«Wir ver­su­chen, den Wett­be­werbs­gra­ben zu über­win­den»

Stoa Architekten über die Beteiligung an offenen Wettbewerben entlang der Sprachgrenze, neue Einladungsformen und den Faktor Mensch.

Publikationsdatum
08-03-2021

In den letzten Monaten ist eine Diskussion um den (offenen) Architekturwettbewerb entbrannt. Das offene Verfahren fördert den Nachwuchs und ist für junge Büros eine Chance, sich zu etablieren. Doch die Anzahl sinkt kontinuierlich. Wir haben mit jungen Büros aus der ganzen Schweiz gesprochen.

espazium.ch: Wie steht es in der Westschweiz um den Wettbewerb?

Stoa Architekten: Was uns angeht, so konnten wir unser Büro dank zwei Wettbewerben im offenen Verfahren starten, die wir im letzten Jahr gewonnen hatten. Als zweisprachiges Büro, das an der Grenze zwischen der Romandie (Neuchâtel) und der Deutschschweiz (Bern) tätig ist, können wir die grossen Unterschiede zwischen den beiden Regionen gut erkennen. Tatsächlich ist die Zürcher oder die Basler Szene nicht nur gesättigt, sondern geradezu verschlossen. Dort ist man quasi systematisch zu Wettbewerben auf Einladung zurückgekehrt, bei denen häufig die immergleichen Büros eingeladen werden. Ausserdem haben wir den Eindruck, die Wild Cards, bei denen eigentlich die neue Generation zum Zug kommen soll, werden in erster Linie an bereits relativ erfahrene Büros vergeben. Im Gegensatz dazu ist die Westschweiz nach wie vor eine Hochburg für Wettbewerbe im offenen Verfahren, ganz besonders die Kantone Neuchâtel, Freiburg, Bern oder Wallis.

Zugleich jedoch beobachten wir, dass sich überall in der Schweiz immer mehr Bewerber an den offenen Verfahren beteiligen. So sind in der Romandie viele junge Büros aus der Deutschschweiz unsere direkten Konkurrenten. Die umgekehrte Situation kommt praktisch nicht vor, dadurch verstärkt sich der Eindruck eines «Wettbewerbsgrabens».

Was uns betrifft, so bevorzugen wir derzeit die offenen Wettbewerbe in der Westschweiz, aber wir hoffen, dass die Zahl der Bewerber wieder abnimmt. Wir waren sehr überrascht von der hohen Zahl der Bewerber im Wettbewerb um das Collège des Parcs in Neuchâtel, auch wenn wir ihn trotzdem gewinnen konnten. Wir waren mit dem Kontext und der Szene unmittelbar vor Ort bestens vertraut, das hat sich hier sicherlich zu unserem Vorteil ausgezahlt.

espazium.ch: Ist man beim Wettbewerb im Vorteil, wenn man experimentell vorgeht?

Stoa Architekten: Wir glauben nicht, dass sich die strategischen Fragen gegen innovative Antworten oder gegen eine singuläre Architektur richten. Ganz im Gegenteil. Wir haben uns von einer allzu überheblichen Architektur entfernt, vielleicht als direkte Antwort auf die Stararchitekten, die uns während des Studiums als Vorbilder präsentiert wurden. Wir glauben vielmehr, dass unsere Generation stärker die Zusammenarbeit anstrebt als die Autorenarchitektur, sie wählt eher einen kontextuellen Ansatz als einen symbolischen. Als Millenials spüren wir ausserdem sehr deutlich unsere Verantwortung punkto Nachhaltigkeit. Es liegt uns fern, diese neuen Ansätze als «Konsensarchitektur» zu bezeichnen, Wir sagen einfach, sie treten ein bisschen weniger machohaft auf und distanzieren sich von der Objektarchitektur. Darin sehen wir eine deutlich grössere Originalität.

Es gilt den menschlichen Faktor in die Rechnung einzubeziehen, die Interessen der Nutzer ernst zu nehmen, aber auch die der Architekten – daraus ergeben sich bei den Eingaben zum Wettbewerb sicherlich neue Formen und Intentionen. Bedenkt man, wie viele Stunden wir dafür aufwenden, so scheint es uns auch logisch, Wettbewerbe zu bevorzugen, die wir für machbar halten: so lokal wie möglich, mit einer geringen Teilnehmerzahl, rationale Projekte. Das schliesst in keiner Weise aus, dass dabei auch architektonischer Elemente von hoher Qualität entstehen.

espazium.ch: Müsste man die Wettbewerbsverfahren weiterentwickeln?

Stoa Architekten: Wir glauben, der offene Wettbewerb macht den Bauherrschaften aus verschiedenen Gründen zunehmend Angst. Der Gewinner kann aus ganz Europa stammen, womöglich fehlt ihm die Ortskenntnis oder die gemeinsame Sprache. Ein weiterer Grund ist, dass die Organisationskosten eines offenen Wettbewerbs zu Beginn des Projekts hoch erscheinen. Sicherlich sind die Vorteile dieses Vorgehens zu wenig bekannt: grössere Auswahl, keine Kostenunterschiede oder niedrigere Kosten nach Fertigstellung des Projekts, Weiterentwicklung des Umfelds, das fairste Verfahren im Vergleich zu den öffentlichen Märkten.

Um die Anzahl der Bewerber zu verringern und den offenen Wettbewerb attraktiver zu machen, sehen wir nur eine Möglichkeit: ihn überall dort einzusetzen, wo dies möglich ist. Wenn die Zahl der offenen Wettbewerbe steigt, sinkt die Zahl der Bewerber. Es wäre uns willkommen, wenn sich der SIA stärker für den offenen Wettbewerb positionieren würde, insbesondere in den grossen Gemeinden der Schweiz.

Wenn jedoch ein offener Wettbewerb nicht infrage kommt, warum dann keine neuen Einladungsformen vorschlagen, zum Beispiel einen zweistufigen Wettbewerb, bei dem in der ersten Stufe nur eine zusammenfassende Eingabe verlangt wird, partizipative Wettbewerbe usw.?

Auch die Zusammensetzung der Jurys würde dadurch gewinnen, sie würden vielfältiger, jünger und paritätischer werden, um den Anforderungen unserer Epoche besser gerecht zu werden und neuen Ideen bessere Chancen einzuräumen. Wir glauben zwar nicht, dass unsere Architektengeneration unter die Räder kommt, aber es ist sicherlich schwierig, sich im Wettbewerb zu behaupten. Bevor wir unser Büro ins Leben gerufen haben, hatten wir als Mitarbeiter unserer ehemaligen Büros die Möglichkeit, an vielen Wettbewerben teilzunehmen. Der Wettbewerb ist ein Fachgebiet wie alle anderen – es braucht eine gewisse Erfahrung, um zu verstehen, wie dabei entschieden wird.

Viele unserer Freunde finden allerdings ausserordentlich innovative Mittel, um sich zu behaupten: la-clique hat an der Manifesta 13 von Marseille eine Installation errichtet; SVNM hat damit begonnen, die eigenen Ausstellungs- und Kreationsräume zu gestalten; MacIver-Ek Chevroulet haben gerade beim Film Festival für Architektur in Rotterdam einen Preis gewonnen.

Stoa Architekten wurde 2020 von Alain Brülisauer (*1989) und Pascal Deschenaux (*1990) in Neuchâtel und Bern gegründet. Sie haben folgende Wettbewerbsbeiträge erarbeitet:

 

Deux salles de sport et extension du Collège des Parcs (NE), offener Wettbewerb, 2020,1. Preis / 1. Rang


Extension de l’établissement médico-social Le Château de Corcelles (VD), offener Wettbewerb, 1. Preis / 1. Rang

Übersetzung aus dem Französischen: Christof Rostert
 

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