Giovanni Lombardi: Ein Leben auf der Suche nach der besseren Ingenieurskunst

Giovanni Lombardi gehört zweifellos zu den herausragenden Ingenieurpersönlichkeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Infrastruktur der modernen Schweiz geschaffen und unsere Wahrnehmung der Technik geprägt haben.

Aldo Rota Werkstoffingenieur ETH/SIA

Fern der Schweizer Berge – die den Nährboden für sein späteres berufliches Wirken bilden sollten – in den französischen Pyrenäen, wohin sein Vater 1916 aus dem Tessin ausgewandert war, verbrachte Giovanni Lombardi, geboren am 28. Mai 1926 in Lugano, seine ersten Lebensjahre. Von früher Jugend an mobil, polyglott (er beherrschte fünf europäische Sprachen und las rumänische und katalanische Texte) und kosmopolitisch, verbrachte er seine Schulzeit in Lugano, St. Gallen und Basel und studierte von 1944 bis 1948 Bauingenieurwesen an der ETH Zürich. Nach ersten praktischen Erfahrungen in Bern verfasste er von 1950 bis 1952 an der ETH Zürich seine Dissertation, in deren Titel «Schlanke Bogensperren» sich sein zukünftiges zentrales Interessengebiet abzeichnete und dem er – neben zahlreichen anderen Betätigungsfeldern – zeitlebens treu geblieben ist. 

Neben exzellenten Fachkenntnissen und vielfältigen Interessen zeichnete sich Giovanni Lombardi schon früh durch unternehmerischen Geist und Mut zum – sorgfältig kalkulierten – Risiko aus. Bereits kurz nach Abschluss seiner Ausbildung gründete er 1955 – in einer Zeit der Aufbruchsstimmung und des ungebrochenen Wachstumsglaubens im vorher etwas vernachlässigten Tessin – mit seinem Studienkollegen Giuseppe Gellera in Minusio bei Locarno das Bauingenieurbüro Lombardi & Gellera. Diesem Standort ist das Unternehmen treu geblieben, wenn es auch eine bewegte Geschichte hinter sich hat: die Trennung von Giuseppe Gellera 1964, die Umwandlung in eine AG mit Beteiligung der leitenden Mitarbeiter 1989 (ein damals unkonventioneller unternehmerischer Entscheid, der zum Erfolg geführt hat), die Ausweitung der Tätigkeit auf neue Geschäftsfelder wie Sicherheit, Verkehrsführung, Schutz vor Naturgefahren, Ökologie oder Management, die Ausdehnung auf zwei weitere Schweizer Bürostandorte (Luzern 2003 und Freiburg 2011) und die Gründung der ersten Auslandsniederlassung in Mailand 1997, auf die bald sieben weitere Niederlassungen auf drei Kontinenten folgten.

Sein «capolavoro» schuf der «Maestro» schon früh in seiner beruflichen Laufbahn: Die Staumauer Contra am Ausgang des Verzascatals ist seit ihrer Fertigstellung im Jahr 1965 mit 220 m Kronenhöhe ein Leuchtturm der Ingenieurbaukunst. Die zweifach gekrümmte, extrem schlanke Betonmauer mit ihren zwölf beidseitig symmetrisch angeordneten Hochwasserentlastungsrinnen, die in eleganten Sprungschanzen am Mauerfuss enden, setzt bis heute Massstäbe bezüglich Eleganz, Funktionalität und harmonischer Einbettung in eine kontrastreiche Landschaft. Sie prägt bis heute die landläufige Vorstellung einer Staumauer.

Nicht unmittelbar sichtbar wie die souveräne Eleganz des Bauwerks, aber technisch-historisch ebenso bedeutend ist die Tatsache, dass die komplexe Geometrie und Statik der Staumauer Contra als erstes derartiges Bauwerk weltweit mittels rechnergestützten Verfahren konstruiert und überprüft wurde. Als einer der ersten Bauingenieure in Europa erkannte Giovanni Lombardi – etwa zeitgleich mit anderen Visionären wie Heinz Hossdorf (1925–2007) oder dem Doyen des Beton-Schalenbaus Pier Luigi Nervi (1891–1979) – das Potenzial der digitalen Berechnungsmittel. Als Pionier wandte er diese neuen Methoden auf den Entwurf von Staumauern an. Im Informatikbereich leistete er bahnbrechende Arbeit, gehörte aber auch zu den Ersten, die später vor den Gefahren eines allzu grossen Vertrauens der Bauingenieure in die Informatik warnten.

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des noch jungen Ingenieurunternehmens war in den 1960er-Jahren die Projektierung des 1980 eröffneten, rund 17 km langen einröhrigen Gotthard-Strassentunnels, dem seinerzeit längsten Strassentunnel der Welt. Hier schrieb Lombardi Tunnelbau-Geschichte, denn sein Projekt mit einer zweifach gekrümmten Linienführung, einem parallelen Sicherheitsstollen, Querschlägen in kurzen Abständen und einer leistungsfähigen Be- und Entlüftungsanlage mit zwei Schächten setzte neue Massstäbe bezüglich Sicherheit und Komfort. Dieses Konzept erwies sich entgegen den kanonischen Regeln des Tunnelbaus als wirtschaftlicher und effizienter als eine gerade Linienführung. Später wurde das Büro Lombardis auch mit der von 2000 bis 2014 ausgeführten Ertüchtigung der Lüftung und der Sicherheitsausrüstung dieses Bauwerks betraut. 

Neben und nach diesen beiden Referenzobjekten entwarf, plante und baute Giovanni Lombardi mit seinen teilweise langjährigen Mitarbeitenden weltweit zahlreiche Infrastrukturbauten, von Talsperren unterschiedlicher Bauart über Strassen- und Eisenbahntunnels bis zu kompletten Wasserkraftwerken. Er war auch – seinerzeit ein Novum – für deren Betrieb und Unterhalt und gegebenenfalls Umbau, Erneuerung oder auch Rückbau verantwortlich. 

Dass Giovanni Lombardi bis ins hohe Alter als Ingenieur aktiv und auf der Höhe der technischen Entwicklungen war, zeigt etwa das Projekt seines Büros für einen rund 38 km langen Eisenbahntunnel unter der Meerenge von Gibraltar, das er am Swiss Tunnel Congress 2010 im KKL Luzern in einem beeindruckenden Vortrag präsentierte.

Sein Credo, wie es etwa in der 2015 erschienenen Festschrift zum 60-jährigen Firmenjubiläum prägnant formuliert ist: «Der kontinuierliche Wille, Schranken zu durchbrechen, vereint mit einer strengen Methodik, die auch heute (...) das Bild des Ingenieurs prägt, ermöglicht die Realisation aussergewöhnlicher und komplexer Bauwerke», lebte er während seiner gesamten Berufstätigkeit konsequent und als tägliches Vorbild für Mitarbeitende und Berufskollegen. Giovanni Lombardi verstarb am 22. Mai 2017.

Alle Beiträge aus TEC21 26-27/2018 zu Giovanni Lombardi finden Sie hier.

 

Weitere Beiträge von und über Giovanni Lombardi

«Ein Tunnel nach Afrika» (TEC21 14-15/2010)
«Lösungen sind noch nicht in Sicht» (TEC21 21/2011)
«L'ingegneria di Giovanni Lombardi» (Archi 3/2018)

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