Das grosse Dekarbonisieren beginnt erst

Neue Weltklimaberichte

Der jüngste Klimabericht macht zwar Hoffnung, dass die Risiken einer Erderwärmung eingedämmt werden können. Trotzdem sind dafür weitergehende Anstrengungen als bisher erforderlich. Ab 2050 sollte nirgendwo noch CO2 ausgestossen werden dürfen.

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21

Vor drei Jahren fand die letzte Klimakonferenz COP 21 statt; damals gaben dreiviertel der UN-Staaten das Pariser Versprechen ab, die Erderwärmung auf +2°C beschränken zu wollen. Demnächst trifft sich die Klimadiplomatie erneut. Im polnischen Kattowitze folgt diesen Dezember die COP-Sitzung Nummer 24, um das 2-Grad-Abkommen endgültig zu besiegeln. Derweil sich die USA davon distanzieren, macht der Weltklimarat IPCC, als wissenschaftliches Begleitorgan der UNO, Mut zur Verstärkung des Engagements. In seinem jüngsten, Anfang Oktober veröffentlichten Sonderbericht weist der Rat erstmals nach, dass auch eine Begrenzung auf +1,5 °C theoretisch machbar ist.

Forscher auf der ganzen Welt haben in den letzten drei Jahren neueste Daten und Erkenntnisse zusammengetragen und herausgefunden, dass eine bislang unterschätzte Reserve im Klimasystem existiert. «Wenn die CO2-Emissionen bis 2050 weltweit auf null gesenkt werden können, liesse sich das 1.5-Grad-Ziel mit grosser Wahrscheinlichkeit erreichen», sagt Andreas Fischlin, Professor für terrestrische Systemökologie an der ETH Zürich. Gemeinsam mit Sonia Senevirante, Klimaprofessorin an derselben Hochschule, gehört er zu den leitenden Mitautoren des IPCC-Sonderberichts. Gemeinsam haben sie die Erkenntnisse an einer Medienorientierung in Bern präsentiert. Der aktualisierte Befund wird als fundiert anerkannt und soll von den politischen Entscheidungsträgern am nächsten Treffen nun entsprechend zur Kenntnis genommen werden.

Warnung vor irreversiblen Schäden

Obwohl Fischlin kein politisches Votum äussern wollte, hat er eine persönliche Meinung: «Das nächste Jahrzehnt ist entscheidend, wenn das Reduktionsziel angestrebt werden soll.» Würden danach immer noch Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen, erhöhe sich das Risiko einer stärkeren Erderwärmung und auch die spürbaren Folgen. IPCC-Mitautorin Senevirante appelliert ihrerseits an das Verantwortungsbewusstsein der Entscheidungsträger. «Nur wenn das 1,5-Grad-Ziel eingehalten wird, lassen sich gravierende Schäden verhindern.» Vor allem die arktischen, marinen und alpinen Ökosysteme seien durch irreversible Veränderungen bedroht. Das aktuelle Jahr habe einen Vorgeschmack auf mögliche Szenarien gegeben, so die ETH-Klimaforscherin. Bisher hat sich die Erde im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um +1 °C erwärmt; und schon dies «löste viele Extremereignisse in Europa und Amerika wie Hitze, Starkregen, Waldbränden oder Dürre aus». Die Schweiz gehört zu den besonders empfindlichen Regionen; detaillierte Klimaprognosen werden im November publiziert (siehe Kasten).

Zwar gebe es unterschiedliche Wege, die Treibhausgasemissionen zu stoppen, ergänzt Fischlin. Doch für alle Varianten gilt: «Es braucht eine ernsthafte, tief greifende und schnelle Trendwende.» Nur auf individuelle Verhaltensänderungen zu setzen genüge nicht; es brauche weitergehende staatliche und auch technische Interventionen.

Empfehlungen der internationalen Energiebehörde

Unabhängig von der Warnung des Weltklimarats erhöht auch die Internationale Energieagentur IEA den Druck zum klimabewussten Handeln. Im Rahmen einer periodischen Analyse der IEA-Mitgliedstaaten hat sie diesen Herbst die Energiepolitik der Schweiz überprüft und das Fazit ebenfalls Anfang Oktober vorgestellt. Unter die Lupe genommen wurde die nationale Energiestrategie 2050, die von der Bevölkerung im letzten Jahr verbindlich erklärt worden ist. Sie verlangt, dass der inländische Energieverbrauch bis 2035 halbiert wird. Bis dann will die Schweiz auch ihre Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um 50 Prozent zu reduzieren, im Rahmen des ratifizierten Pariser Klimaabkommens.

Obwohl nun eine Verschärfung dieses Ziels im Raum steht, scheinen allein die bisherigen Anstrengungen in der nationalen Energiepolitik nicht zu überzeugen. Denn die IEA-Analyse hat ergeben: Ohne zusätzliches Energie sparen und eine stärkere CO2-Reduktion werden nicht einmal die minderen Ziele erreicht. Ein grosser Klimasünder sei der Verkehrssektor, moniert die internationale Energiebehörde. Allerdings seien auch im Gebäudebereich weitere, staatliche Massnahmen anzuordnen. Dazu gelte es die bestehenden Förderprogramme für energetische Erneuerungen und den Einsatz von erneuerbaren Energien auszubauen. «Vor allem braucht es stärkere Anreize, um die Energieeffizienz von Wohngebäuden zu verbessern», sagte IEA-Vizedirektor Paul Simons an einer Medienkonferenz in Bern.

Wohlstand als Effizienzbremse

Komplimente gibt es von der Energiebehörde durchaus: «Die Schweiz hat es als eine der wenigen IEA-Staaten geschafft, den Energiekonsum vom Wirtschaftswachstum zu entkoppeln», lobt Vizedirektor Simons die inländische Politik. Allerdings sei das teilweise einer Auslagerung von Produktionsprozessen, etwa in der Baustoffbranche, zu verdanken. Dabei werde das CO2 weiterhin, aber im Ausland erzeugt. Zudem erschwere der allgemeine Wohlstand in der Schweiz, dass sich ein Effizienzpfad nachhaltig durchsetzen könne. So würden für viele Anwendungen energieeffiziente Technologien eingesetzt. Gleichzeitig leisten sich die Schweizerinnen und Schweizer einfach mehr: Verglichen mit den Nachbarstaaten verkehren grössere und schwerere Autos auf den hiesigen Strassen. Und auch bei den Wohnflächen falle ein beträchtlicher Gesamtzuwachs ins Gewicht. Die IEA-Empfehlungen haben keine direkten Auswirkungen auf die inländische Energiepolitik. BFE-Direktor Benoît Revaz betonte aber, dass man die Überlegungen im laufenden Vollzug berücksichtigen werde.
 

Die Schweiz wird doppelt so warm
Der inländische Klimarat «Proclim» wird im November die regionalen Erwärmungsszenarien für die Schweiz veröffentlichen. Jetzt schon weiss man, dass der Alpenstaat stärker als der globale Durchschnitt vom Klimawandel betroffen sein wird. Gemäss Prognosen von Sonia Senevirante ist mit einer Verdopplung der globalen Effekte zu rechnen. Eine Mindesterwärmung der Schweiz von +3 °C sei wahrscheinlich, selbst beim weltweiten 1.5-Grad-Szenario. Ob das noch reicht, um die Gletscherschmelze in den Schweizer Alpen zu drosseln, ist daher als ebenso ungewiss zu bezeichnen wie ein Ausbleiben von Unwettern sowie von Hitze- und Trockenperioden.

 

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