«Die Zeit der Mobilisierung ist vorbei»

Alpenschutz

Buchautor und Landschaftsforscher Dominik Siegrist ist letztes Jahr ein weiteres Mal über die Alpen gewandert, auf den Spuren seiner Tour vor 25 Jahren. Seither haben sich die Täler und das Engagement der Bevölkerung wesentlich verändert.

Lukas Denzler Journalist, Korrespondent TEC21

Paul Knüsel Umwelt/Energie, Stv. Chefredaktor TEC21

TEC21: Herr Siegrist, die whatsalp-Tour hat im letzten Jahr den Zustand des europäischen Alpenraums erkundet (vgl. TEC21 35/2017). Ihre Wanderung von Wien bis ins 1800 km entfernte Nizza war eine Neuauflage der TransAL-Pedes-Tour im Jahr 1992. Mit welchen Absichten sind Sie das zweite Mal losmarschiert?
Dominik Siegrist: Die Ursprungsidee war, dieselbe Route wie damals über die Alpen zu nehmen und sich mit denselben Leuten wie vor 25 Jahren nochmals zu unterhalten. Uns interessiert, was aus dem Engagement und den Ideen für eine nachhaltige Entwicklung von damals geworden ist. Aber schon bei der Vorbereitung bemerkten wir, dass viele damals aktive Personen nicht mehr greifbar sind. Auch die Zahl der lokalen Initiativen und Widerstandsgruppen im Alpenraum hat abgenommen.

TEC21: Können Sie sich erklären, weshalb der Widerstand schwindet?
Dominik Siegrist: Es gibt aktuell weniger Grossprojekte als damals. Was man vor 25 Jahren in den Alpen realisieren wollte, hat eine Mobilisierungswelle provoziert: An vielen Orten haben sich lokale Oppositionsgruppen gegen grosse Strassenvorhaben, Pumpspeicherprojekte, Waffenplätze oder Skigebietserschliessungen gewehrt. Widerstand gegen aktuelle Grossprojekte gibt es heute noch, er wird aber verstärkt auf übergeordneter Ebene organisiert. Da ist ein Generationenwechsel im Gang. Teilweise ist der Alpenschutz breiter aufgestellt.

TEC21: Haben Sie ein Beispiel?
Dominik Siegrist: Neu entfacht ist etwa die Diskussion um die Realisierung der Alemagna-Autobahn, die München quer durch die Alpen mit Venedig verbinden soll. Umweltvertreter aus Italien und Österreich haben unsere Alpentour zum Anlass genommen, gegen die Strassenpläne erneut zu protestieren. Die Internationale Alpenschutzorganisation CIPRA hat deshalb in Kartitsch im Osttirol einen Anlass durchgeführt, an dem über vierzig Bürgermeister und Umweltgruppen ein Memorandum dagegen unterzeichnet haben.

TEC21: Der Vorwurf, der Schutz der Alpen werde primär von Aussenstehenden gefordert, ist häufig zu vernehmen. Wie gut sind Umweltorganisationen lokal verankert?
Dominik Siegrist: Der Widerstand war weder damals noch ist er heute fremdbestimmt. Die Beteiligung der Leute vor Ort ist nach wie vor selbstverständlich. Das Organisationsmuster hat sich in den letzten Jahrzehnten allerdings verändert: Die lokal Engagierten haben ihr logistisches und finanzielles Netzwerk erweitert. Nationale Organisationen können mehr Mittel für den Widerstand einsetzen. Aber es ist auch persönlich wichtig, Kontakte zur Aussenwelt zu knüpfen. Denn lokaler Widerstand kann menschlich belastend sein, da hinter überrissenen Infrastrukturvorhaben oft mächtige Interessensgruppen stehen. Ansässige Personen sind mit ihrer Opposition lokal häufig isoliert.

TEC21: Vor 25 Jahren haben viele Akteure für den Schutz der Alpen mobilisiert. Wie spürbar ist die Aufbruchsstimmung heute?
Dominik Siegrist: In vielen Randregionen, die wir auf der letztjährigen Tour besucht haben, ist die Stimmung nicht gerade optimistisch. Abwanderung und Überalterung sind dominierende Themen. Die Jungen müssen zum Studieren oder für andere Ausbildungen weggehen und fehlen nun ebenso wie die Zuversicht auf eine positive Entwicklung. Nicht nur abgelegene Täler wie das Safiental im Bündner Oberland oder das Val Ferret im Wallis haben fast nur noch Arbeitsplätze im Agrarsektor und naturnahen Tourismus anzubieten. Viele Diskussionen sind dabei dieselben, wie wir sie vor 25 Jahren miterlebt haben.

TEC21: Auf hoffnungsvolle Ansätze sind Sie nicht gestossen?
Dominik Siegrist: Tatsächlich haben wir heute wie damals erfolgreiche Initiativen angetroffen. Engagierte Einzelpersonen oder kleine Gruppen betreiben Gasthäuser oder produzieren auf Bauernhöfen ökologische Nahrungsmittel. In Ramsau im österreichischen Dachsteingebiet wirken beispielsweise die «Bioniere», zwölf Landwirtschafts- und Tourismusbetriebe, die alles 100 % biologisch produzieren. Was vor 20 Jahren mit einer einzelnen Ökoidee begann, ist jetzt das Projekt einer ganzen Gemeinde.

TEC21: Es gibt sicher weitere, ähnlich erfolgreiche Initiativen. Welche Erfolgsfaktoren stecken dahinter?
Dominik Siegrist: Aktuell ist ein Gesinnungswandel im Gang. Früher war das Zukunftsthema ökologisch besetzt; inzwischen werden sehr viele, kleine und grosse Kulturprojekte auf die Beine gestellt, von der Ausstellung auf der Alp bis zum grossen Festival im Tal. Man spricht mittlerweile häufig über die Identität einer Region. Denn solche Projekte sind nicht nur wirtschaftlich erfolgreich, sondern tragen auch zur soziokulturellen Entwicklung bei.

TEC21: Setzen sich neben landwirtschaftlichen auch andere Entwicklungsideen durch?
Dominik Siegrist: In Österreich und teilweise auch in der Schweiz ist uns besonders aufgefallen, was rund um geschützte Parklandschaften entstehen kann. In den letzten 20 Jahren wurden zahlreiche Natur- und Nationalparks geschaffen, die ihrerseits Kristallisationspunkte für eine nachhaltige Regionalwirtschaft bilden. So ist jeder Park ein kleines Gewerbe mit qualifizierten Arbeitsplätzen. Zudem lösen die Parkregionen weitere Investitionen aus, etwa im Naturschutz, naturnahen Tourismus oder in der Qualitätslandwirtschaft.

TEC21: Wie sind diese Parks entstanden?
Dominik Siegrist: In einigen Fällen haben Bürgerinitiativen die Parkprojekte direkt angestossen. Andere sind das Nebenprodukt früherer Oppositionsbewegungen: Der Widerstand gegen Grossprojekte hat die Beteiligten dazu animiert, sich mit der wirtschaftlichen Zukunft vor Ort generell auseinanderzusetzen.

TEC21: Gibt es ähnliche Erfolgsbeispiele in der Schweiz?
Dominik Siegrist: Ja, im Puschlav. Zuerst hat sich Widerstand formiert, um den Ausbau des Lago Bianco zum Pumpspeichersee abzuwehren. Zum Projekt selbst fand man einen Kompromiss. Darüber hinaus sind jedoch regionale Zukunftsinitiativen entstanden. Wir waren auf Einladung des Polo Poschiavo vor Ort und lernten unter anderem die erfolgreichen Initiativen «100 % Poschiavo» und das Kulturlandschaftsprojekt «Runchèt» kennen.

TEC21: Der Wille, etwas gegen die Negativspirale zu unternehmen, ist also vorhanden. Aber es braucht dazu wohl auch finanzielle Ressourcen. Wie schaffen es diese Projekte, sich nachhaltig über Wasser zu halten?
Dominik Siegrist: Ohne Anschubfinanzierung durch staatliche Programme und private Stiftungen geht es kaum, aber daran magelt es in der Schweiz nicht. In dieser Hinsicht hat in den letzten 25 Jahren sogar eine Professionalisierung stattgefunden: Innovationen, die früher ein Schattendasein fristeten, sind heute Mainstream und werden von der Umwelt-, Landwirtschafts-, Regional- und Tourismuspolitik gefördert.

TEC21: Das ist eine erfreuliche Erkenntnis: Geld ist also verfügbar. Aber woran liegt es, dass nicht mehr Selbstinitiative ergriffen wird?
Dominik Siegrist: Staatliche und private Transferzahlungen tragen nicht immer dazu bei, innovative Geschäftsfelder zu entwickeln. So ist das Resultat der Berglandwirtschaftsförderung in der Schweiz hauptsächlich die Strukturerhaltung. Im Vergleich dazu kennen Österreich und Südtirol dynamischere Fördersysteme, die zum Beispiel stärker auf das Unternehmertum im Agrotourismus abzielen. Für den ganzen Alpenraum aber gilt: Finanzielle Anreize allein genügen nicht. Oft mangelt es an engagierten Akteurinnen und Akteuren vor Ort. Gute Projekte gibt es nur, wenn sich Menschen mit Zeitressourcen, Ideen und ausreichendem Know-how darum kümmern.

TEC21: Wie ist das zu verstehen?
Dominik Siegrist: In kleinen Bergtälern können engagierte Einzelpersonen den Ausschlag geben, dass etwas Neues entsteht. Aber leider wandern mit den Menschen auch Ideen und lokales Wissen aus den Dörfern ab. Das sind indirekte Folgen des sozialen und kulturellen Strukturwandels im Berggebiet. Eine bittere Konsequenz daraus ist auch, dass das gesellschaftliche Klima erstarrt. Manche Berggemeinden beginnen sich selber zu blockieren und verschliessen sich innovativen Ideen von innen und aussen. Paradoxerweise geschieht genau das Gegenteil dessen, was eigentlich nötig wäre. Die Ablehnung des Nationalparkprojekts Parc Adula in den Kantonen Graubünden und Tessin ist ein Beispiel dafür.

TEC21: Stimmt also das Klischee, der Bergler sei stur?
Dominik Siegrist: Die Probleme sind nicht psychologischer Natur, sondern strukturell und wirtschaftlich bedingt. Die sozioökonomische Ausgangslage ist schwierig, weil das Einkommen in den Randregionen deutlich tiefer ist als in den Zentren und zusätzlich die Grundversorgung immer mehr infrage gestellt ist. Dadurch kann das soziale und ökonomische Gefüge in einer Dorfgemeinschaft fragil werden

TEC21: Um den Mangel an Ideen und die Erstarrung aufzuheben, könnte man aber auf die temporären Gäste setzen. Sollen Zweitwohnungsbesitzer vermehrt am regionalen Entwicklungsprozess beteiligt werden?
Dominik Siegrist: Tatsächlich fällt positiv auf, wie häufig sich auch Zweiheimische in erfolgreichen Regionalinitiativen engagieren. Die Bezeichnung «Zweiheimische» gefällt mir eigentlich gut. Das sind Leute, die im Unterland und im Berggebiet zuhause sind. Menschen, die ihre Ferien häufig an einem Ort verbringen, bauen enge Bezüge zur Bergregion auf und bringen eigene Netzwerke mit. Das Einbinden von Fremden ist übrigens nichts Neues für die Alpenregion. Die Rhätische Bahn wurde seinerzeit von einem Niederländer gegründet, der Graubünden oft besuchte.

TEC21: Sprechen wir über bestens bekannte Konfliktfelder im Alpenraum. Welche neuen Spuren hat der Tourismus in den vergangenen 25 Jahren hinterlassen?
Dominik Siegrist: Berghänge, an denen im Sommer braune Skipisten sichtbar waren, sind heute begrünt. Oder auch die Speicherseen für die künstliche Beschneiung werden als Erholungszonen in die Berglandschaft eingebettet. Die Gestaltung glückt mehr oder weniger. Doch die Sensibilität gegenüber landschaftlichen Eingriffen ist allgemein gestiegen, in den Skiregionen und bei Bahnunternehmen.

TEC21: Wie haben sich die Diskussionen im Vergleich zu 1992 verändert?
Dominik Siegrist: Vor 25 Jahren stritten wir mit Tourismusvertretern über den Sinn von Schneekanonen. Heute wird diskussionslos flächendeckend beschneit. An den vielen Liften, Beschneiungsanlagen, Speicherseen und Pistenplanierungen ist zudem sichtbar: Die Aufrüstung geht weiter, obwohl die Gesamtnachfrage im alpinen Skitourismus stagniert. Eine Reihe von Skigebieten investiert zwei- bis dreistellige Millionenbeträge, zunehmend dank Investoren internationaler Herkunft.

TEC21: Gibt es Regionen, die bewusst auf einen Ausbau verzichten?
Dominik Siegrist: Das Unterengadin ist eine Destination, in der die Kräfte dafür und dagegen ringen. Für mittelgrosse Destinationen ist das typisch: Entweder man sucht Anschluss an den Kreis der Topresorts und möchte im alpinen Standortwettbewerb von der Marketingpower eines globalen Anbieters profitieren. Oder es geht in Richtung naturnaher Tourismus, der mit geringeren Investitionen verbunden ist. Bedenklich ist allerdings, dass trotz hohem finanziellem Risiko viele öffentliche Gelder für den Ausbau von Skigebieten fliessen. Dabei wird die Existenz der Klimaerwärmung kaum mehr bestritten; ganz anders als vor 25 Jahren, als man noch nicht daran glauben wollte.

TEC21: Vor 25 Jahren war der Widerstand gegen den Ausbau der Wasserkraft ein zentrales Anliegen im Alpenschutz. Breitet sich nun die Energiewende im Alpenraum aus?
Dominik Siegrist: Beim Energiethema hat sich einiges verändert. Einzelne Stauseeprojekte wie die Trift im Berner Oberland werden weiterhin bekämpft, weil sie die letzten naturbelassenen Täler gefährden. Dass das Ausbaupotenzial der Wasserkraft beschränkt ist, wird allerdings von niemandem bestritten. Den lokalen Widerstandsbewegungen Ende des letzten Jahrtausends ist da viel zu verdanken. Erneuerbare Energien wie Biomasse oder Solarenergie werden an vielen Orten in Alpen häufig selbst genutzt, während die Windenergie weniger ein Thema ist.

TEC21: Ein klassisches Thema für den Alpenschutz ist auch der Transitverkehr. Wie hat man sich hier inzwischen verständigt?
Dominik Siegrist: Zwar hat sich das Verkehrsaufkommen auf der Strasse in Europa verdoppelt, im Güter- und Freizeitverkehr. Doch das politische Ziel der Schweiz, die Güter auf die Schiene zu verlagern, ist im europäischen Alpenraum immer noch eine Besonderheit. Nur sollte die Vorgabe auch bei uns umgesetzt werden. Auf der Alpenwanderung ist uns jedoch akustisch besonders aufgefallen, wie stark der Motorradverkehr zugenommen hat. Das Verkehrswachstum ist ein Sinnbild für den Entwicklungsschub in den alpinen Regionen. Gerade in Österreich und Italien ist reichlich EU-Geld in die Infrastrukturentwicklung der peripheren Räume geflossen.

TEC21: Treibt das nur die ökonomische Entwicklung an, oder kann auch die Ökologie profitieren?
Dominik Siegrist: Die Natur profitiert leider zu wenig. Die Urbanisierung der Alpen verstärkt die Zersiedlung der Landschaft und den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur. Das Wirtschaftswachstum ist nicht nachhaltig; das Baugewerbe und die Holzwirtschaft hinterlassen sichtbare Zeichen, wie zum Beispiel grossflächige Kahlschläge und breite Forststrassen in den Wäldern Ostösterreichs. Auch die Berglandwirtschaft wirkt sich nicht immer positiv auf das Landschaftsbild aus. So haben wir im Bündner Hochtal Avers viele landwirtschaftliche Erschliessungsstrassen bemerkt, die sich als weisse Bänder die Berghänge hoch ziehen. Ob diese in zwanzig Jahren noch gebraucht werden?

TEC21: Vieles ist in den Alpen eine offensichtliche Gratwanderung. Wie sieht der ökologisch und sozioökonomisch fragile Raum aus, wenn die nächste Traverse zu Fuss in 25 Jahren fällig ist?
Dominik Siegrist: Die bisherige Dynamik wird sich wohl fortsetzen, und die Gegensätze werden sich verstärken: In ländlichen Regionen gehen die Abwanderung und der Rückgang der Flächenbewirtschaftung weiter. Hier wird die Natur gewinnen; sie kann sich frei entwickeln. Eine Diskussion über die Chancen von mehr Wildnis ist wünschenswert. Demgegenüber sollten sich alpine Agglomerationsregionen, etwa im Südtirol, im Wallis und in Savoyen stärker mit nachhaltigen, urbanen Entwicklungsfragen auseinanderzusetzen.

TEC21: Und wie geht es mit den erfolgreichen Initiativen weiter?
Dominik Siegrist: Selbst dort, wo heute Positives passiert, ist keine Trendwende zu erwarten. In der Ramsau, im Puschlav oder im Goms lässt sich der Bevölkerungsrückgang vielleicht dämpfen. Die Globalisierung macht das Schrumpfen in grossen Gebieten der Alpen jedoch unvermeidlich. Aber auch so ist für die Bergregionen wichtig, ihre Zukunftschancen wahrzunehmen und die nachhaltige Entwicklung voranzutreiben.

TEC21: Die letztjährige, 1800 km lange Wanderung quer über die Alpen war eine erkenntnisreiche und sportliche Leistung. Ist sie auch ein Genuss?
Dominik Siegrist: Wir haben eine abwechslungsreiche Reise durch eine vielfältige Landschaft mit vielen interessanten Begegnungen erlebt. Interessante Menschen trafen wir überall; die schönsten Gegenden fanden wir in den Natur- und Nationalpärken vor. Das Naturerlebnis hätte man sicher steigern können, wenn wir den Transittälern und Agglomerationen ausgewichen wären. Wir haben uns aber bewusst für den Besuch von Orten entschieden, an denen die Probleme und Zukunftsfragen gemeinsam mit den Leuten diskutiert werden konnten. Wir wollten auf unserer Wanderung erkunden, wo der Schuh im europäischen Alpenraum drückt.
 

Dominik Siegrist ist Alpengeograf, Autor von Wanderbüchern und Leiter des Instituts für Landschaft und Freiraum an der Hochschule Rapperswil.
Info: ilf.hsr.ch

 

ARCHIV: Die Ausgaben seit 2013

Abonnieren Zum Archiv