklung führen könnte?

Ich möchte es gern nochmals betonen: Abgabeumfang ist ein 3-D-Modell. Ein Schnitt, ein Grundriss – das lässt sich aus dem 3-D-Modell generieren. Einzig bei der Materialisierung und der Stimmung (Visualisierungen) sind uns im Moment noch technische Limiten gesetzt. Aber das ist eine Frage der Zeit, bis wir das im Griff haben. Die VR-Technologie als Spielerei zu bezeichnen, finde ich nicht ganz richtig. Es scheint im Moment so, ist aber definitiv die Zukunft. Anstelle einer VR-Brille würde ich aber eine Hololens bevorzugen. Hier kann ich die Menschen um mich herum noch wahrnehmen. Das ist für die Diskussion und das Wohlbefinden der Jury ein grosser Vorteil.

Welche besonderen Herausforderungen kommen bei einem digitalen Verfahren auf eine Wettbewerbsbegleitung zu?

Die Verfahrensbegleitung muss zwingend mit der entsprechenden Kompetenz in Bezug auf digitale Verfahren ausgestattet sein. Alle Prozesse müssen von Anfang an und konsequent digital gedacht und durchgeführt werden. Die Idee, «jetzt das Ganze noch ein bisschen digital aufzupeppen, weil es gerade en vogue ist», klappt nicht.

Zum Schluss noch eine generelle Frage: Lässt sich so etwas Sinnliches wie eine Raumerfahrung digital substituieren?

Sinnlich heisst für mich mit allen Sinnen – also Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen –, insofern für mich definitiv ein Nein. Das muss es auch nicht. Ich werde auch in Zukunft noch nach Italien fahren, wo ich das Land mit allen Sinnen geniessen und mich von der digitalen Arbeit analog erholen kann.

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