Realmodell des Durchschnitts

Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara gestalteten den preisgekrönten Schweizer Pavillon an der 16. Architekturbiennale. Die raumfüllende Installation «Svizzera 240: House Tour» stellt eine Abfolge von Wohnräumen dar und setzt sich kritisch mit der Schweizer Wohnung auseinander.

Danielle Fischer Architektur, Redaktorin TEC21

Auf ihrer Suche nach dem typischen Schweizer Wohnraum haben die Kuratoren – Assistentinnen und Assistenten an der ETH Zürich – Webseiten von Immobilienunternehmen und Architekturbüros durchsucht. Mit den dort gefundenen Bildern haben sie das Innere des Schweizer Pavillons zu einer Abfolge typisch schweizerischer Wohnräume ausgebaut. Was vom Eingang aus gewöhnlich und tausendfach gesehen erscheint – weisse Wände, Parkett und Sockelleiste –, entpuppt sich beim Durchschreiten als ein Spiel mit dem Massstab.

Die Zuverlässigkeit des 1:1-Modells wurde zugunsten eines funktionslosen und sich im Verlauf des Parcours verändernden Massstabs verworfen. Die Dimensionen werden kleiner oder grösser, und je nachdem, wo man sich befindet, fühlt man sich relativ zur Umgebung entsprechend klein oder gross. Um eine Türfalle zu erreichen, muss man sich im einen Fall weit nach oben strecken; einige Schritte weiter kommt man nur gebückt durch einen Gang. So vielleicht fühlt sich Alice im Wunderland, die verzweifelt auf der Suche nach der richtigen Tür ist und prompt die falsche erwischt: Für diese ist sie zu gross, und erst nachdem sie einen Trunk zu sich genommen hat, schrumpft sie, doch unglücklicherweise isst sie kurze Zeit später beim Hasen einen Kuchen und wird zur Riesin …

Wirklichkeit und Ikone

Die «House Tour» soll die Sensibilität erhöhen für Architektur in den eigenen Wohnräumen. Die Ausstellungsmacher sind von einer Vielzahl Schweizer Wohnungen ausgegangen und haben daraus sozusagen einen «Blend» kreiert. Mich erinnert der entstandene Raum an jene computergenerierten Gesichter, bei denen ein Fotograf eine Flut von Bildern überlagert: Das Resultat ist ein «Durchschnittsgesicht» der Schönheit oder einer bestimmten ethnischen Zugehörigkeit. Es wirkt real und doch seltsam fremd und ausdruckslos. So finde ich mich auch im ikonografischen Realmodell der Schweizer Durchschnittswohnung in Venedig räumlich und gefühlsmässig eher schwer zurecht.

Und kann man eigentlich vom Durchschnitt auf den Einzelfall schliessen – sei dies in der Genetik von Gesichtern oder in der Architektur? Wenn dem so ist, dann bestätigt sich in der «Ikone», was ich im Realfall bereits weiss: Die neu gebaute Schweizer Wohnung ist meist fantasielos korrekt, und es mangelt ihr an Charme. Sie ist in erster Linie das Resultat funktionaler und ökonomischer Überlegungen, in die dazu noch einige gestalterische Details einfliessen – für Spontanität oder Gefühl bietet das wenig Platz.
 

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