«I am an architect.»

Mit «Frau Architekt» widmet das Deutsche Architekturmuseum DAM den Protagonistinnen der Zunft eine Ausstellung. Im zweitägigen Symposium «Yes, we plan!» Anfang Februar diskutierten sieben europäische Architektinnen, Landschaftsarchitektinnen und Stadtplanerinnen mit dem Publikum über berufliche und politische Rahmenbedingungen und ihre ganz persönlichen Publicity-Strategien.

Nandita B. Boger Architektin

Einer der ersten verwirklichten Bauten von Zaha Hadid, ein Wohnhaus an der Stresemannstrasse in Berlin, entstand von 1987 bis 1994 während der Internationalen Bauausstellung IBA. Statt sich aber über die Chance zur Realisierung zu freuen, thematisierte die Architektin die in ihren Augen stattfindende Stigmatisierung: «I am an architect. Not only a female architect.» Denn Hadid baute im «Frauen-Block», einer Fläche, die dem IBA-Themenschwerpunkt «emanzipatorisches Wohnen» gewidmet und Architektinnen vorbehalten war.

Die im Katalog zur Ausstellung dokumentierte Episode illustriert, wie ambivalent das Thema Frauenförderung schon damals war. Die Schau führt Besucherinnen und Besuchern die ganze Bandbreite der Erfahrungen vor Augen. Sie erzählt von der Macherin Therese Mogger (1875–1956), die sich 1909 scheiden lässt und ihre drei Kinder ins Internat schickte, um ihren Traumberuf auszuüben. Oder von der erfolgreichen Architektin Verena Dietrich (1941–2004), die 1973 in ihr Tagebuch notierte: «Ich entscheide mich unter Tränen gegen Ehe und Kinder, für die Architektur». Aber es gibt auch Architektinnen, denen es gelingt, Privatleben und Beruf zu verknüpfen: So etwa Gesine Weinmiller (*1963), die drei Kinder hat, ein erfolgreiches Architekturbüro – und einen Architekten-Ehemann mit eigenem Büro. Sie sagt: «Ich habe einfach Glück gehabt».

Frauen, die auf solches Glück hoffen, oder sich trotz bekannter Widrigkeiten für den Beruf entscheiden, gibt es also durchaus – gemäss Statistiken sind europaweit im Architekturstudium nahezu gleich viele Frauen wie Männer vertreten. Warum unter den Architekten dann nur noch knapp ein Viertel weiblich ist, und auch dieses in der Öffentlichkeit wenig sichtbar, darüber diskutierten Anfang Februar im DAM die sieben Fachfrauen Sarah Rivière (D), Eva Alvarez (E), Olivia Schimek-Hickisch (A), Béatrice Auxent (F), Veronika Selig (CH), Alexandra Hagen (SE) und Anna Dorthe Vestergaard (DK). Organisiert hatten den Anlass die deutschen Architektinnen-Netzwerke n-ails e.V. Berlin, PIA Netzwerk e.V. Hamburg, die architektinnen initiative Nordrhein-Westfalen, der Arbeitskreis Architektinnen an der Architektenkammer Baden-Württemberg, BauFrauen e.V., die Frauen Liste der Bayrischen Architektenkammer, der Architektinnen-Stammtisch in der Architektenkammer Brandenburg und das Deutsche Architekturmuseum DAM.

Mehr Selbstbewusstsein

Ein Erklärungsansatz: Es liegt an den ungleichen Bedingungen, und diese entstehen vor allem durch die Rolle, die der Staat gegenüber der Mutterschaft einnimmt. So wendet beispielsweise in der Schweiz eine Frau durchschnittlich 70% ihres Einkommens für die Kinderbetreuung auf, in Schweden sind es 10%. Die Schweden sind bei diesem Thema überhaupt weit voraus, wie das Referat von Alexandra Hagen (CEO von White Arkitekter, Malmö) zeigte: Beziehen beide Eltern den Elternurlaub von mehr als einem Jahr zu gleichen Teilen, gibt es vom Staat einen Bonus.

Aber natürlich sind nicht nur die äusseren Bedingungen, sondern auch die Einstellung ein Grund für den niedrigen Anteil von Frauen im Beruf, meinte Eva Alvarez (Gomez+Alvarez Arquitectos, Valencia) kritisch. Spanische Frauen würden traditionell bereits nach dem Studium zuhause bleiben. Als Professorin stellt sie zudem fest, dass die Studentinnen seltener zufrieden seien mit ihren Projekten. Sie forderte Architektinnen auf, selbstbewusster über ihren Arbeiten zu sprechen und ist Initiatorin der Webseite «un dia una arquitecta», die für die Bekanntheit von Architektinnen wirbt. Dass europaweit Architektinnen 15% weniger verdienen als ihre männlichen Berufsgenossen, daran seien aber auch die Frauen beteiligt. Sie müssten für sich selber einstehen und höhere Löhne fordern.

Aktiv und unkonventionell

Auf die Frage, wie sich Architekten besser positionieren können, antwortete Alexandra Hagen: «Lerne zu verhandeln. Sei ausdauernd, steh für dich ein und weiche nicht zurück.» Hagen hält es dabei ganz mit Zaha Hadid wenn sie betont, dass ihr Büro nur die besten Mitarbeiter einstelle, um die besten Projekte zu schaffen und eines der besten Architekturbüros zu sein, egal ob Mann oder Frau. Zurückhaltung und falsche Bescheidenheit sind auch für Veronika Selig aus Basel (erny & schneider) der Grund, das Planerinnen in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen werden.

Anne Dorthe Vestergaard (VEGA landskab, Aarhus) setzt hingegen auf neue Wege. Sie trete in einer Real-Estate-TV-Show auf, und erreiche so ein breites Publikum. «Ich will meine Meinung sagen, und ich will möglichst viele Menschen mit meiner Botschaft erreichen.» Zwischen dem Smalltalk verstecke sie ihre architektonischen Themen. Olivia Schimek (schimek ZT, Linz) ist Mitglied in einem Club und trifft sich auch gerne mit Politikern und Unternehmern: «Weil es Spass macht!». Nebenbei erhalte sie so regelmässig neue Aufträge.

Am Schluss des – übrigens ausverkauften – Podiums war man sich jedenfalls einig: «We can have it all!». Und das nächste Netzwerktreffen der Planerinnen steht schon fest: vom 19. bis 21.Oktober 2018 in Innsbruck. Yes, we plan!

Von der Theorie in die Praxis

Im Rahmen des Symposiums «Yes, we plan!» zeigten Architektinnen aktuelle, von ihnen entwickelte Werke in Frankfurt.

Der neue Henninger-Turm  im April 2017, kurz vor seiner Fertigstellung.

Claudia Meixner (Meixner Schlueter Wendt Architekten, Frankfurt) empfing die Teilnehmer am Henninger-Turm, einem 140 m hohen Wohnhaus. Ihre Entwurfsstrategie: «Zu den Besonderheiten von Ort und Aufgabe spezifische Assoziationen zu entwickeln, und diese grafisch, plastisch und architektonisch zu transformieren». In diesem Fall hiess das, den Neubau an die Form des 2013 abgerissenen Siloturms anzulehnen (1959–1961, Architektur: Karl Emil Lieser) .
Mit der Erinnerung an das städtische Wahrzeichen konnte ihr Büro einen internationalen Wettbewerb für sich entscheiden. Ein zweigeschossiger Sockel, der entlang des Hochhauses mäandriert und einen Hof generiert, lässt mit einem Café und Läden das Wohnhaus zu einem wichtigen Ort im Quartier werden. Bei Fertigstellung im Herbst 2018 wird es auf dem Dach eine Bar geben, die den Frankfurtern ihr beliebtes Henninger-Turm-Drehrestaurant ersetzen soll.

Neubau Wohnhochhaus Henninger Turm, Frankfurt am Main
Bauherrschaft: Actris Henninger Turm GmbH & Co. KG, Mannheim
Architektur: Meixner Schlüter Wendt Architekten, Frankfurt am Main
Fertigstellung: Wohnhaus 2017, Drehrestaurant Herbst 2018

 

Das zweite Projekt befindet sich im Osthafen – ein raues Umfeld, geprägt durch Container und Lagerhallen. Sigrun Musa (Index Architekten, Frankfurt) erläuterte das Projekt: Für Künstlerateliers und das Institut für Neue Medien wurde das marode Satteldach eines Bunkers aus dem Zweiten Weltkrieg durch einen Aufbau ergänzt. Das Konzept sah zunächst eine Stapelung von mehreren Boxen vor, unter extremem Kostendruck wurde jedoch nur eine zweigeschossige Kiste daraus. Durch die Reduktion auf wenige Merkmale (ein Laubengang mit Verkleidung aus Metallgittern, eine expressive Auskragung) und die Belassung im Edelrohbau entstand eine Aufwertung des Orts.

Bunker-Aufstockung mit Künstlerateliers im Frankfurter Osthafen.

 

Bunker-Aufstockung mit Künstlerateliers, Frankfurt am Main
Bauherrschaft: Amt für Wissenschaft und Kunst Frankfurt
Architektur: Index Architekten, Frankfurt am Main
Fertigstellung: 2004

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