Beteiligung als Grundlage guter Gestaltung
Architekturkritik MAS gta ETH
Der Ueberlandpark Zürich-Schwamendingen zeigt, wie breit getragene Mitwirkung zu einem Freiraum von hoher architektonischer und sozialer Qualität führen kann.
Was bringt die Einhausung Schwamendingen? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Studierenden des MAS gta ETH. In einer Online-Serie und in espazium magazin 5/2026 zeigen wir die besten Architekturkritiken und laden zum Mitdiskutieren ein.
Der Park auf der Autobahneinhausung ist mehr als ein neues Stück Stadtlandschaft. Er entstand aus einem Prozess, der die Bedürfnisse des Quartiers früh und breit einfing. Dass die Stimmberechtigten 2021 mit 85 % Zustimmung zusätzliche 11.4 Mio. Fr. für einen «echten Park» bewilligten, war ein starkes Bekenntnis zur Aufwertung eines seit den 1980er-Jahren durch die Autobahn zerschnittenen Stadtteils.
Mitwirkung als Planungsgrundlage
Bereits 2018 liess die Stadt Zürich lokale Anspruchsgruppen umfassend befragen. In Interviews und Workshops wurden 13 sehr unterschiedliche Perspektiven einbezogen – von Quartierverein, Nachbarschaftshilfe und Jugendangeboten über Schulen, Gewerbe und Detailhandel bis hin zu gemeinnützigen und privaten Eigentümerschaften sowie der städtischen Sozialraumkoordination. Trotz dieser Vielfalt zeigte sich ein klarer Konsens: Gewünscht war ein offener, einfach zugänglicher Freiraum mit schlichter Infrastruktur – Wasser, Toiletten, Abfalleimer –, sicheren ungeteerten Wegen und Raum für Spiel und Begegnung, jedoch ohne Eventrummel.
Viele dieser Anliegen prägen den Park heute spürbar. Die kiesgebundenen Wege orientieren sich an realen Fuss- und Veloströmen, Sitzgelegenheiten und Beleuchtung schaffen Übersicht und Sicherheit, Spiel- und Bewegungsbereiche sind dezent integriert. Selbst die zurückhaltende Materialität geht auf den Wunsch nach schlichter Gestaltung zurück. Die Mitwirkung war hier keine Pflichtübung, sondern ein Entwurfsinstrument, das die räumliche Sprache direkt beeinflusst hat.
Soziale Qualität im Alltag
Die soziale Qualität des Ueberlandparks zeigt sich weniger in spektakulären Gesten als im funktionierenden Alltag. Flach geneigte Rampen, Treppen und Lifte machen den 940 m langen Park von allen Seiten zugänglich, Orientierungstafeln und beidseitige Handläufe an Treppen tragen zur Sicherheit bei. Durchdachte Details wie robuste Möbel und genügend Abfalleimer unterstützen eine nachhaltige Nutzung. Kleinere Mängel bleiben dennoch sichtbar: Wegweiser verschwinden hinter wachsenden Sträuchern und an einzelnen Bodenplatten entstehen Stolperkanten.
Eine Besonderheit bildet die geschwungene Rutschbahn, die das Parkniveau direkt mit der Zugangsstrasse verbindet – ein spielerisches Element, das sich gut einfügt.
Der Pavillon, zugleich Treffpunkt und kleines Quartierrestaurant, wirkt als sozialer Anker. Dass Anwohnende dort dreimal pro Woche kochen, stärkt die Identifikation – und wohl auch die bemerkenswerte Pflegequalität: Der Park ist bis jetzt sauber und weitgehend frei von Vandalismus, ein Hinweis darauf, dass robuste Gestaltung und lokale Aneignung zusammenwirken. Weniger gelungen sind die knapp bemessenen kostenpflichtigen Toiletten und die insgesamt geringe Verschattung.
Ein Park mit Wirkung
Trotz schwieriger Standortbedingungen – Wind, Hitze, geringe Bodentiefe – wirkt die Bepflanzung überraschend vielfältig: Rasenflächen, hohe Gräser, Kletterpflanzen sowie locker gesetzte Sträucher und kleine Bäume schaffen Weite und Transparenz. Ein flaches Wasserbecken und mehrere Trinkbrunnen ergänzen den atmosphärischen Freiraum.
Der Ueberlandpark erfüllt vieles von dem, was sich die Bevölkerung gewünscht hat: Er verbindet, schafft Aufenthaltsqualität und stärkt die Identität im Quartier. Vor allem zeigt er, dass gute Gestaltung entsteht, wenn Bedürfnisse früh erfasst und ernst genommen werden. Mitwirkung wurde hier zur Grundlage – nicht zum Zusatz.
Marion Häni ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität St. Gallen und absolviert derzeit den MAS gta ETH. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Post-Occupancy Evaluation.