We­sen ge­gen die Ang­st

Bei den Strecken, die in New York zurückzulegen sind, ist die U-Bahn ein Geschenk – dennoch ist es weder in den Stationen noch in den Waggons besonders gemütlich. Doch freundliche Tiere und andere Geschöpfe, kunstvoll festgehalten in Mosaiken, geben Gegensteuer. Eine Bilderreise.

Data di pubblicazione
28-06-2022

Wer seit den schlimmsten Zeiten der Pandemie nicht völlig auf das Fahrrad umgesattelt ist, kehrt in diesen Wochen in die Subway zurück: Mit etwas Respekt setzt man sich gegenseitigen Stimmungen und Viren aus. Die Akzeptanz der Maskenpflicht variiert nach Gegend und Uhrzeit. Dicht vor meinem Haus in Brooklyn rattert der «M-Train» über brüchige Stahlkonstruktionen und über das Wasser nach Manhattan, wo der Zug in den Untergrund eintaucht. Und hier stellt sich nach wie vor ein ungutes Gefühl ein. Kein Tageslicht, schlechte Luft, Menschengedränge. Die Einfahrt in eine hell beleuchtete Station ist immer ein kleiner Meilenstein.

Dieser Beitrag ist Teil unserer Sommerserie «Hella in New York». TEC21- Redaktorin Hella Schindel wird für uns während drei Monaten in loser Folge über Trouvaillen aus dem Big Apple berichten.

Dabei sind Wandgestaltungen, die die Orientierung auf künstlerische Art erleichtern, eine zusätzliche Freude. Mal beziehen sie sich nur auf die Nummer der Strasse, mal ist es ein Hinweis auf ein besonderes Gebäude, das sich über dem Ort befindet. Die Informationen sind kunstvoll in die Fliesen und Mosaike eingearbeitet und verkörpern die ästhetischen Maximen ihrer jeweiligen Entstehungszeit, von 1904 bis heute. Zusätzlich wurden seit den 1990er-Jahren regelmässig Künstler mit Entwürfen zu einzelnen Stationen und Passagen beauftragt, von denen viele eine eigene Reise wert sind.

Rein physisch müssen die Orte vielem standhalten: Feuer, schnelle und extreme Klimaveränderungen, Luftdruckwellen, Gewalt und dazu allen Arten von Schmutz und grässlichen Reinigungsmittel. Aber auch ihre Bedeutung als Vermittler von Sicherheit, Orientierung und als Stimmungsaufheller der Reisenden ist nicht zu unterschätzen. Wohl aus diesem Grunde finden sich vermehrt heitere Szenen in den Wandbildern. Wer sich nicht schon an einer schön gestalteten und sorgsam ausgeführten Ziffer erbauen kann, dem bietet sich eine ganze Reihe von auffällig liebenswerten Kreaturen als punktuelle Reisebegleiter.

Das jüngste Werk erstreckt sich unter dem Knotenpunkt der 42. Strasse und dem Times Square. Der Künstler Nick Cave (*1959 in Missouri), lehrt und arbeitet als Tänzer, Bildhauer und Performer in Chicago (nicht zu verwechseln mit seinem australischen Namensvetter von der Band «The Bad Seeds»). Grundlage seiner Arbeiten sind «Soundsuits»: phantasievolle, farbenfrohe Anzüge aus Alltagsmaterialien, die die Gestalt dessen, der darin steckt, verbergen. Sie schützen und schmücken ihn gleichermassen. Als zweite Haut verleihen sie den Trägern eine von Geschlecht, Hautfarbe oder Gesellschaftsschicht unabhängige Identität. In der Bewegung verändern sich die Anzüge und machen Geräusche.

Nach Fotos von Tanzszenen aus früheren Performances sind nun Mosaike der Anzüge entstanden. Die abgebildeten überlebensgrossen Kleider mit kaum sichtbaren Menschen darin erinnern an rituelle afrikanische Kostüme, an religiöse Trachten oder auch an verpuppte Larven und verbreiten eine kraftvolle, festliche Stimmung. Zugleich geht auch etwas Beunruhigendes von ihnen aus, weil sich die darin verborgenen Personen einer Einordnung entziehen – eine Irritation, die die Betrachtenden dazu bringen soll, das eigene Urteilen über ihre Mitmenschen zu hinterfragen.

Die Ausführung der Mosaike ist so kunstvoll, dass die einzelnen Fransen und Antennen der Kostüme in der eingefrorenen Bewegung nachzuwippen scheinen. Zusätzlich verstärkt die nuancierte Farb- und Formwahl sowie der Einsatz unterschiedlich spiegelnder Steine die Wirkung von Licht und Schatten und verleiht den Geschöpfen eine dreidimensionale Präsenz.

Durch die eigene Bewegung und auch als Hintergrund anderer Passanten verändert sich die Wahrnehmung der Bilder. Zusätzlich ist der Effekt beim Anblick von nah und von fern ein ganz unterschiedlicher. Mit ihrer dynamischen Erscheinung mischen sich die Gestalten unter das bunte Volk der New Yorker und bedienen damit deren oberstes Bedürfnis: Nirgends fühlen sie sich sicherer und wohler als unter ihresgleichen.

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