Lust­voll und Pink: Neue An­sä­tze für das Woh­nen im Al­ter

Wie kann Architektur das selbstständige Wohnen im Alter unterstützen? Dieser Frage widmet sich die Ausstellung in Zürich Schwamendingen «Zuhause im Alter. Neue Perspektiven auf das Wohnen» - erarbeitet von der Berner Fachhochschule.

Data di pubblicazione
29-10-2026
Henriette Lutz
Architektin, Forscherin, seit 2020 Vorstandsmitglied des Vereins ‹créatrices.ch – Frauen gestalten die Schweiz›

Der Gemeinschaftsraum im Mattenhof der Siedlungsgenossenschaft Sunnige Hof in Zürich Schwamendingen hat sich in eine pinke Wohnwelt verwandelt. Der spielerische Charakter der Ausstellung  «Zuhause im Alter. Neue Perspektiven auf das Wohnen» sucht einen selbstbestimmten Zugang zu der Frage, wie wir im Alter wohnen und leben wollen.

Die Inhalte der Ausstellung basieren auf dem interdisziplinären Forschungs- und Lehrprojekt zur bewegungsfördernden Architektur im Alter der Berner Fachhochschule. Ein Teil der Ausstellung ist als Wohnzimmer eingerichtet. Im Fernseher läuft der eigens gedrehte Dokumentarfilm «Bewegter Wohnalltag» von der visuellen Anthropologin Leonie Pock. 

Er zeigt die Wohnrealität von fünf älteren Menschen. Als Experten und Expertinnen ihrer eigenen Lebenswelt brachten sie ihre Erfahrungen und Wohnwünsche in das Projekt ein. So ergänzten sie das Planungswissen und nahmen Einfluss auf die Vorstellungen der Studierenden und Forschenden, was gutes Wohnen im Alter bedeutet.

Dialog mit den Nutzenden führen

Architektur kann nur im Dialog entstehen. Doch wird er auf verschiedenen Ebenen geführt: Mit Behörden, Planenden, Handwerkern, Auftraggeberinnen und Bewohnenden. Um auf den unterschiedlichen Ebenen mit den Personen Gespräche zu führen, müssen wir als Architektinnen und Architekten jeweils eine eigene Sprache entwickeln. Gerade im Dialog mit aktuellen oder zukünftigen Bewohnenden geschieht dies noch immer zu selten oder unzureichend. 

Häufig werden diese mit einer abstrakten Fachsprache, mit Zahlen und Normenwissen in eine passive Rolle gedrängt. Ihre Wünsche, Fragen und eigenen Ideen finden so zu wenig Gehör. Die Ausstellung soll auch Architekt*innen ermutigen, sich dem Fragenstellen und dem Zuhören zu öffnen und die Bedürfnisse von Bewohnenden als Bereicherung für zukünftige Entwürfe zu nutzen.

Die Ausstellung richtet sich mit Fragen rund um Alltagsbewegungen und das Wohlbefinden direkt an die Besuchenden. Diese werde so selbst zu Citizen Scientists. Dabei geht es um die Lust zum Treppensteigen, nachbarschaftliche Kontakte oder geteilte Räume.

Verschiedene Lebensphasen im Alter

Den alten Menschen gibt es nicht. Keine Lebensphase ist so heterogen wie das Alter. Hinter Interessen, Leidenschaften, Bedürfnissen und sozialen Netzwerken stecken viele Jahrzehnte voller Leben. Das Alter selbst besteht aus mehreren Generationen, denn 65 ist nicht gleich 85 Jahre alt. Aus diesem Grund müssen Lebensräume für das Alter so gestaltet sein, dass sie möglichst allen Personen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden.

Die allermeisten Menschen möchten zu Hause, in gewohnter Umgebung, alt werden. Dafür müssen Wohnungen möglichst barrierefrei zugänglich und nutzbar sein. Hierfür gibt es Normen. Diese sind nicht immer perfekt und funktionieren nicht für alle Situationen und Menschen gleich gut. Aber sie geben Planenden Orientierung darüber, was eine Wohnung können muss.

Doch Barrierefreiheit allein reicht nicht aus, um möglichst lange im gewohnten Umfeld leben zu können. Entwicklungen wie die Digitalisierung und Technologisierung unserer Lebenswelt, der gestiegene Wohlstand und der starke Ausbau von Dienstleistungen aller Art tragen zu einem bewegungsarmen Alltag bei. Dabei ist es gerade die stete Bewegung, in Form von Alltagsbewegung, die zur Gesundheit beiträgt. 

Sie entfaltet eine präventive Wirkung im Hinblick auf körperliche und kognitive Einschränkungen und wirkt sich förderlich auf den Erhalt der Selbstständigkeit im Alter aus. Die Ausstellung fasst den Begriff der Bewegung breit und versteht darunter auch soziale Interaktionen mit Menschen, aber auch mit Tieren oder Pflanzen. Wie soll man nun Architektur denken, die Hindernisse vermeidet, aber gleichzeitig zur Bewegung anregt?

Studierende erproben neue Konzepte

Grossformatige Plakate thematisieren das Zusammenwirken von Gesundheit und Architektur für ein gutes Wohnen im Alter. Gezeigt werden auch Entwürfe zu neuen Wohnformen für das Alter von Architekturstudierenden. Die Studierenden untersuchten eine typische Berner Gartenstadtsiedlung aus den 1950er Jahren. Mit massvollen Eingriffen verdichteten sie die bestehenden Bauten und das Quartier und bereicherten es durch andere Wohnungstypen. 

Die Studierenden haben sich über das Zusammenleben mit Katzen Gedanken gemacht. Häuser entworfen, die das gemeinschaftliche Gärtnern in den Vordergrund stellen und sich damit auseinandergesetzt, wie der Wohnalltag älterer Menschen mit Hochsensibilität aussehen kann. 

Die studentischen Arbeiten hinterfragen gewohnte Vorstellungen des Wohnungsbaus. Sie erproben neue Erschliessungen, andere räumliche Beziehungen und ungewohnte Wohnformen. Die Ausstellung «Zuhause im Alter. Neue Perspektiven auf das Wohnen» stellt Fragen, gibt Denkanstösse und eröffnet Diskussionen darüber, wie wir im Alter wohnen wollen.

Henriette Lutz ist Architektin und leitete das Forschungsprojekt „Bewegungsfördernde Architektur im Alter“ an der Berner Fachhochschule.

 

Die Ausstellung «Zuhause im Alter. Neue Perspektiven auf das Wohnen» ist im Treffpunkt, dem Gemeinschaftsraum im Sunnige Hof, Mattenhof 16, 8051 Zürich zu sehen und läuft noch bis zum 8. November 2026. Der Eintritt ist kostenlos.

 

Weitere Informationen zum Begleitprogramm und Ausstellungsführungen finden Sie hier: https://www.wohnenab60.ch/ausstellung/

 

Die Berner Fachhochschule, die Stiftung Alterswohnen der Stadt Zürich, die Siedlungsgenossenschaft Sunnige Hof, die Gesundheitszentren für das Alter der Stadt Zürich, das Gemeinschaftszentrum Hirzenbach und die Initiative Kreis 12 vernetzt tragen das Projekt gemeinsam.

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