Ein ei­gent­lich un­mög­li­cher Ort

Auszeichnung «Umsicht – Regards – Sguardi»: Kraftwerk1 Zwicky Süd

«Bei der Kraftwerk1-Überbauung Zwicky Süd handelt es sich um ein weitsichtiges und integratives Projekt, das seinen Anspruch an soziale Innovation mit einer qualitativ hochstehenden Architektur unterstreicht – in räumlicher, gesellschaftlicher, technologischer und ökologischer Hinsicht. Die Jury würdigt die Arbeit als mutiges Experiment, dessen Zielsetzungen und Lösungsansätze als Modell für andere Vorhaben ähnlicher Art dienen können.» (Aus dem Jurybericht)

Publikationsdatum
03-05-2017
Revision
05-07-2017
Tina Cieslik
Redaktorin TEC21 / Architektur und Innenarchitektur

Mittendrin statt nur dabei: Gäbe es den Spruch nicht bereits, müsste man ihn für das Zwicky-Areal erfinden. Eingeklemmt zwischen mehrspurigen Autobahnzubringern und einem Bahnviadukt liegt das 24 ha grosse Gelände der ehemaligen Spinnerei Zwicky; dort, wo die Grenzen von Zürich, Wallisellen und Dübendorf aufeinandertreffen. Aktuell entsteht in diesem Gebiet am Ufer der Glatt mit der Glatttalstadt eine neue urbane Form – und die Kraftwerk1-Überbauung Zwicky Süd auf dem Teilgebiet E ist dabei eine der interessantesten Akteurinnen (vgl. «Wohnen an verzwickter Lage» und «Einander entgegenlaufende Ansprüche»). 

Bis 2001 stellte die Firma hier Näh- und Webgarne her, dann zog die Produktion aus wirtschaftlichen Gründen ins Ausland. Die Erbengemeinschaft wünschte sich einen neuen Stadtteil mit gemischter Nutzung, die historischen Produktionsgebäude sollten erhalten und integriert werden. Das passte gut zum Zeitgeist, denn mit der Fertigstellung der Glattalbahn 2010 (Auszeichnung Umsicht – Regards–Sguardi 2011) hatte sich die ehemals von Anonymität geprägte Agglomeration im Norden von Zürich zur Boomtown entwickelt. In der Region Opfikon, Wallisellen und Dübendorf werden bis 2030 zusätzliche 120 000 Bewohner und ebenso viele Arbeitsplätze erwartet, Wohn- und Gewerberaum sind äusserst gefragt. 

Klares Programm für schwierige Lage

Für die Realisierung des neuen Quartiers auf dem Teilgebiet E holte man mehrere Partner an Bord: Die Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1 hatte bereits mit den Siedlungen Hardturm (1999–2001) und Heizenholz (2011) bewiesen, dass sie mit schwierigen Standorten umgehen konnte. Als Initiatoren verantwortlich zeichneten die St. Galler Firma Senn Resources zusammen mit der Immobilienberatung Wüest & Partner. Erstere hatte schon das Gewerbehaus Nœrd in Zürich Oerlikon realisiert, das 2013 im Rahmen von Umsicht –  Regards – Sguardi eine Auszeichnung erhielt (Architektur: Beat Rothen Architektur, Winterthur). 

Den 2009 ausgeschriebenen Studienauftrag unter fünf Teams gewann das Zürcher Architekturbüro Schneider Studer Primas. Es schlug ein einfaches architektonisches Vokabular für die schwierige Lage vor: Vier an den Rändern des Areals platzierte Scheibenbauten sollen das Innere des Grundstücks gegen dem Lärm abschirmen, zwei Blöcke im Zentrum sorgen für die notwendige Dichte. Niedrige Hallen beleben als Gewerberäume das Parterre. Eine räumliche Verbindung zwischen den Bauten schaffen zwei stählerne Fussgängerbrücken. Ursprünglich bei der Sanierung des Escher-Wyss-Platzes in Zürich in Gebrauch, fanden sie ein neues Zuhause in der Agglomeration. 

Neben diesen architektonischen Grossbuchstaben überzeugt aber auch das differenzierte Vokabular im Kleinen: Die im Frühjahr 2016 fertiggestellte Genossenschaftssiedlung bietet 126 höchst unterschiedliche Wohnungen, von Studioateliers bis zu grossen Clusterwohnungen mit bis zu 13.5 Zimmern. Wobei «fertiggestellt» relativ ist: Der Ausbau ist nicht bis ins Detail gestaltet, sondern bewusst roh gehalten. Damit werden Bewohnerinnen und Bewohner eingeladen, selber Hand anzulegen, sich die Siedlung anzueignen und ihr Quartier so weiterzuentwickeln – eine Rarität im durchgestylten Zürich. 

Ökologisch und inklusiv

Erstellt wurden die Bauten gemäss dem Standard Minergie-Eco, im Hinblick auf die Energieeffizienz erfüllen sie ausserdem die Kriterien der 2000-Watt-Gesellschaft. Eine 1400 m2 grosse Photovoltaikanlage auf dem Dach der Siedlung produziert jährlich 200 000 kWh Strom, er wird direkt vor Ort verbraucht. Die Wärme wird mittels Wärmepumpe als kalte Fernwärme aus gereinigtem Abwasser bezogen. Die Siedlung ist autoarm – auch dank der Lage in einem Verkehrsknotenpunkt und damit hervorragenden Verbindungen an den öV. Jeder Bewohner erhält eine kostenlose Mobility-Mitgliedschaft, für Velos stehen grosszügige Abstellflächen zur Verfügung. 

Energieeffizient, ökologisch, partizipativ – das ist alles begrüssenswert, aber so oder ähnlich auch schon in anderen Genossenschaftssiedlungen Usus. Was Zwicky Süd besonders macht, ist der Gedanke der Inklusion und der Solidarität – über Nationen, Lebensformen und soziale Schichten hinweg. Rund 300 Personen aus über zwölf Ländern wohnen derzeit in der Siedlung. Darunter sind Personen, die sich diesen Wohnraum sonst nicht leisten könnten und deren Miete aus einem Solidaritätsfonds der Gemeinschaft mitfinanziert wird, aber auch Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen, die hier betreute Wohnformen finden, sowie fünf Flüchtlingsfamilien. Zudem leben in der Siedlung Menschen mit Beeinträchtigung, die auch im siedlungseigenen Restaurant und Hotel beschäftigt sind und den Hauswart unterstützen. Kraftwerk1 arbeitet in diesen Bereichen mit den Stiftungen Domicil und Altried zusammen. Dieser ganzheitliche – oder eben umsichtige – Ansatz überzeugte auch die Jury. Sie würdigt die Kraftwerk1 Siedlung Zwicky Süd als mustergültiges Projekt mit einer Auszeichnung. 

Weitere Gewinner dieser Auslobungen finden Sie hier. Weitere Infos: www.sia.ch/umsicht

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